Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FRANKFURT/ Alte Oper: Konzert des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters. Marek Janowski verabschiedet sich

20.01.2026 | Konzert/Liederabende

Protestantisch und katholisch – Marek Janowski verabschiedet sich

mar2
Foto: Copyright by Diana Hillesheim

Der 19. Januar 2026 in der Alten Oper Frankfurt markierte möglicherweise das Ende einer Ära. Marek Janowski, geboren am 18. Februar 1939 in Warschau, fast 87 Jahre alt und einer der letzten großen Vertreter der klassischen deutschen Dirigentenschule, kehrte zum Frankfurter Opern- und Museumsorchester zurück – sehr wahrscheinlich zum letzten Mal. Wer ihn an diesem Abend erlebte, konnte diesen Gedanken kaum fassen. Zu präsent, zu wach, zu konzentriert wirkte dieser Mann, der seit Jahrzehnten für Klarheit, Maß und kompromisslose Ernsthaftigkeit steht. Nichts an seinem Auftreten deutete auf Abschied hin. Im Gegenteil: Janowski schien ganz im Jetzt zu sein, frei von Sentimentalität, frei von Geste. Kerzengerade stand er vor dem Orchester, wachte mit Argusaugen über dem musikalischen Geschehen und regulierte in kleinen, präzisen Gesten fortwährend die Dynamik in den Soli- und Tuttistellen. Es war faszinierend, ja fast unwirklich, wie alterslos dieser betagte Dirigent agierte – als hätte die Zeit an ihm vorübergezogen, ohne Spuren zu hinterlassen. Ein Musiker, der nichts mehr beweisen muss und gerade deshalb alles sagt, was die Musik zu sagen hat.

Janowskis Bedeutung für die Klassikwelt ist kaum zu überschätzen. Als ehemaliger Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker (2001–2003 und erneut 2019–2023), des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (2002–2016) und in früheren Jahren Generalmusikdirektor in Dortmund und Freiburg hat er Orchester zu Weltklasse-Niveau geformt. Seine Diskografie – darunter der legendäre „Ring des Nibelungen“ mit der Staatskapelle Dresden – setzt bis heute Maßstäbe für eine nüchterne, doch zutiefst spirituelle Lesart des deutschen Repertoires. Im Alter von über 85 debütierte er erst kürzlich in der Saison 2024/25 mit dem New York Philharmonic – ein Beweis für seine anhaltende Vitalität und Relevanz. Sein bewusster Rückzug von der Opernszene in den 1990er Jahren diente allein der Konzentration auf das symphonische Kernrepertoire, wo er als Spezialist für Wagner, Strauss, Bruckner und Brahms gilt. In Zeiten flüchtiger Trends und viralen Spektakels wirkt Janowski wie ein Anachronismus – und genau deshalb unverzichtbar. Ein Brückenbauer zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen polnischer Sensibilität und deutscher Präzision. Wenn dies wirklich sein Abschied von Frankfurt war, hinterlässt er eine Lücke, die nicht zu füllen sein wird. Seine Interpretationen von Bruckner, etwa in seinem gefeierten Zyklus mit dem Orchestre de la Suisse Romande, werden für ihre Klarheit und Strukturbewusstsein gelobt: Janowski vermeidet jede Überhöhung und betont stattdessen die organische Entwicklung der Musik.

Das Programm stellte zwei scheinbar gegensätzliche Welten nebeneinander: Felix Mendelssohn Bartholdy, den protestantisch geprägten, kosmopolitischen Klassiker mit unfehlbarem Formgefühl, und Anton Bruckner, den tiefgläubigen katholischen Österreicher, dessen Sinfonien wie gotische Kathedralen aus Klang errichtet sind. Janowski verband diese Pole nicht durch plakative Kontraste, sondern durch Haltung: Ernsthaftigkeit, strukturelles Denken und die Überzeugung, dass musikalische Wahrheit aus innerer Logik und klarer Form entsteht. Mendelssohns Violinkonzert, entstanden zwischen 1838 und 1844 in enger Zusammenarbeit mit Ferdinand David, ist ein Meisterwerk des Dialogs und der Eleganz. Bruckners Siebte Sinfonie, komponiert 1881–1883 und gewidmet Richard Wagner, markiert Bruckners internationalen Durchbruch und verbindet Spiritualität mit symphonischer Architektur. Unter Janowskis Leitung wurde eindrücklich klar, wie beide Werke – trotz unterschiedlicher Wurzeln – von einer gemeinsamen Ernsthaftigkeit getragen werden.

mare1
Arabella Steinbacher. Foto: Copyright by Diana Hillesheim

Den Auftakt bildete Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op. 64 – eines der meistgespielten Werke der Literatur und gerade deshalb ein unbestechlicher Prüfstein. Als Solistin trat Arabella Steinbacher auf, frühere MuseumsSolistin und international gefeierte Virtuosin, deren Spiel von makelloser Intonation und warmer Natürlichkeit geprägt ist – Eigenschaften, die bestens zu Janowskis Ansatz passten. Das Konzert ist innovativ: Es beginnt sofort mit dem Soloeinstieg der Violine, die drei Sätze sind attacca verbunden, und die Kadenz erscheint unkonventionell vor der Reprise. Der berühmte sofortige Einsatz der Solovioline zu Beginn des ersten Satzes wirkte nicht als Effekt, sondern als selbstverständliche Fortsetzung eines inneren Gesangs. Steinbachers Ton war geschmeidig, fokussiert und von einer seltenen Wärme, ohne je ins Süßliche zu kippen – zuweilen in seiner Zartheit geradezu impressionistisch. Die Hauptthematik, ein leidenschaftliches, aufsteigendes Motiv in e-Moll, das Mendelssohn 1838 als „unruhig“ beschrieb, wurde von Janowski mit sehr kontrollierter Dynamik gestaltet: Forte als Weite, nicht als Schwere.

Und doch verstand Janowski das Konzert als reinen Dialog. Nie wurde das Orchester zum bloßen Begleiter degradiert; stattdessen entstand ein fein austariertes Gespräch. Besonders im ersten Satz waren die motivischen Verflechtungen zwischen Holzbläsern und Violine meisterhaft herausgearbeitet: Die Oboe-Melodie im Übergang zum zweiten Thema klang wie ein sanftes Echo der Solovioline, ein Detail, das Mendelssohns dialogische Meisterschaft unterstrich. Janowski legte Wert auf klassische Proportionen; Übergänge wurden nicht dramatisiert, sondern organisch entwickelt. Dadurch gewann das Werk an innerer Ruhe, ohne an Spannung einzubüßen. Die Entwicklungspartie führt zu einer Kadenz, in der die Solistin allein steht – ein Moment der Intimität, der in Janowskis Lesart wie eine reflexive Pause wirkte. Das Orchester offenbarte Mendelssohns oft unterschätzte orchestrale Raffinesse – die feinen Abstufungen der Streicher, das sanfte Atmen der Holzbläser, die zurückhaltende Präsenz der Hörner zeugten von intensiver Probenarbeit. Hier musizierte das Orchester wie in der Kammermusik: durchsichtig, leicht, dialogisch, intim trotz des großen Apparats. Janowskis Herangehensweise erinnerte an seine Aufnahmen der deutschen Romantik: Klarheit über Effekthascherei, wie in seinen Brahms- oder Strauss-Interpretationen.

Das folgende Andante wurde zum emotionalen Kern: Janowski wählte ein ruhiges, atmendes Tempo, das Raum für Innigkeit ließ. Die Holzbläser sangen mit warmer Kantabilität, die Streicher legten einen weichen Klangteppich darunter. Steinbachers Spiel war hier besonders introspektiv; jede Phrase sorgfältig geformt, jede dynamische Nuance bewusst gesetzt. Es entstanden Momente höchster Konzentration, in denen die Zeit sich dehnte. Das Mittelteil intensiviert sich dramatisch, ja herzzerreißend, bevor es wieder zur Ruhe findet – eine typisch mendelssohnsche Balance zwischen Leidenschaft und Kontrolle. Der Finalsatz brachte leichten, tänzerischen Kontrast: Mendelssohns elfenhafte Beweglichkeit wurde nicht überzeichnet, die Tempi blieben geschmeidig, die Rhythmen präzise, die Tuttis sehr durchsichtig. Die Pizzicati und die fliegenden Läufe der Violinen wirkten wie ein leises Flüstern, fast kammermusikalisch intim. Steinbacher spielte mit sichtbarer Freude, das Orchester antwortete wach und agil. Ein Beginn des Abends, der durch Eleganz und höchste klangliche Akkuratesse überzeugte. Das Konzert, Mendelssohns letztes großes Orchesterwerk, spiegelt seine Reife: Perfektion in der Form, Emotion ohne Übertreibung. Steinbacher wählte als Zugabe mit Sergej Prokofjew einen großen Kontrast und riß damit das Publikum zu Ovationen hin.

Nach der Pause folgte das große Gegenstück: Anton Bruckners siebte Sinfonie in E-Dur, entstanden in den frühen 1880er Jahren und Schlüsselwerk für Bruckners internationalen Durchbruch. Ihre formale Geschlossenheit und vergleichsweise klare Tonsprache unterscheiden sie von späteren Sinfonien. Janowski nutzte diese Klarheit vorbildlich: Er vermied jede mystische Überhöhung, ohne den spirituellen Kern zu verraten. Wo Mendelssohn im kammermusikalischen Dialog schwebte, baute Janowski bei Bruckner einen großen, doch stets durchsichtigen Klangraum auf – als wolle er zeigen, dass wahre Größe in der Klarheit liegt. Die Anfangsmelodie der Celli entstand ruhig auf der Grundlage eines extrem mysteriösen Tremolos der Streicher, das ohne Pathos aus dem Nichts emportauchte; die Musik wuchs Schicht um Schicht, mit Geduld und Übersicht. Der erste Satz folgt einer erweiterten Sonatenform mit drei Themen: Das Hauptthema in E-Dur steigt aus dem Tremolo auf, das zweite in B-Dur ist lyrisch, das dritte choralartig. Die Entwicklung bringt motivische Fragmente in ein spannungsreiches Gespräch, die Coda endet mit einem triumphalen E-Dur-Crescendo über einem Pedalton in der Pauke.

Das Adagio – gewidmet Richard Wagner, den Janowski wie kaum ein anderer interpretiert hat – geriet zum zentralen, berührenden Höhepunkt. Janowski nahm sich Zeit, ohne den Spannungsbogen zu verlieren. Die Wagner-Tuben sangen mit dunklem, mystischem Glanz, die Streicher atmeten weit. Der berühmte Beckenschlag, den es bei Janowski immer gibt, wirkte nobel und zwingend, nicht als Effekt, sondern als logischer Kulminationspunkt. Es war schön, nach längerer Zeit wieder einmal Jürgen Friedel an den Becken zu bewundern, der diese in ganz besonderer Weise zum Klingen bringt. Mit Kraft und treffsicherer Klangvorstellung gab er seinem zentralen Einsatz eine selten zu erlebende klangliche Bedeutung und Gewicht in der Ausführung. Das Adagio wechselt zwischen c-Moll und C-Dur, mit choralartigen Themen, die Bruckners Frömmigkeit widerspiegeln. Janowskis Lesart erinnerte an seine Bruckner-Aufnahmen: Präzision und natürliche Steigerung, Haupt- und Nebenstimmen optimal aufgefächert.

Das Scherzo setzte sodann einen scharfen Kontrast: rhythmisch prägnant, mit erdiger Energie und Ecken. Das Trio bot ein kurzes Innehalten, bevor die Kraft zurückkehrte. Bruckners Klangterrassen – diese scheinbar endlosen Steigerungen – erhielten unter Janowskis Händen organische Selbstverständlichkeit. Lautstärke war nie Selbstzweck; alles wuchs aus dem Vorhergehenden. Im Finale folgte eine Steigerung nach der anderen, klar disponiert, ohne Drängen. Über dem tiefen Pauken-Pedelton baute sich das Blech zu einer hellen, transzendenten Apotheose auf – transparent, ohne je dröhnend zu werden. Die Schlussapotheose wirkte leuchtend und gelöst, nicht triumphal, sondern erhoben – ein Moment der Erlösung, der Bruckners katholische Frömmigkeit mit Janowskis rationaler Präzision verband. Die Sinfonie, trotz anfänglicher Kritik in Wien, wurde zu Bruckners Triumph, und Janowski machte daraus ein Vermächtnis.

Hier zeigte sich Janowski als Klangregisseur par excellence: aufmerksam, kontrollierend, uneitel. Sein Dirigat war sparsam, präzise, ohne große Geste. Und genau darin lag die Besonderheit dieses Abends. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielte großartig und mit sichtbarer Hingabe – der farbenreiche Streicherapparat, die warmen Holzbläser, das edle Blech und das wache Schlagzeug fügten sich zu einem beeindruckenden Ganzen. Am Ende wurde nach fast vier Jahrzehnten Posaunist Hartmut Friedrich, der vom Orchester sehr geschätzt wird, in den Ruhestand verabschiedet.

Das Publikum hielt nach dem letzten Akkord gebannt inne und reagierte dann auf die Darbietung der Bruckner-Sinfonie mit enthusiastischem, langem Applaus und vielen Bravo-Rufen – wohl wissend, dass sie Zeugen eines historischen Moments waren. Marek Janowski stand am Pult, hochkonzentriert, völlig über den Dingen. Während Hartmut Friedrich nach fast vier Jahrzehnten seinen letzten Takt spielte und das Publikum Janowski feierte, schien der Abend selbst ein doppelter Abschied: von einem langjährigen Orchestermitglied und vielleicht von einem der letzten wahren Giganten am Pult. Ob dies tatsächlich sein Abschied war, bleibt offen – so selbstverständlich und absolut mühelos wirkte sein Dirigat. Nach diesem Abend möchte man ihm einerseits glauben, wenn er sagt, er höre auf. Und doch denkt man unweigerlich: Besser nicht aufhören. Sag niemals nie. Die Musik braucht solche Giganten – und sie werden immer rarer.

Ein Abend, der nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich in Erinnerung bleiben wird.

Dirk Schauß, 20. Januar 2026

Konzert des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters am 19. Januar 2026 in der Alten Oper Frankfurt

 

 

Diese Seite drucken