Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FRANKFURT/ Alte Oper: Konzert des CBSO in der Alten Oper Frankfurt

09.03.2026 | Konzert/Liederabende

FRANKFURT/ Alte Oper: Konzert des CBSO in der Alten Oper Frankfurt

ettz
Kazuki Yamaka. Foto: Andrew Fox 

Die Erwartung in der Alten Oper Frankfurt war am Sonntag, 8. März 2026, greifbar. Wenn Bruce Liu die Bühne betritt, schwingt mehr mit als nur die Neugier auf einen Chopin-Preisträger. Der in Paris geborene, in Kanada aufgewachsene Pianist – mit einem Namen, der an eine Martial-Arts-Legende erinnert, und einer Leidenschaft fürs Kartfahren – hat sich in kürzester Zeit als pianistischer Grenzgänger etabliert. Tief verwurzelt in Konfuzianismus und Taoismus, vereint er scheinbare Gegensätze in einer einzigartigen Einheit. Gemeinsam mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) unter Kazuki Yamada bewies er an diesem Abend, dass französische Anschlagseleganz und eruptive emotionale Wucht perfekt harmonieren können.

Den Auftakt machte William Waltons Krönungsmarsch „Orb and Sceptre“ (1953 für Elizabeth II.). Das CBSO unter Yamada legte sofort los: imperial, laut, einnehmend – eine etwas derbere, rhythmisch vertracktere Variante von Elgars „Pomp and Circumstance“. Blech und Schlagzeug brillierten und ließen die Wände erzittern. Eine feinere dynamische Differenzierung hätte dem feierlichen Charakter noch mehr Tiefe gegeben, doch als energiegeladener Weckruf für das Frankfurter Publikum funktionierte der Einstieg perfekt.

ett
Bruce Liu. Foto: Andreas Etter/Pro Arte

Dann der Höhepunkt für viele: Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll. Bruce Liu fegte jede Routine mit dem berühmten Eröffnungsakkord – jenem gewaltigen, weit greifenden Fortissimo – sofort beiseite und setzte eine Interpretation, die von Anfang an höchste Intensität versprach. Sein Anschlag ist von atemberaubender Vielfalt und Raffinesse: In den lyrischen Episoden des ersten Satzes zauberte er Töne von kristalliner Transparenz und federleichter Schwerelosigkeit hervor, die wie aus weiter Ferne schwebten, während er gleichzeitig eine unterschwellige Spannung aufbaute, die nie explodierte, sondern wie ein unterirdischer Strom pulsierte. Die dramatischen Ausbrüche hingegen mobilisierte er mit orchestraler Wucht, besonders in der linken Hand, wo tiefe Bässe wie Donnerschläge rollten und das Klavier fast zum zweiten Orchester werden ließen – eine Klangmacht, die Tschaikowskys russische Seele atemlos einfing.

Im zweiten Satz zeigte Liu seine tiefste Verbundenheit zur Romantik: Er begann mit einer innigen, schüchternen Zärtlichkeit, die den berühmten Flötenmelodien des Orchesters Raum gab, ohne sie zu übertönen. Seine Phrasierung war von exquisiter Kantabilität – jede Melodielinie sang, bog sich organisch, atmete in natürlichen Rubati, die nie manieriert wirkten. Die dynamischen Bögen waren hauchfein moduliert: vom zartesten Pianissimo bis zu warmen Crescendi, die das Herz berührten. Hier offenbarte sich Liu als Poet am Klavier, der Tschaikowskys melancholische Innigkeit mit einer französischen Eleganz verband, die an Debussy oder Ravel erinnerte – eine seltene, berührende Synthese.

Der dritte Satz schließlich entfesselte die „kaum beherrschbare Energie“, für die Liu bekannt ist. Das Presto-Allegro di fuoco explodierte in einem Rausch aus Rasanz und Vitalität: Die schnellen Läufe und Oktavpassagen glitten mit atemberaubender Präzision und Geschwindigkeit über die Tasten, doch stets musikalisch gebändigt – nie bloße Virtuosität, sondern immer im Dienst des dramatischen Bogens. Die rhythmischen Akzente knallten wie Peitschenhiebe, die Synkopen tanzten mit folkloristischer Wildheit, und in den Tutti-Einwürfen des CBSO entstand eine mitreißende, ekstatische Interaktion. Yamada als Begleiter war hier impulsstark und flexibel: Er gab Liu den Raum für solistische Ausbrüche, hob die scharfen Holzbläser und Blechfanfaren präzise hervor und steigerte die Spannung bis zum triumphalen Schlussakkord. Das Zusammenspiel war von ansteckender Begeisterung getragen – stürmischer Applaus und eine äußerst anspruchsvolle Zugabe (György Ligeti – Études for Piano (Book 1), No. 4, Fanfares) die verdiente Belohnung.

Nach der Pause widmete sich das CBSO Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in Ravels genialer Orchestrierung – ein farbenreichstes Meisterwerk der Orchesterliteratur. Kazuki Yamada und sein Orchester zelebrierten es als hochexpressionistische Farb- und Kontrastschau. Beim „Gnomus“ setzte Yamada auf Groteskes und Unheimliches: harte Akzente, zerklüftete Rhythmen. In „Bydlo“ wuchs der Ochsenkarren zur panzerartigen Klangwalze mit beängstigender physischer Präsenz. Doch das Orchester beherrschte auch die feine Klinge: Das Saxophon-Solo in „Das alte Schloss“ hüllte den Saal in melancholische Stille, die Trompete im Streitgespräch „Samuel Goldenberg und Schmuyle“ brillierte mit schneidender Artikulation.

Yamada zeigte offen seine Freude: diskrete, herzliche Daumen-hoch-Gesten für besonders gelungene Soli übertrugen sich auf das gesamte Orchester. Im „Hexenritt der Baba Yaga“ spielte sich das CBSO in einen regelrechten Rausch, bevor das „Große Tor von Kiew“ in goldenem Blechbläserglanz kulminierte.

Der frenetische Applaus wollte nicht enden. Als edle Zugabe gab es den Pas de deux aus Tschaikowskys „Nussknacker“ – spätromantische Schmelzmelodien zum Abschluss. Ein Konzert, das bewies: Mit Künstlern wie Bruce Liu und Kazuki Yamada braucht die Klassikwelt keine Angst vor der Zukunft zu haben. Handwerkliche Meisterschaft trifft auf jugendliche Spielfreude – und altbekannte Werke erstrahlen in neuem, aufregendem Licht.

Dirk Schauß, 09. März 2026

Konzert des CBSO in der Alten Oper Frankfurt am 08. März 2026

 

 

Diese Seite drucken