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FRANKFURT/ Alte Oper: Jubiläumskonzert (Festkonzert) „40 Jahre Ensemble Modern“

10.12.2020 | Konzert/Liederabende

Jubiläumskonzert 40 Jahre Ensemble Modern aus der Alten Oper Frankfurt (9.12.2020)

Sie spielen um ihr Leben

Jubiläumskonzert (Festkonzert) „40 Jahre Ensemble Modern“ in der Alten Oper/FRANKFURT „Die spielen um ihr Leben“, meinte der Komponist Hans Zender über das Ensemble Modern. Als „unterfinanzierte Legende“ bezeichnete der Festredner Ilija Trojanow dieses Enemble, das die Werke von 40 Komponisten bei seinem denkwürdigen Jubiläumskonzert unter der elektrisierenden Leitung von Ingo Metzmacher vorstellte.

Das „Tango-Fragment“ von HK Gruber stellte dem Zuhörer gleich viele harmonische und rhythmische Fallen. David Fennessys „Coda“ überraschte dann mit Pfeif-Geräuschen, die sich überall auszubreiten schienen. Enno Poppes „O du“ wurde als geheimnisvolle Weihnachtsweise mit Johannes Kalitzkes „Smile“ in facettenreicher Weise verknüpft. Ungewöhnliche Gesangskantilenen waren bei Heiner Goebbels‘ „Anaconda’s Song“ herauszuhören, während Mark Andres „rwh 3“ mit Tremolo-Akzenten fesselte. Aber auch sehr ungewöhnliche Weihnachtslieder hatte das Ensemble Modern in seinem Gepäck. So verblüffte vor allem das sphärenhafte „Weihnachtslied – für die 18 Könige“ von Peter Eötvös mit Pferdegewieher und Hahnenkrähen. Eine unglaublich komische Komposition voll erfrischender Einfallskraft. „Es ist ein Ros entsprungen“ von Chikage Imai überzeugte ferner mit einer nuancenreich abgewandelten Cantus-firmus-Technik voller Klangfarbenreichtum und Finessen. Bernhard Ganders „Maria durch ein Dornwald ging“ führte zu einer bewegenden harmonschen Verwandlung, die sich gleichsam auffächerte. „Stille Nacht“ von George Benjamin kam ergreifend schlicht daher. Und „Jauchzet – Noel de loin“ von Hanspeter Kyburz besaß Verbindungen auf verschiedenen Klangebenen bis hin zu Glissando-Sequenzen. „Gemeinsam“ von Pascal Dusapin gewann mit Unisono-Passagen immer unheimlichere Strahlkraft.  Sie gipfelte in einem gewaltigen Cluster-Ausbruch. „Stille Post“ von Markus Hechtle zeigte dann einmal mehr tonale Tendenzen. „Incipit – Fragmentum Hibernum – für Altposaune und fünf Instrumente“ von Johannes Maria Staud bewies neben Glissando-Effekten auch Posaunenglanz. Bei Martin Grütters „Diatonischer Sinfonie – Ein Klingelklangelstück zur Weihnachtszeit für etliche Triangeln und 17 Instrumente“ war das Ensemble Modern ganz in seinem Element, die Musiker schienen mit tausend Zungen zu reden. Ein weiterer Höhepunkt war „ensmo-onmes“ von Heinz Holliger mit Hammer- und Glissando-Effekten sowie Echo-Passagen. Verwischte Tonhöhenkonturen und geräuschhafte Klänge triumphierten hier natürlich atonal, aber höchst virtuos. Dies galt übrigens auch für „Merry X-Em“ von Olga Neuwirth mit seinen zahlreichen Wiederholungen, Glissando- und Pizzicato-Konturen. „Valse minute“ von Manfred Trojahn überraschte ebenfalls mit erstaunlicher klanglicher Intensität, während „Fast Forward“ von Catherine Milliken mit Harfen-Sequenzen für sich einnahm. Verzerrte schottische Folklore schien bei „Dancing In Place“ von Fred Frith aufzuschimmern, dessen langsamer Schluss wie in Zeitlupe wirkte. Ilija Trojanow präsentierte als Festredner daraufhin die raffinierte Improvisation „Der Vogel“ – ein groteskes Hupkonzert der genervten Stadtneurotiker.  Ebenfalls als Stück satirischen Zuschnitts kam „Bringt Schönheit in die hirnverbrannte Welt – Winter ade“ von Arnulf Herrmann daher. Eine hinreißende musikalische Parodie war ferner „The Voice of Battaros – for french horn and ensemble“ von Vito Zuraj, wo das Horn in unglaublicher Weise als Singstimme eingesetzt wird. Johannes Schöllhorns „In X“ liebäugelte fast mit Jazz-Weisen, während „Hilborg Miniature“ von Anders Hilborg einen nuancenreichen Klangfarbenreichtum offenbarte. „Ein kahler Weihnachtsbaun“ von Brian Ferneyhough und „Winterfeste“ von George Aperghis berührten den Zuhörer aufgrund ungewöhnlicher dynamischer Präsenz. Vladimir Tarnopolskis „Over Drive“ überzeugte ferner mit zahlreichen chromatischen Passagen. Sehr expressiv wirkte „per i 40 anni“ von Ennio Morricone. „Erinnerungen“ von Philippe Manoury bewiesen gerade bei den Tremolo-Effekten eine besondere Intensität. „Daisy, Daisy“ von Brigitta Muntendorf überraschte wiederum mit einer gewaltigen Crescendo-Steigerung: „Du bist alles, was ich jemals wollte.“ Martin Matalons „flux, h.b. & epilogue – for 17 instruments“ triumphierte mit zahlreichen chromatischen Bewegungsflächen, die sich plötzlich selbstständig machten. Michael Gordons „Confetti“ gefiel mit einem elektrisierenden Rhythmus und nuancenreichen Lichteffekten. Weitere Werke von Johannes Motschmann („Fanfares and Latent Cycle“), Samir Odeh-Tamimi („DGAM – für das Ensemble  Modern als Chor, Perkussion, Viola und Violoncello“), Marton Illes („EM-kör für Trompete, Horn, Posaune, Violine, Viola und Violoncello“) und Saed Haddad („A Winter Card“) besaßen eine große Bandbreite zwischen Intervallspannungen und mystischen Passagen. Ungewöhnliches Niveau offenbarte auch „A Jolly Good Knees-Up – Fanfare for Chamber Ensembles“ von Mark Anthony Turnage. Von der rein kompositorischen Qualität trug zuletzt Helmut Lachenmanns genialer „Marche fatale“ als ironisch-harmonisches Meisterstück den Sieg davon. Die Beherrschung der rhythmischen Finessen wirkte hier in mehrerer Hinsicht erstaunlich. Da meinte man zuletzt, dass alle Noten plötzlich betrunken vor sich hertorkelten, bis ein riesiger Gong-Effekt dem unglaublichen harmonischen Wirrwarr schließlich den Garaus machte. Und das Kontrafagott setzte einen forschen Kontrapunkt. Es gibt von diesem Werk auch eine Klavierfassung. Dieses „Überraschungs-Werk“ setzte den Schlusspunkt einer „Tour de force“ mit der Uraufführung von 40 Kurz-Kompositionen, die aber auch die dringende Notwendigkeit deutlich machte, Neue Musik mehr zu unterstützen als bisher. Und auch der flirrende Klangteppich von Salvatore Sciarrinos „Saluti da Salvo – per 13 instrumenti“ bestätigte diese Einschätzung.    

Alexander Walther

 

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