FRANKFURT/ Alte Oper: hr-Sinfonieorchester Susanna Mälkki, musikalische Leitung, Verneri Pohjola, Trompete (Saariaho, Mahler)
Saariaho und Mahler – Mälkki und das hr-Sinfonieorchester begeistern

Verneri Pohjola, Susanna Mälkki und das Orchester. Copyright by hr/Sebastian Reimold
Susanna Mälkki betritt das Podium der Alten Oper mit der kompromisslosen Entschlossenheit einer Künstlerin, die das Musizieren als Daseinsform versteht. Wer die finnische Dirigentin bisher vor allem in den Gefilden der Avantgarde verortete, musste an diesem Abend erstaunt feststellen, wie scharfkantig und unnachgiebig sie auch das klassische Repertoire durchlüftet. Die Dramaturgie des Programms glich einer doppelten Mutprobe für das Frankfurter Publikum, das sich keineswegs im Behaglichen einrichten durfte. Das Aufeinanderprallen von Kaija Saariahos allerletztem Werk mit Gustav Mahlers sinfonischem Erstling erwies sich als klug kalkulierte Konfrontation zweier Welten, die bei näherem Hinsehen verblüffend viele Berührungspunkte aufweisen. Mälkki baut keine Plüschbrücken. Sie schlägt Schneisen in das Klanggestrüpp.
Den Auftakt bildete ein musikalisches Vermächtnis von beklemmender Intensität. Saariahos Trompetenkonzert HUSH ist ein Stück, das die Hörer ohne Umwege an die Ränder der eigenen Wahrnehmung führt. Die Komponistin schuf die Partitur im Endstadium einer tödlichen Tumorerkrankung und musste die Noten zwei Assistenten in die Feder diktieren, da die eigenen Hände den Dienst versagten. Ihr Landsmann Verneri Pohjola, dem die Partitur wie ein Maßanzug auf den Leib geschneidert ist, trat an die Rampe, um dieser Musik ihre Geheimnisse abzuringen. Pohjola spielt nicht einfach Trompete. Er atmet, faucht, spuckt, singt und flüstert durch sein Instrument. Der Solist überschreitet die Grenzen des traditionellen Tonraums mit einer sympathisch unprätentiösen Selbstverständlichkeit, die man seinem Jazz-Hintergrund verdankt.
Die Musik schildert eine existenzielle Reise. Im dritten Satz verarbeitet Saariaho die mechanischen Rhythmen eines MRT-Scanners, jenes Apparats, der ihr das eigene Siechtum spiegelte. Hier schleuderte Pohjola panikartige Vokalschreie durch die Stütze seines Rohrs, die wie die verfehlten Laute eines verwundeten Dickhäuters durch das Parkett schnitten. Ein paar verunsicherte Zuhörer stimmten daraufhin ein nervöses Kichern an – keineswegs böse gemeint, sondern die typische Schutzreaktion des Publikums, wenn Kunst der rauen Wirklichkeit zu nahe kommt. Dass der Solist im vierten Satz schließlich ein leises „Hush“ in das Mikroklima des Saals rief, um das Orchester allein weiterziehen zu lassen, besaß bittere Symbolik: die Inszenierung der eigenen Abwesenheit. Mälkki hielt das hr-Sinfonieorchester mit stoischer Ruhe auf Kurs. Die reich besetzte Schlagwerk-Riege, die schimmernde Celesta und die zarten Streicherflächen erzeugten einen magischen Glanz über der Abgründigkeit. Das Publikum applaudierte lang und erhielt von Verneri Pohjola eine faszinierende Zugabe.

Susanna Mälkki und das Orchester. Copyright by hr/Sebastian Reimold
Nach der Pause kehrte das Leben zurück, jedoch ohne jede Form von gemütlichem Mahler-Pantoffel. Mälkki dirigiert die D-Dur-Sinfonie straff, entschlossen und mit einer erfrischenden Abneigung gegen sinfonischen Speck. Der erste Satz begann als Naturmusik, die keineswegs wie ein romantisches Aquarell im Nebel schwamm, sondern wie ein hochpräzise ausgeleuchtetes Biotop zutage trat. Mälkki ließ die Holzbläser strahlen und betonte die Harfenakzente, ohne die Lautstärken unnötig ins Grelle zu treiben. Dass ein komplexer Satz wie am Schnürchen laufen kann, ohne auch nur eine Minute konventionell zu wirken, war die eigentliche Offenbarung dieses Auftakts. Die Motive griffen ineinander wie die Zahnräder eines feinen Chronometers, das im entscheidenden Moment beschleunigt.
Im zweiten Satz regierte das Saftige und Derbe, doch stets mit aristokratischer Haltung serviert. Das hr-Sinfonieorchester spielte den Ländler mit Rustikalität, bevor das Trio eine idyllische Oase freilegte. Hier zeigte sich, wie gut die Chemie zwischen den Frankfurter Musikern und der Gastdirigentin stimmt. Der Applaus des Orchesters für seine Leiterin fiel am Ende des Abends nicht von ungefähr überaus herzlich aus. Man schätzt sich auf den Pulten, wenn man gemeinsam ohne Stolpern durch das Dickicht einer Partitur marschiert.
Der Trauermarsch des dritten Satzes geriet zu einem Kabinettstück des subtilen Humors. Der Solokontrabass intonierte das bekannte Frère Jacques in einer Schlichtheit, die manch anderem Orchester längst abhandengekommen ist. Mälkki kostete den Grusel keineswegs übermäßig aus, hielt das Tempo nach vorne gerichtet und rückte das Geschehen in eine rätselhafte Nähe zum bevorstehenden Halloween-Fest. Die Klezmer-Farben spitzten spöttisch die Ohren, während die Zitate aus den Wunderhorn-Liedern wie kleine Edelsteine am Wegesrand aufblitzten. Das besaß Witz, Ironie und jenen leicht spöttischen Tonfall, den Mahler so schätzte und den man in deutschen Konzertsälen selten zu hören bekommt.
Im Finale schlug schließlich die Stunde des gewaltigen Ausbruchs. Das Blech blies zum jüngsten Gericht, das Schlagzeug verteilte gezielte Hiebe, und doch behielt die Dirigentin stets die Kontrolle über die Architektur des Geschehens. Keinerlei Effekthascherei, kein unnötiges Armrudern am Pult. Die apokalyptischen Eruptionen donnerten mit disziplinierter Wildheit durch den Raum, um schließlich den Weg freizumachen für das strahlende Licht der Schlusswendung. Die Gewissheit, dass in diesem Erstlingswerk die altbekannte Ordnung noch hält, obwohl der Abgrund an jeder Ecke lauert, formulierte Mälkki mit traumwandlerischer Sicherheit.
Der Jubel im Anschluss fiel gewaltig aus. Das Publikum feierte Solisten, Dirigentin und Orchester mit anhaltender Begeisterung. Schaut man auf die Bühne der Alten Oper, wird klar, dass hier zwei Partner agieren, die hervorragend miteinander harmonieren. Der amtierende Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters besitzt bekanntlich noch einen Vertrag bis zur Spielzeit 2027/28, der bislang nicht verlängert wurde. Die musikalische Partnerschaft, die an diesem Abend spürbar wurde – Sympathie, Respekt und die nötige Schärfe auf beiden Seiten –, legt zumindest die Frage nahe, ob nicht mit Susanna Mälkki eine Frau die künstlerische Leitung dieses traditionsreichen Klangkörpers übernehmen sollte.
Dirk Schauß, 23.10.2026
Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 23.10.2026
Kaija Saariaho
Hush
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 1 D-Dur „Der Titan“
Verneri Pohjola, Trompete
hr-Sinfonieorchester
Susanna Mälkki, musikalische Leitung

