Zwischen Broadway und Boulevards – Gershwin in Frankfurt -14.März 2025
Copyright hr/Sascha Rheker
Frankfurt, Alte Oper, 14. März 2025. Ein Abend, der nach Metropole klang – nach vibrierenden Straßen, nach Neonlichtern und verrauchten Jazzclubs. Gershwin hat den Sound Amerikas eingefangen: das Tempo der Großstadt, das Schwelen des Blues, den Glanz der Broadway-Bühnen. Hier, in der Alten Oper, trafen diese Welten aufeinander. Das hr-Sinfonieorchester und die hr-Bigband – zwei Klangkörper, die für völlig unterschiedliche musikalische Sphären stehen. Sinfonische Klangfülle und orchestrale Präzision einerseits, der pulsierende, frei improvisierende Jazz der Bigband andererseits. Sie zusammenzuführen, ohne dass eine der beiden Welten an Eigenständigkeit verliert, war die Herausforderung dieses Abends. Doch genau das gelang – auf atemberaubende Weise.
Am Pult: Alain Altinoglu, der nicht nur mit federnder Eleganz dirigierte, sondern mit derselben Nonchalance ans Klavier wechselte, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.
Kaum war der Auftrittapplaus verstummt, setzten die ersten Takte von „An American in Paris“ ein – und sofort entstand jene unverwechselbare Atmosphäre aus Tempo, Glanz und urbanem Rhythmus. Die Streicher des hr-Sinfonieorchesters schufen einen vibrierenden Untergrund, während die Holzbläser mit scharfen Akzenten den Blick auf die Skyline lenkten. Es war, als würde man mit jedem Takt durch eine Stadt flanieren: hier ein jazziges Trompetensignal, dort eine Klarinettenphrase mit fast beiläufiger Eleganz. Und dann – die berühmten Taxi-Hupen, die sich in das orchestrale Geflecht einfügten, nicht als bloßes Gimmick, sondern als echte musikalische Geste.
Alain Altinoglu hielt die Balance zwischen präziser Führung und lässiger Freiheit, ließ die Musik atmen, schimmern, tanzen. Das hr-Sinfonieorchester zeigte sich von unglaublicher Farbvielfalt: warme Streicher, swingende Holzbläser, federnde Rhythmen. Es war Gershwin in Höchstform – orchestral und jazzig zugleich, scharf konturiert und doch voller Fluss.
Dann der magische Moment: „Rhapsody in Blue“. Schon das erste Klarinettenglissando ließ den Raum innehalten – dieser legendäre Auftakt, den jeder kennt. Doch hier klang er frisch, mit Biss, mit einer Spur Ironie. Und dann kam Altinoglu ans Klavier. Sein Spiel? Mühelos, fließend, dabei von makelloser Präzision. Sein Anschlag war messerscharf, mit klarer Kontur, und doch von schimmernder Geschmeidigkeit. Er nahm sich Zeit, dehnte Phrasen, ließ Akkorde nachglühen, spielte mit der Zeit, ohne sie aus dem Blick zu verlieren. Dann wieder Tempo, Bewegung, jähe rhythmische Kontraste. Das Orchester griff die Impulse auf, trug sie weiter, schichtete sie zu einem Klangpanorama voller Facetten.
Das hr-Sinfonieorchester verlieh dem Ganzen die orchestrale Pracht, die Farbigkeit, den Swing. Mal treibend, mal mit satter, körperlicher Wärme in den Bläsern. Hier war nichts routiniert, nichts bloß nachgespielt – es war ein Rausch aus Klang und Bewegung. Das Publikum jubelte.
Nach der Pause dann der Schritt ins Zeitgenössische. Die „Ballade“ von Thierry Escaich – ein Auftragswerk des Hessischen Rundfunks, das seine Uraufführung erlebte. Escaichs Musik ist oft von filmischer Anmutung, und auch diese Komposition hatte einen szenischen Charakter.
Zwei Welten standen sich gegenüber: das Sinfonieorchester mit seiner orchestralen Dichte, die Bigband mit ihrer rauen, dunklen Energie. Die Bigband war hier die bedrohliche Kraft, die alles an sich reißen wollte. Was folgte, war ein Ringen, ein permanentes Wechselspiel aus Drängen und Zurückweichen, Spannung und Lösung.
Die Musik begann mit nebelhaften, tastenden Klängen, einem leisen Puls in den tiefen Streichern, schwebenden Akkorden, die wie Lichtreflexe auf einer Wasseroberfläche flackerten. Zunächst blieb die Bigband zurückhaltend, mit fragilen Einwürfen – doch nach und nach gewann sie an Kraft, wurde fordernder, bis sie sich mit voller Energie in den orchestralen Klangraum hineinsteigerte. Und dann – der Moment der Verschmelzung. Keine abrupten Schnitte, sondern ein allmähliches Ineinanderfließen. Sinfonische Farbigkeit und improvisatorische Freiheit gingen eine organische Verbindung ein. Alain Altinoglu führte mit klarem Gespür für Dramaturgie, baute Spannung auf, löste sie wieder, ließ beide Klangkörper atmen. Eine faszinierende Auseinandersetzung – und am Ende das Einswerden der Gegensätze. Das Publikum war begeistert und feierte den anwesenden Komponisten Thierry Escaich und die Ausführenden mit großem Applaus.
Dann, als großes Finale: Gershwin pur – seine Songs, neu arrangiert für Bigband und Sinfonieorchester. Und hier zeigte sich in voller Pracht, wie brillant diese beiden Klangkörper an diesem Abend miteinander verwoben wurden.
Das hr-Sinfonieorchester entfaltete eine orchestrale Farbenvielfalt, die an große Hollywood-Soundtracks erinnerte – schimmernde Streicher, satte Blechbläser, funkelnde Harfenläufe. Jeder Akkord hatte Tiefe, jede Melodie leuchtete im Raum. Die hr-Bigband dagegen brachte die raue Energie des Jazz, den direkten Zugriff auf den Rhythmus, die Spontaneität, die impulsiven Bläsersätze und vor allem die Improvisation. Es war ein musikalischer Dialog zwischen kontrollierter Eleganz und ungebändigter Freiheit. Mal legte das hr-Sinfonieorchester einen warmen, schimmernden Klangteppich aus, über den sich die Bigband mit federnden Riffs und scharf akzentuierten Synkopen setzte. Dann wieder durchbrach das Orchester die jazzige Lässigkeit mit großem, symphonischem Glanz – weit ausladende Melodiebögen, kraftvolle Blechfanfaren, ein Sound, der in den Raum strahlte.
Die Dynamik spannte sich von zart gehauchten Holzbläser-Passagen bis zu Explosionen aus Klang, in denen sich beide Formationen gegenseitig antrieben, überlagerten, verschmolzen. Mal klang es nach verrauchten Jazzclubs, dann wieder nach glanzvollem Broadway-Finale, nach einem überbordenden Klangrausch, in dem sich Rhythmus und Orchesterfarben zu etwas völlig Neuem verbanden.
Und dann – das Finale. „Strike Up The Band“ – ein musikalisches Feuerwerk, mit wuchtigen Blechbläser-Fanfaren und mitreißendem Drive. Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Sitzen. Jubel, Standing Ovations. So lange und so ausgelassen, dass Alain Altinoglu mit einem Lächeln zurückkam und das Stück ein zweites Mal dirigierte – diesmal noch ausgelassener, noch mitreißender.
Ein Abend, der bewies, dass Gershwin keine Vergangenheit ist, sondern vibrierende Gegenwart. Ein musikalisches Gipfeltreffen, das zeigte, dass Sinfonieorchester und Bigband keine Gegensätze sind, sondern sich zu einer einzigen, grandiosen Klangwelt vereinen können.
Dirk Schauß, 15. März 2025
Konzert am 14. März in der Alten Oper Frankfurt
hr-Sinfonieorchester
hr-Big Band
Alain Altinoglu, musikalische Leitung und Solist