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FRANKFURT/ Alte Oper: HR-SINFONIEORCHESTER; Constantinos Carydis (Leitung), Sayaka Shoji (Violine). (Béla Bartók, György Kurtág, Robert Schumann, György Ligeti und Zoltán Kodály)

27.01.2024 | Konzert/Liederabende

 

Unkonventionelles

Ein Abend der musikalischen Extravaganz erwartete das Publikum in der Frankfurter Alten Oper am 26. Januar 2024, als das hr-Sinfonieorchester unter der inspirierenden Leitung des Gast-Dirigenten Constantinos Carydis zusammen mit der Geigerin Sayaka Shoji auf die Bühne trat. Das unkonventionelle Programm versprach eine Reise durch die musikalischen Landschaften von Béla Bartók, György Kurtág, Robert Schumann, György Ligeti und Zoltán Kodály. Das Konzert begann mit den „Miniaturen für Violine und Klavier“ von Béla Bartók und György Kurtág. Diese Miniaturen sind eine Sammlung kurzer, intensiver Stücke für Violine und Klavier, geschrieben von den ungarischen Komponisten Béla Bartók und György Kurtág. Bartók, ein Pionier der Ethnomusikologie, integrierte oft Elemente der ungarischen Volksmusik in seine Werke. György Kurtág, bekannt für seine avantgardistischen Kompositionen, greift hier auf kurze, konzentrierte Formen zurück, die charakteristisch für sein Schaffen sind. Die Werke, kompakt und intensiv, faszinierten das Publikum durch ihre Vielschichtigkeit und expressiven Nuancen. Die Miniaturen sind fein gearbeitete Juwelen, die die Vielseitigkeit des fabelhaften Konzertmeisters des hr-Sinfonieorchesters, Florin Iliescu, in beeindruckender Weise zur Geltung brachten. Seine präzisen Phrasierungen und die bestechend genaue Interaktion mit Dirigent Constantinos Carydis, hier als virtuoser, reaktionsschneller Pianist, verliehen den Miniaturen eine einzigartige Intensität. Im Anschluss folgte das Violinkonzert d-Moll von Robert Schumann. Geschrieben 1853, ist es ein selten aufgeführtes Werk, das tiefe emotionale Intensität und anspruchsvolle Virtuosität vereint. Es wurde in einer Phase komponiert, als Schumann mit erheblichen psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Das Werk fordert die Solistin heraus, eine Balance zwischen dramatischer Ausdruckskraft und lyrischer Sensibilität zu finden.

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Foto: Sayaka Shoji – © hr/Laura Stevens

Die Geigerin Sayaka Shoji erwies sich als gute Wahl des Abends. Mit einer beeindruckenden Biografie, die von ihrem Sieg beim Paganini-Wettbewerb bis zu ihrer internationalen Anerkennung reicht, zeigte sie nicht nur technische Brillanz, sondern auch eine tiefe emotionale Verbundenheit zur Musik. Ihr Geigenspiel war virtuos und einfühlsam zugleich. Der erste Satz des Violinkonzerts wurde von Sayaka Shoji mit beeindruckender Präzision und Intensität interpretiert. Die Solistin entfaltete die reichen melodischen Strukturen mit einer Mischung aus variabler Ausdruckskraft und sensibler Nuancierung. In den dramatischen Passagen des Satzes setzte Shoji ihre technische Brillanz ein, während sie in den lyrischen Momenten ihre emotionale Verbundenheit zur Musik zeigte. Die orchestrale Begleitung des hr-Sinfonieorchesters unterstrich deutlich die Dynamik des Stücks und reagierte einfühlsam auf die subtilen Verschiebungen in Shojis Spiel. Im zweiten Satz, dem langsamen Andantino, schuf Sayaka Shoji eine berührende Atmosphäre von lyrischer Anmut. Die Eingangskantilene gestaltete sie mit großzügigem Raum und zarten Phrasierungen, wobei die edle Grundierung der Celligruppe im Orchester eine unterstützende Rolle spielte. Shoji bewegte sich geschickt zwischen zurückhaltenden, innerlichen Passagen und kraftvollen, packenden Momenten. Die orchestrale Begleitung, insbesondere die Bläser mit ihren melodischen Passagen, trug dazu bei, die emotionale Tiefe des Konzerts zu betonen und eine harmonische Einheit zwischen Solistin und Orchester zu schaffen. Der dritte Satz wurde von Sayaka Shoji und dem hr-Sinfonieorchester mit mitreißender Energie dargeboten. Das herrliche Polonaisen-Thema entfaltete sich pompös im Raum, getragen von Shojis virtuosem Geigenspiel und der dynamischen Unterstützung des Orchesters. Dirigent Carydis führte das Orchester durch die vielschichtigen Facetten dieses Finales, betonte die rhythmische Prägnanz und steigerte immens die Schlusswirkung des Konzerts. Die musikalische Zusammenarbeit zwischen Solistin und Orchester erreichte hier einen Höhepunkt, wobei die Begeisterung und Lebensfreude des Finales das Publikum mitrissen. Die Streicher lieferten eine reichhaltige Klangkulisse, während die Bläser mit ihren lyrischen Passagen den Farbreichtum des Konzerts unterstrichen. Dirigent Carydis zeigte eine außergewöhnliche Einfühlung in den musikalischen Charakter Schumanns und erarbeitete mit dem Orchester ein vielschichtiges, doppelbödiges Klangpanorama, was den Begleitpart des Orchesters sehr deutlich in den Mittelpunkt stellte. Zum Dank für den üppigen Applaus gab es von Sayaka Shoji eine zeitgenössische Zugabe. György Ligetis „Baladă și joc für zwei Violinen“ brachte eine weitere Dimension ins Konzert. Ligeti, der bedeutende Vertreter der avantgardistischen Musik des 20. Jahrhunderts, schrieb dieses Stück für zwei Violinen. „Baladă și joc“ (Ballade und Tanz) zeigt Ligetis experimentellen Ansatz und seine Fähigkeit, traditionelle Formen auf innovative Weise neu zu gestalten. Die Komposition beinhaltet komplexe rhythmische Strukturen und eine Vielfalt klanglicher Effekte. Florin Iliescu und sein Geigen-Kollege Maximilian Junghanns schufen ein dynamisches Zusammenspiel, das die vielschichtige Komplexität von Ligetis Werk gut und zugänglich zur Geltung brachte. Nahtlos führte in einer majestätischen Eröffnung der herausragende Dirigent Constantinos Carydis dann das hr-Sinfonieorchester durch alle fünf Sätze von Robert Schumanns Sinfonie Nr. 3 Es-Dur Op. 97 („Rheinische“), mit unvergleichlicher Raffinesse. Carydis‘ großartige Leitung verlieh jedem Satz eine einzigartige Strahlkraft. Der erste Satz eröffnete mit einer kraftvollen Dynamik, während Carydis geschickt die Spannung aufbaute, die den Hörer unmittelbar in die musikalische Erzählung zog. Seine bemerkenswert präzise Gestaltung ermöglichte es dem Orchester, die subtilen Nuancen der Partitur auszuarbeiten, wobei die majestätischen Klänge Schumanns in ihrer vollen Pracht erstrahlten. Im zweiten Satz offenbarte sich Carydis‘ sensible Herangehensweise an die lyrischen Passagen, wobei er das Orchester zu einem einfühlsamen Zusammenspiel inspirierte. Die musikalische Erzählung entwickelte sich fließend, wobei jede Phrase unter seiner Leitung mit emotionalem Tiefgang und deutlicher Klarheit interpretiert wurde. Der dritte Satz zeugte von Carydis‘ Fähigkeit, die Idylle der „Rheinischen Sinfonie“ in diesem Satz sensibel zu formen. Das Orchester folgte seinen Intentionen in beeindruckender Weise, mit schönem Klang. Der vierte Satz, mit seinem so eindringlichen Posaunen-Choral, wurde unter Carydis zu einem Höhepunkt des Konzerts. Seine sensiblen Phrasierungen und die eindringliche Interpretation des Orchesters verliehen diesem Moment eine besondere Ausdruckstiefe. Die Blechbläser zeigten einmal mehr ihre Qualität in edler Sonorität. Im finalen fünften Satz vereinte Carydis die gesamte Sinfonie zu einem kraftvollen Finale. Die Blechbläser brillierten unter seiner Leitung, während die Streicher die rheinische Lebensfreude mit einem warmen, vollmundigen Klang einfingen. Carydis‘ traumwandlerische Sicherheit in der Interpretation der verschiedenen Wesenszüge von Schumanns Musik manifestierte sich in einer außergewöhnlichen Gesamtdarbietung. Das hr-Sinfonieorchester folgte Carydis mit mitreißender Begeisterung, präsentierend eine Interpretation, die nicht nur oberflächlich schön war, sondern ein fortwährendes und bezwingendes Bekenntnis zu Schumanns vielgründiger Musik darstellte. Der Jubel aus dem Publikum bezeugte die begeisterte Anerkennung für diese ungewöhnliche Aufführung. Einen weiteren Höhepunkt des Abends bildeten zum Abschluss schließlich die „Tänze aus Galánta“ von Zoltán Kodály. Das Werk des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály ist eine Hommage an die volkstümliche Musik seiner Heimat. Komponiert 1933, präsentiert das Werk eine farbenreiche Orchestration und eingängige Melodien. Die Tänze zeigen Kodálys Fähigkeit, die folkloristischen Elemente in zeitgenössische Orchesterwerke zu integrieren, und sind ein lebhaftes Beispiel für seine national inspirierte Musik. Diese lebhaften und mitreißenden Tänze brachten das Publikum zum Mitwippen und unterstrichen erneut die große stilistische Vielseitigkeit des hr-Sinfonieorchesters unter der Leitung von Constantinos Carydis. Die temperamentvollen, folkloristischen Melodien wurden mit mitreißender Lebendigkeit vorgetragen, während die Holzbläser und Streicher die rhythmische Komplexität mit großer Bravour bewältigten. Herausragend war das sehnsüchtige Solo des Klarinettisten. Constantinos Carydis, der das unkonventionelle Programm ausgezeichnet dirigierte, bewies seine Fähigkeit, die Essenz jedes Stücks einzufangen und eine einzigartige musikalische Erfahrung zu schaffen. Seine Energie und Leidenschaft übertrugen sich nahtlos auf das Orchester und das Publikum gleichermaßen.

Das Konzert in der Frankfurter Alten Oper war eine musikalische Reise der Extraklasse, bei der die Künstler und das hr-Sinfonieorchester ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten unter Beweis stellten und das Publikum vollauf begeisterten. Es war ein Abend, der die Grenzen der traditionellen Konzertform sprengte und die Magie der Musik in all ihrer Vielfalt zelebrierte.

Dirk Schauß, 27. Januar 2024

Besuchtes Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 26. Januar 2024

Sayaka Shoji, Violine

hr-Sinfonieorchester

Constantinos Carydis, Leitung

 

 

 

 

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