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FRANKFURT/ Alte Oper: hr-Sinfonieorchester, Alain Altinoglu, musikalische Leitung, Vilde Frang (Violine). (Bartok, Brahms)

13.06.2026 | Konzert/Liederabende

Feuer und Präzision: Ein Abend zwischen Bartók und Brahms

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Alain Altinoglu – Copyright by hr/PhotoWerK

Béla Bartóks zweites Violinkonzert verzeiht keine Unentschlossenheit, es fordert den ganzen Menschen, und Vilde Frang warf sich mit einer Noblesse in diese Partitur, die das Publikum im Saal augenblicklich das Atmen vergessen ließ. Manche nennen dieses Werk ein Monument der Moderne, andere reiben sich bis heute an der herben, bisweilen unbarmherzigen Rhythmik, die wie ein Traktor durch die ungarische Puszta pflügt. Vilde Frang aber suchte nicht den groben Effekt, sie sezierte die Architektur mit dem Skalpell und strich doch mit einer Wärme, die man diesem sperrigen Brocken von einem Konzert selten zutraut. Das ist kein sentimentales Schwelgen, das ist pure, nackte Existenz auf vier Saiten.

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Vilde Frang – Copyright by hr/Marco Borggreve

Ihr Ton besaß vom ersten Takt an eine eigentümliche, herbe Eleganz – eine Mischung aus Zurückhaltung und loderndem Feuer. Mancher Kollege hätte hier den Muskelmann markiert und die Doppelgriffe ins Parkett gedroschen, nicht so diese Solistin. Sie begriff den Kopfsatz als großes Drama, in dem jede chromatische Wendung ein Argument und kein bloßes Schaulaufen war. Es gibt diese Momente, in denen ein Solist das Orchester nicht nur anführt, sondern regelrecht vor sich hertreibt – und genau das passierte hier. Alain Altinoglu am Pult koordinierte das Ganze mit einer Übersicht, die manchem General gut zu Gesicht gestanden hätte, hielt die Zügel straff, ließ den Holzbläsern aber genau jenen Raum, den sie für ihre bisweilen gespenstischen Einwürfe brauchten. Das hr-Sinfonieorchester reagierte hellwach, elastisch, phasenweise regelrecht angriffslustig, was diesem ersten Satz eine wunderbare, fiebrige Nervosität verlieh.

Der langsame Satz bildete dazu den denkbar schärfsten Kontrast: ein filigranes Gespinst aus Licht und Schatten, das in seiner lichten Melancholie geradezu schmerzte. Frang reduzierte ihren Ton hier auf einen silbernen Faden, ohne jemals zu reißen oder an Substanz zu verlieren. Diese Musik besitzt eine eigentümliche Einsamkeit – sie klingt wie das nächtliche Grübeln eines Genies, das der Welt abhandengekommen ist. Die Orchestervariationen antworteten darauf dezent, die man dem oft so dichten Bartók-Satz gar nicht zugetraut hätte: Da flirrte und raunte es in den Streichern, während die Klarinetten und Oboen wie ferne, wehmütige Rufe aus einer längst versunkenen Epoche herübertönten. Man vergisst ja oft, wie viel Naturmystik in dieser Musik steckt, wie sehr Bartók das nächtliche Summen und Schwirren der Insekten in Töne gegossen hat. Frang fing diese Atmosphäre mit einer stupenden Bogenführung ein, jeder Phrasierung wohnte eine unbedingte Logik inne, die man nicht erklären, sondern nur staunend miterleben kann. Das war kein hohles Vibrato-Geklingel, sondern strukturierte Empfindung, diszipliniert bis in die Fingerspitzen. Wenn das Thema am Ende des Satzes wie ein verlorener Gedanke im Nichts verschwindet, packt einen das am Kragen, ob man will oder nicht.

Und dann, ohne Vorwarnung, brach das Finale los – dieser groteske Kehraus, der den edlen Themen des Beginns die Fratze der Parodie vorhält. Hier zeigte sich, dass Frang eben keine ätherische Elfe ist, sondern eine Musikerin, die zupacken kann, wenn es die Partitur verlangt. Sie attackierte die Saiten mit grimmiger Lust, ließ die Synkopen krachen und tanzte mit dem Teufel einen Walzer, der dem Hörer den Schweiß auf die Stirn trieb. Altinoglu feuerte seine Musiker an, die Rhythmen knallten wie Peitschenhiebe durch den Saal, das Blech dröhnte gefährlich und die Pauken setzten deutliche Akzente. Das war kein braves Abspulen eines Repertoireklassikers, das war ein rücksichtsloser, wilder Ritt, bei dem man in jeder Sekunde das Gefühl hatte, der Wagen könnte aus der Kurve fliegen. Genau dieses Risiko braucht diese Musik – diese Lust am Abgrund, diese Weigerung, es dem Zuhörer im bequemen Sessel allzu gemütlich zu machen. Wer Bartók so spielt, zeigt, dass diese Musik auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer disruptiven Kraft verloren hat. Das Publikum jubelte und feierte eine Geigerin, die an diesem Abend bewiesen hat, dass Virtuosität kein Selbstzweck ist, sondern das Werkzeug, um Wahrheiten auszusprechen, die man mit Worten ohnehin niemals fassen könnte. Eine tänzerische Zugabe vermochte die Begeisterung kaum zu besänftigen.

Nach der Pause folgte ein ganz anderes Kaliber. Alain Altinoglu verweigerte bei der vierten Sinfonie e-Moll von Johannes Brahms glücklicherweise jede falsche Sentimentalität. Man kennt dieses Eröffnungsthema, dieses scheinbar schüchterne Auf und Ab der Terzen, das so leicht ins weinerliche Schleppen geraten kann, wenn der Mann am Pult die Partitur mit einem Taschentuch statt mit dem Taktstock dirigiert. Altinoglu wählte einen anderen, ungleich spannenderen Weg: Er tauchte die Musik vom ersten Takt an in ein helles, unbarmherzig genaues Licht. Das Orchester folgte ihm mit einer spürbaren Disziplin, die man im heutigen Konzertbetrieb, wo oft das bloße Schönfärben regiert, gar nicht hoch genug loben kann.

Da war kein Platz für jenen berüchtigten Brahms-Nebel, diesen dicken, braun-soßigen Klangbrei, den traditionsbewusste Kapellmeister so gerne über die Partituren des Hamburgers gießen, als müsse man die Konstruktion vor dem Zuhörer verstecken. Das Wechselspiel zwischen dem exzellent disponierten Streicherapparat und den warm intonierenden Holzbläsern besaß die Präzision eines Schweizer Uhrwerks, ohne jemals mechanisch zu wirken. Man hörte alles, wirklich alles. Die Trompeten und Posaunen fungierten nicht als lärmende Störenfriede, sondern als architektonische Pfeiler, die das klangliche Gebäude von unten abstützten, während die Pauke mit messerscharfen Impulsen für die nötige Erdung sorgte.

Altinoglu spannte einen weiten Bogen, der die Architektur der Sinfonie in ihrer ganzen Pracht offenlegte. Brahms neigt in seiner kontrapunktischen Akribie dazu, den Dirigenten in den Details zu ertränken. Hier nicht. Diese Deutung verweigerte sich dem Klischee des griesgrämigen, bärtigen Melancholikers, der in Wien am Schreibtisch brütet – stattdessen atmete die Musik eine Frische, die manche Hörer sichtlich verblüffte. Das war kein weichgespülter Trost, das war eine existentielle Auseinandersetzung mit der Form. Die Horngruppe agierte in einer Verfassung, die man schlicht als heroisch bezeichnen muss – mit einem leuchtenden, vollen Ton, der nie ins Plakative kippte. Die Holzbläser verströmten eine herbe Poesie, bei der sich unweigerlich Bilder von Herbstlandschaften einstellten, von ziehenden Wolken und feuchter Erde, und das ohne jeden Kitsch, mit der trockenen Eleganz einer norddeutschen Küste im Spätherbst. Das Orchester musizierte mit einer Spielfreude, die spürbar über den normalen Dienst hinausging: Jeder Akzent saß, jede Phrasierung wirkte organisch gewachsen.

Höhepunkt des Abends war der dritte Satz. Das geforderte Allegro giocoso wurde hier traumwandlerisch sicher getroffen. Bereits der knallige Auftakt mit sehr pointierter Pauke ebnete den Weg für ein Freudenfest des Rhythmus, in dieser Klarheit höchst selten zu vernehmen – heiter und unbeschwert, ohne das Grummeln im Untergrund zu ignorieren. Schlicht: Champagner für die Ohren.

Das Finale, diese monumentale Passacaglia mit ihren zweiunddreißig Variationen über einen Bach-Choral, geriet zum interpretatorischen Triumphzug. Düster, ja geradezu apokalyptisch in der Zuspitzung, mit Hoffnungsschimmern in den Holzbläsern, die umso kostbarer wirkten, je seltener sie aufblitzten. Altinoglu zerlegte diesen Variationsreigen nicht in akademische Einzelteile – was bei diesem formalen Kraftakt die größte Gefahr darstellt –, sondern peitschte das Orchester durch die kontrapunktischen Dickichte, dass es eine wahre Pracht war. Die Musik baute eine unaufhaltsame, beinahe beängstigende Dynamik auf, die sich in den finalen Takten wie ein reinigendes Gewitter entlud. Man begriff plötzlich wieder, warum diese Sinfonie bei ihrer Uraufführung selbst engste Freunde des Komponisten zunächst ratlos zurückließ: So radikal, so kompromisslos ist sie in ihrer Struktur. Das Frankfurter Publikum reagierte nach dem letzten Akkord entsprechend enthusiastisch. Altinoglu hat an diesem Abend bewiesen, dass Brahms kein Fall für die Antiquitätensammlung ist, sondern ein Zeitgenosse, dessen Fragen uns noch angehen. Eine Interpretation von stolzer, unnahbarer Schönheit, die auf jeden billigen Applaus verzichtete und gerade deshalb einen so nachhaltigen Eindruck hinterließ.

Am Ende wurde es emotional im Großen Saal – und das zu Recht. Gleich vier verdiente Orchestermitglieder wurden unter großem Applaus in den Ruhestand verabschiedet: die Geiger Sorin Ionescu und Thomas Mehlin, der Klarinettist Sven van der Kulp sowie Ulrich Büsing, dessen sonore Bassklarinette eine Lücke reißt, die nur schwer zu schließen sein wird. Ihr Abschied markiert das Ende einer Ära. Dass sie diesen Abend gemeinsam mit ihren jüngeren Kollegen auf diesem Niveau bestritten, war zugleich ihr würdigstes Abschiedsgeschenk an das Publikum – und der beste Beweis dafür, dass der Geist dieses Orchesters lebendig bleibt.

Dirk Schauß, 13. Juni 2026

 

Béla Bartók
Violinkonzert Nr. 2 H-Dur
Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 4 e-moll op. 98
Vilde Frang, Violine
hr-Sinfonieorchester
Alain Altinoglu, musikalische Leitung

Konzert in der Alten Oper Frankfurt am 12. Juni 2026

 

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