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FRANKFURT/ Alte Oper: „CAROLIN WIDMANN-HR SO – HUGH WOLFF“ 

10.02.2023 | Konzert/Liederabende

Frankfurt / Alte Oper: „CAROLIN WIDMANN-HR SO – HUGH WOLFF“   –   09.02.2023

spooi

spotlight Die Planeten. hr-FFM

 

Mit einem hochinteressanten Programm gastierte das HR-Sinfonieorchester unter der Leitung seines ehemaligen Chefdirigenten Hugh Wolff im Großen Saal der Alten Oper.

Zum Auftakt erklang die minutiöse Komposition „Icarus in Orbit“ von George Walker, ein orchestraler Höhenflug mit jähem Absturz vortrefflich instrumentiert dargeboten.

Benjamin Britten war 25 Jahre alt als der spanische Bürgerkrieg im April 1939 mit einem Sieg des faschistisch unterstützen Franco siegreich endete. Dieser Ausgang war lediglich ein Vorbote des zweiten Weltkrieges, welcher wenige Monate später losbrach und war eine Katastrophe für die politische Kultur Europas. Viele Intellektuelle zogen es vor, sich nach einer neuen Heimat umzusehen. So war auch der überzeugte Pazifist Benjamin Britten mit seinem Lebenspartner, dem Sänger Peter Pears, aus Großbritanien über Kanada in die USA ausgereist. Im kanadischen Exil schrieb Britten sein op. 15, nannte es fraglos sein bestes Stück, welches er dem spanischen Geiger Antonio Brosa widmete und welcher es sodann 1940 mit dem New York Philharmonic Orchestra unter John Barbirolli aufführte.

Das ungemein anspruchsvolle Violinkonzert wurde zum Zeitdokument einer Epoche, nicht nur stimmungsmäßig machen sich die Eindrücke der Entstehung bemerkbar sondern weist noch weit darüber hinaus und somit erhielt das Werk heute mit der Solistin Carolin Widmann eine imposant prächtige Wiedergabe.

Paukenschläge eröffneten den rhythmischen Auftakt des moderato con moto, womit der Komponist zum einen an das Violinkonzert von Beethoven erinnerte und zum anderen bezieht er sich unterschwellig auf die Heimat Brosas, der in diesem forschen Motiv eine Reminiszenz an Spanien beabsichtigte. Das Quartenmotiv von Pauke wurde vom Becken beantwortet und die Solovioline gewann mit einem lyrischen Thema sofort die Oberhand, dessen thematische Beharrlichkeit sich im dritten Satz wiederfand. Rhythmisch prägnant wechselte das Motiv, zweifellos ein Kunstgriff, in den rhapsodischen Teil und ließ spanisches Kolorit aufblitzen. In fulminanter Phrasierung und Dynamik setzte Carolin Widmann kontrapunktische Instrumental-Akzente.

Deren Fortlauf fanden im Vivace ihren virtuosen Brennpunkt. In einem Totentanz weiteiferten  übermütige instrumentale Irrlichter in Kadenzen chromatischer Skalen und aberwitzigen Läufen. Ungemein plastisch artikulierte Widmann diese musikalischen Situationen inmitten irr trillender Piccoloflöten, der bedrohlich aufbäumenden Tuba, der tremolierenden Streicher. In einer freien Kadenz jagte die vortreffliche Solistin transparent in höchsten Lagen schaurige Bilder durch die Tonlagen.

In zügigen elastischen Tempi begleitete Hugh Wolff mit dem bestens disponierten HR-Sinfonieorchester und sorgte in jedem Moment für die optimale orchestrale Untermalung und Auslotung der Partitur.

Das schier schleppende Finale des Mittelsatzes blieb zum Anfang des Andante lento erhalten, die tappende Unbeholfenheit der Bässe entpuppte sich als Passacaglia welcher sich Britten erstmals in einer Komposition bediente. Im Verlauf stellten die Posaunen ein Thema vor welches die Soloivioline nun neunmal variierte, Caroline Widmann setzte in der pathetischen Folge-Coda eine Flut versöhnlicher, klagender, schmachtender und wiederum aufreibender Passagen in großartiger Virtuosität frei. Das Orchester untermalte in zarten Akkorden den Finalsatz welcher in einer leeren Quinte der Orchesterstimmen verhallte, darüber trillerte wie in einem Nichts entströmend die Violine.

Das Publikum entlud seine Begeisterung in prasselndem Applaus und lauten Bravorufen, die Gefeierte bedankte sich mit einem exquisit gespielten „Sonatensatz“ von Eugéne Ysaye.

Wenn Sterne singen… könnte man den Titel der musikalischen Galaxien „Die Planeten“ von Gustav Holst untermalen. Das ist Musik einer universellen Sprache aus dem Kosmos welche auf uns Menschen direkt einzuwirken schien, davon wußten schon die alten Griechen zu berichten. Nun entführte das exzellent musizierende HR SO. uns auf eine instrumentale Raumfahrt zu diversen Planeten, welche allerdings nicht im originalen Ablauf um die Sonne kreisten, sondern lediglich die sieben wichtigsten Lebensphasen der Menschheit widerspiegelten. Letzten Endes charakterisierte der begeisterte Hobby-Astrologe Holst seine Planeten als eine Folge von musikalischen Stimmungsbildern, einer Synthese spätromantisch-impressionistischer Orchestrierungen.

Nun möchte ich nicht die einzelnen prächtig musizierenden Instrumentalgruppen hervorheben, sondern den Klangkörper als kompaktes Ganzes sehen und bewerten. Präzise folgten die Musiker*innen den Intensionen ihres Gastdirigenten welcher es bestens verstand die Farbwirkungen der Partitur besonders dynamisch und klanglich höchst präsent zu offerieren. Es verstand sich von selbst, dass die konträren teils konstanten oder antizyklischen Rhythmen der Planeten Mars oder Merkur ihre hypnotischen akustischen Wirkungen auf die Hörer keineswegs verfehlten. Wunderbar schwebende Akkorde, lyrische Harfen- und Celesta-Sequenzen unterstrichen die melodischen Konturen, effiziente auf traumhafte Weise musizierter Sphärenklange entrückten in unendliche Galaxien. In elegischer Verzückung erklang die Solovioline zur Introduktion zur Venus. Wunderschön wie in Verklärung entschwebte Neptun, der Mystische mit den verhallenden leisen Frauenstimmen in die Weiten des Universums.

Das Publikum von dieser Kosmos-Reise fasziniert applaudierte bereits nach jedem Planeten, sodann nach dem Finale heftig und ausgiebig.

Gerhard Hoffmann

 

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