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FRANKFURT/ Alte Oper: „ALISA WEILERSTEIN-HR Sinfonieorchester – ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“ 

17.01.2020 | Konzert/Liederabende

Frankfurt / Alte Oper: „ALISA WEILERSTEIN-HR Sinfonieorchester – ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“  –  16.01.2020

In ungewöhnlich konträrer Formation eröffnete das hr-sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada das Neue Jahrzehnt 2020. Im Mittelpunkt stand „Ouroboros – für Cello und Orchester“ des zeitgenössischen Komponisten Thomas Larcher. Der 1963 geborene Tiroler gilt als einer der einfallsreichsten und interessantesten Stimmen moderner Tonsetzer.

Das im Jahre 2015 uraufgeführte Werk erschien mir innovativ und interessant zugleich und bewegte sich im Spannungsfeld von experimentellen Spieltechniken, bewussten Rückgriffen auf traditionelle Musiklinien. Die knapp 21minütige Komposition in welcher die amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein mit ihrem relativ kurzen Part keineswegs ins Schwitzen kam musizierte in herrlichen weichen Kantilenen, sattem Klang äußerst konzentriert die schöne keineswegs vertrackte dahinfließende Melodik, welche zuweilen an Philipp Glass erinnerte.  Kristallklare Linien geprägt von Askese lieferte dazu die Instrumentalbegleitung mit glitzernden Piano-Beiträgen (Matan Porat) das hr-sinfonieorchester in kammermusikalischer Besetzung zur spannenden Führung ihres Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada. Mit herzlichem Applaus wurden die Solistin sowie der anwesende Komponist gefeiert. Als Zugabe intonierte Weilerstein herrlich weich und sehr emotional eine „Cello-Variation“ von J.S. Bach.

Zuvor erklang als Fortsetzung des Joseph Haydn-Zyklus dessen Symphonie

„L´ours“ in welcher die Pariser eine Art Schaubudenmusik sowie Bärengebrumm vernahmen. Orozco-Estradas Lesart mit dem wunderbar leicht aufspielenden Orchester setzte auf gefälligen Musizierstil. Temperamentvoll wurde der erste Satz eröffnet, das Allegretto folgte gemäßigter und in tänzerischer Anmut erklang das Trio-Menuet.  Als ergiebigsten Teil des Werkes empfand ich den Finalsatz, aufgebaut in einem Sackpfeifen-Tanz zu dem der Bass unentwegt ein tiefes C mit leichtem H-Vorschlag „brummt“ – derentwegen wohl  die Namensgebung der Symphonie.

Nach der Pause ging es gehaltvoller zur Sache: zwei herrliche orchestralen Preziosen von Richard Strauss. Zunächst erklang das erste symphonische Werk des 24jährigen Komponisten „Don Juan“, welches noch heute als bedeutendstes, tiefstes Orchesterklang-Erlebnis gilt. Zum Leitgedanken des Gedichts von Nikolaus Lenau wollte Strauss nicht den Genießer verherrlichen sondern mehr oder weniger den diesseitsgerichteten ewig Suchenden.

Vortrefflich offerierte Andrés Orozco-Estrada mit seinem prächtig disponierten hessischen Klangkörper den eigenwilligen Rhythmus, das überschwängliche ungezügelte Verlangen des Helden im unwiderstehlichen Fortissimo der betörend aufspielenden hellen und dunklen Streicher.  Schier berstend vor sinnlicher Virilität und Lebensfreude tönten die Hörner von der unbändigen Lust des Verführers und ganz in dessen Sinn strebte Strauss die Überwindung festgefügter Strukturen an. Zwar scheinen in dieser Tondichtung Sonatensätze und Rondo-Formen durch, bleiben aber dennoch mehr Fragment. In überschäumender Musizierfreude präsentierte der feinfühlig-sensible Dirigent mit dem hr-sinfonieorchester jenen magischen instrumentalen Zauber, den drängenden Melodienablauf, das Absinken der Triolen, die herrlichen Piani bis zum letzten finalen Aufbäumen aufs Trefflichste.

Hell, klar, transparent erklang zum Abschluss die „Rosenkavalier-Suite“ als akustisches Prachtgemälde. Zu Orozco-Estradas Interpretation mit dem schwelgerisch, betörend aufspielenden Klangkörper erschienen die Dissonanzen der Partitur in völlig anderem Licht als wurde ihnen die Schwere genommen, der Witz, die Leichtigkeit des Seins überwog. In präzise rhythmischen Kontroversen erklangen die wundervoll gestalteten Motive, die Walzerfolgen wirkten duftig in sphärischer Prägnanz. Die Interpretation des Dirigenten bestach durch Wahrhaftigkeit, er nahm der Musik die derbe Exterieur ohne jedoch, dass es analytisch zersetzt erschien. Ganz im Gegenteil Orozco-Estrada lag mehr die feine  Klang-Valeur-Balance am Herzen deren Timing und bestechend-differenzierte Instrumentierung einfach bestachen.

Das Publikum war außer sich vor Begeisterung dazu applaudierte der Dirigent seinem Orchester und stellte es auf sehr sympathische Weise in den Mittelpunkt.

Gerhard Hoffmann

 

 

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