1938 – Eine musikalische Tiefenbohrung in der Alten Oper

Foto: Copyright by Diana Hillesheim
Das Jahr 1938 markiert eine Zäsur, die sich wie ein tiefer Riss durch die europäische Kulturgeschichte zieht. In der Alten Oper Frankfurt wurde dieses Schicksalsjahr nun zum Gegenstand einer musikalischen Tiefenbohrung. Das 6. Sinfoniekonzert des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters unter der Leitung von Generalmusikdirektor Thomas Guggeis war kein gewöhnlicher Konzertabend, sondern eine klangliche Rekonstruktion einer Welt im Umbruch. Zwischen dem Vorabend des Krieges in Frankreich, dem schillernden Exil in Hollywood und dem tödlichen Schweigen unter Stalin entfaltete sich ein Panorama, das von den Musikern und ihrem Dirigenten höchste Wachsamkeit forderte.
Den Auftakt bildete eine Entdeckung, die man in ihrer Wucht kaum überschätzen kann: die Sinfonie Nr. 2 von Elsa Barraine. Wer war diese Frau, die heute oft nur noch Fachleuten ein Begriff ist? Als Tochter des Solocellisten der Pariser Oper wuchs sie im Epizentrum der Musik auf, teilte sich am Konservatorium die Schulbank mit dem jungen Olivier Messiaen und räumte bereits mit neunzehn Jahren den prestigeträchtigen Prix de Rome ab. Doch Barraine war keine Elfenbeinturmbewohnerin. Als sie 1938 ihre zweite Sinfonie schrieb, gärte es in Europa. Sie trat der Kommunistischen Partei bei und sollte später eine der zentralen Figuren des musikalischen Widerstands in der Résistance werden.
Ihre Sinfonie, die sie mit dem russischen Wort für „Krieg“ untertitelte, ist ein siebzehnminütiges Manifest der Unbeugsamkeit. Thomas Guggeis führte das Orchester mit einer Transparenz durch das Werk, die jede harmonische Reibung offenlegte. Im ersten Satz peitschte das Blechbläserensemble die Themen voran, als gelte es, die heraufziehende Katastrophe herbeizuschreien. Doch Barraine verliert sich nicht im Lärm. Es gibt diese verspielten Momente der Oboe, die Guggeis mit dem Orchester wunderbar plastisch herausarbeitete – kleine Inseln der Humanität in einem Meer aus Aggression. Die Tonsprache erinnert dabei an Mahler, besitzt aber eine spröde Modernität, die weit über das Jahr 1938 hinausweist.
Und doch gibt es in diesem Werk eine Überraschung, die es in sich hat! Der zweite Satz, ein Trauermarsch, ist fast ein genaues Zitat aus dem Beginn der 5. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Eindrücklich und dann doch wieder ganz anders. Besonders das Finale mit seiner trotzigen Attitüde geriet in der Frankfurter Lesart zu einem orchestralen Wechselbad: Mal schroff und abweisend, dann wieder von einer lyrischen Sehnsucht durchzogen, sogar mit heiterem Ende – all das wurde vom Orchester auf hohem Niveau und mit einer bewundernswerten Präzision dargeboten.
Den radikalsten ästhetischen Kontrast des Abends bot das Violinkonzert D-Dur op. 35 von Erich Wolfgang Korngold. Während Barraine in Paris den Widerstand plante, saß Korngold bereits in Hollywood. Für das einstige Wiener Wunderkind, das von Mahler als Genie geadelt worden war, wurde das Exil zum künstlerischen Wendepunkt. Er erfand den Sound des Kinos, gewann Oscars für „Robin Hood“ und „Anthony Adverse“, doch die Sehnsucht nach der alten Welt und ihren klassischen Formen ließ ihn nie los. Sein Violinkonzert ist eine Liebeserklärung an diese verlorene Heimat, verpackt in den glühenden Technicolor-Farben der Neuen Welt.

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Hier schlug die Stunde von Elias David Moncado. Der junge Geiger, ein Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung und Student der Kronberg Academy, gab ein Debüt, das aufhorchen ließ. Korngolds Konzert ist ein Minenfeld aus Zuckerwattensound und Pathos – wer hier nur auf die Tube drückt, landet im Kitsch. Moncado hingegen bewies eine Reife, die man seinem Alter kaum zugetraut hätte. Er trug Sorge dafür, dass das cineastische Sentiment losgelöst vom bewegten Bild blieb. Sein Spiel im ersten Satz war hochsensibel und dynamisch reich differenziert. Er ließ die Melodien, die Korngold aus seinen Filmmusiken entlehnt hatte, mit intensivem Vibrato blühen, ohne sie zu ersticken.
Besonders beeindruckend war die Interaktion zwischen Solist, Orchester und Dirigent. Thomas Guggeis und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester begleiteten Moncado auf Augenhöhe und mit einer geradezu überschäumenden Spielfreude. Es war eine Lust zu hören, wie das Orchester den „süffigen“ Klanggesten Korngolds nachspürte, ohne dabei die rhythmische Disziplin zu verlieren.
Im zweiten Satz, der Romanze, schwebte Moncados Violine seelenvoll über einem Orchesterteppich, der wie von der kalifornischen Sonne gewärmt schien. Doch Guggeis sorgte dafür, dass die Begleitung stets schlank blieb, was dem Satz kammermusikalische Intimität verlieh.
Das abschließende Rondo war schließlich ein überdreht schmissiger Kehraus. Moncado verlieh den Kadenzen eine rhythmische Schärfe und eine Expressivität, die das Konzert lebendig und gefährlich hielten. Das war kein süßliches Schwelgen, das war hochvirtuoses Musizieren mit Biss. Riesige Begeisterung für einen hinreißenden Vortrag. Zwei virtuose Zugaben von Moncado trieben den Applauspegel nochmals zum Siedepunkt.
Nach der Pause folgte der Gang in die Dunkelheit: Dmitrij Schostakowitschs 5. Sinfonie d-Moll. Um dieses Werk zu verstehen, muss man sich die Todesangst vergegenwärtigen, in der es entstand. Nach der vernichtenden Kritik der Prawda an seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ war Schostakowitsch ein Gezeichneter. Stalin forderte einen „sowjetischen Klassizismus“ – heroisch, verständlich, staatstragend. Schostakowitsch lieferte genau das, und doch lieferte er etwas völlig anderes. Er schuf ein Werk der totalen Doppelbödigkeit, eine Musik, die nach außen hin salutiert, während sie im Inneren blutet.
Thomas Guggeis präsentierte eine bemerkenswert geschärfte Lesart, die vor allem auf Struktur und Klarheit setzte. Im monumentalen Kopfsatz arbeitete er die Kontraste zwischen den glücklichen Jugenderinnerungen und der harten Realität der Rückkehr nach Leningrad wirkungsvoll heraus. Das Orchester agierte hier mit großer Disziplin und Hingabe. Die massiven Steigerungen klangen nicht nach hohlem Pathos, sondern nach der Unausweichlichkeit einer Maschinerie.
Das Allegretto des zweiten Satzes war ein Kabinettstück des Sarkasmus. Hier wehte ein beißender Spott durch die Alte Oper. Guggeis ließ die Holzbläser ihre Motive so scharf artikulieren, dass man förmlich spüren konnte, wie hier über die verordneten Propaganda-Veranstaltungen gelacht wurde – ein Lachen, das jederzeit in ein Schluchzen umschlagen konnte.
Das Largo ist vielleicht einer der traurigsten Sätze der gesamten Musikliteratur. Es ist ein Trauergesang für die Opfer des Terrors, ein Grablied für die Freunde im Gulag. Die Streicher des Museumsorchesters entfalteten hier eine Klangkultur, die unter die Haut ging. Jedes Holzbläsersolo wirkte wie ein Individuum, das im Nebel der Diktatur verschwindet. Guggeis hielt das Tempo hier tendenziell etwas flüssiger, was dem Satz eine gewisse Objektivität verlieh, ihm aber vielleicht ein Quäntchen jener lähmenden Schwere nahm, die Schostakowitsch in seinen dunkelsten Momenten auszeichnet. Es war eine Demonstration instrumentaler Extraklasse, auch wenn mancher Zuhörer vielleicht noch länger im Abgrund hätte verweilen wollen.
Das Finale schließlich ist das große Rätselraten. Ein strahlendes D-Dur-Ende, das vom Regime als Sieg gefeiert wurde. Schostakowitsch sagte später, man müsse schon ein Trottel sein, um nicht zu hören, dass dieser Jubel erzwungen sei. Guggeis und sein Orchester machten daraus eine echte Tour de Force. Das lärmende Ende verfehlte seine physische Wirkung nicht. Es war ein Jubel unter Schlägen, ein Crescendo der Gewalt, bei dem die Pauken wie Exekutionskommandos klangen. Die Doppelbödigkeit wurde auch hier, wie in den anderen Sätzen, deutlichst herausgestellt. Die schiere Lautstärke und die Unerbittlichkeit des Rhythmus ließen keinen Zweifel daran, dass hier nichts „gut“ ist.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester wuchs an diesem Abend weit über sich hinaus. Der große Streicherapparat agierte mit bestechender Klangkultur, angeführt von Konzertmeister Dimiter Ivanov, der seine beiden Soli mal schmerzvoll, dann wieder beißend ironisch vortrug. Vorzüglich die Holzbläser in ihren Klangfarben, die strahlenden Hörner (mit feinem Solo am Ende des ersten Satzes), das edle Blech und das auftrumpfende Ensemble der Schlagzeuger.
Am Ende jubelte ein Publikum, das sichtlich bewegt war von dieser Reise durch das Jahr 1938. Thomas Guggeis hat als Generalmusikdirektor bewiesen, dass er sein Orchester zu Höchstleistungen führen kann, wenn es darum geht, komplexe historische Kontexte klanglich zu übersetzen. Elias David Moncado wiederum hat sich als Solist empfohlen, der nicht nur über eine brillante Technik verfügt, sondern auch bereits jetzt die intellektuelle Reife besitzt, um Werke wie das Korngold-Konzert vor der Bedeutungslosigkeit zu retten. Es war ein Abend, der zeigte, dass es in der Musik keine Sicherheit gibt – nur die Suche nach der Wahrheit hinter den Noten. Wenn dies gelingt, wie bei diesem Konzert, dann ist ein unvergessliches Resultat die Folge.
Dirk Schauß, 10. Februar 2026
- Museumskonzert am 09. Februar 2026 in der Alten Oper Frankfurt

