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FOXCATCHER

02.02.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Foxcatcher x~1

Ab 5. Februar 2015 in den österreichischen Kinos
FOXCATCHER
USA  /  2014 
Regie: Bennett Miller
Mit: Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo, Vanessa Redgrave, Sienna Miller u.a.

Wieder eine Geschichte, die das Leben schrieb, und Drehbuchautoren müssten sich anstrengen, die Story des Multimillionärs John du Pont zu erfinden, der sich einen „Stall“ von Ringern hielt, um Amerika zu olympischen Ehren zu verhelfen, und der in seinem Größenwahn an der Realität so weit scheiterte, dass er – offenbar in einem Anfall unkontrollierter Eifersucht –  einen seiner Sportler, David Schultz, tötete. Man ist gewissermaßen ein ganz kleines bisschen mit dem amerikanischen Rechtssystem versöhnt (man muss ja nicht immer an O. J. Simpson denken, der mit Mord davonkam), wenn man weiß, dass du Pont nach 13jähriger Haft im Gefängnis starb.

Erzählt wird aber als sein Gegenspieler weniger die Geschichte von Dave Schultz, sondern von dessen Bruder Mark Schultz (Jahrgang 1960, noch am Leben), der uns zu Beginn des Films, Ende der achtziger Jahre, in Gestalt von Channing Tatum als chancenloses Wrack begegnet. (Tatum tut nicht viel, aber mit stumpfem Blick und eingezogenen Schultern verkörpert er den Mann, der einst Olympiasieger war und nun in den Abgrund gefallen ist.) Als John du Pont, der das Familienvermögen mit Waffenerzeugung vervielfältigte und als einer jener radikal-überdrehten Patrioten sein Geld nicht nur in Kultur, sondern auch in Sport steckte, dann die Foxcatcher-Farm gründete, ein Trainingszentrum für Ringer, war der ungemein begabte Mark Schultz ein williger Kandidat, der die angebotene Chance, hier ein US-Team zu trainieren, anfangs begeistert nützte.

Du Pont begegnet dem Kinobesucher in Gestalt von Steve Carell anfangs seltsam, ein steifer, abgehobener Herr mit Riesennase, dem seine persönlichen Kommunikations-Probleme nur so aus allen Knopflöchern funkeln. Allerdings lernt man in ein paar Szenen auch seine alte, steife und total missbilligende Mutter kennen – und Vanessa Redgrave braucht nicht mehr, um zu zeigen, wie schief in der Familie alles menschlich läuft.

Zu Beginn erinnert die Beziehung zwischen Du Pont, der zu schüchtern ist, sich Mark homosexuell zu nähern, aber doch ganz offenbar von Begierden getrieben ist, dem, was Michael Douglas und Matt Damon so faszinierend in dem „Liberace“-Film gezeigt haben – das Aufblühen des Unterdogs durch die Gunst des reichen Mannes, bis dieser in seiner Launenhaftigkeit ihn dann auch wieder brutal-sadistisch zurückstößt – ein Wechselbad der Gefühle, das kaum zu bewältigen ist.

In seiner Begierde, alles zu kaufen, was er sich wünscht, gelang es Du Pont schließlich auch Marks Bruder – den er mit ganzer Familie „nehmen“ musste – in die Foxcatcher-Welt hereinzuholen: Mark Ruffalo spielt den liebenden Bruder, den herzlichen Familienmann, der immer mit beiden Beinen fest am Boden bleibt, hinreißend (auch das eine verdiente „Oscar“-Nominierung). Und gerade, weil er in der Tiefe seiner Seele nicht zu kaufen ist, musste Du Pont – der in diesem Stadium seiner Entwicklung schon total jenseits der Normalität war – ihn töten: Widerstand ertrug er nicht, man durfte niemand anderen lieben als ihn…

Es wird durchaus viel gerungen in diesem Film, ein „Sportfilm“ ist es darum nicht. Regisseur Bennett Miller (auch eine „Oscar“-Nominierungen, im ganzen fünf für den Film) hat die Geschichte nach den Memoiren von Mark Schultz im Grunde als Psycho-Thriller gestaltet. In dieser menschlichen Borderline-Tragödie erlebt man wirklich Szenen, wo einem der Atem stockt – und wer einen verbohrten Spinner, der die Welt nur durch seine eigenen Augen sehen kann, so überzeugend verkörpert wie Steve Carell, Mimik, Sprache, Körpersprache in Perfektion ausgearbeitet – dessen „Oscar“-Chancen stehen schon sehr gut. Zu Recht.

Renate Wagner

 

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