FLENSBURG
Schleswig-Holsteinisches Landestheater
JEKYLL & HYDE
am 11.10.2026

Mareike Heyen und Philipp Franke (Foto: Thore Nilsson)
Das Schleswig-Holsteinische Landestheater zeigt Frank Wildhorns Musicalklassiker über die dunklen Seiten der menschlichen Seele. Ein überragender Hauptdarsteller, eine düstere Inszenierung und ein berührendes Duett machen den Abend zum Publikumserfolg.
Robert Louis Stevenson veröffentlichte seine Erzählung „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 1886. Frank Wildhorn machte aus dem Stoff sein 1990 uraufgeführtes Musical, das wissenschaftlichen Ehrgeiz, persönliche Obsession und die zerstörerische Macht verdrängter Triebe miteinander verbindet.
Dr. Henry Jekyll glaubt, dass in jedem Menschen gute und böse Kräfte nebeneinander existieren. Mit einem selbst entwickelten Serum will er die dunkle Seite der menschlichen Seele vom Guten trennen. Als die Verantwortlichen eines Krankenhauses seine Versuche an Menschen untersagen, entscheidet er sich für einen Selbstversuch. Doch statt das Böse zu isolieren, setzt er eine zerstörerische Kraft frei. Edward Hyde tritt hervor, missachtet gesellschaftliche Regeln und überschreitet jede moralische Grenze. Bald erschüttert eine Mordserie London. Jekyll verliert zunehmend die Kontrolle über seine Verwandlung und muss erkennen, dass er seinen Gegenspieler nicht einfach wieder abschütteln kann.
Regisseurin Julia Mintzer setzt auf eine düstere, atmosphärisch dichte Inszenierung. Das London der Handlung wirkt bedrohlich; medizinische Versuchsanordnungen und Nebel verstärken den Eindruck einer Welt, in der die Grenze zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und menschlicher Hybris zunehmend verschwimmt.
Die Regisseurin hat im Zusammenhang mit der Produktion auf Parallelen zwischen Stevensons Geschichte und der digitalen Gegenwart hingewiesen. Soziale Medien, Chatrooms und Apps ermöglichen es Menschen, unter anderen Identitäten aufzutreten und Hemmungen abzulegen, die sie im Alltag zurückhalten. Die Anonymität kann zur Versuchung werden, sich über Regeln und Verantwortung hinwegzusetzen.
Der Gedanke ist nachvollziehbar, doch die Geschichte reicht weiter. Hyde ist nicht einfach ein digitales Alter Ego und auch nicht bloß eine Maske, die ein Mensch ablegt, sobald er sich unbeobachtet fühlt. Er steht für die Versuchung, bestimmte Anteile der eigenen Persönlichkeit als fremd zu behandeln und deshalb nicht für sie einstehen zu müssen. Jekyll will das Böse aus sich herauslösen, ohne sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen. Darin liegt sein entscheidender Irrtum. Er glaubt, die menschliche Natur technisch korrigieren zu können, und muss erkennen, dass er sich selbst nicht von den Folgen seines Handelns befreien kann.
Die Kernaussage ist zeitlos: In jedem Menschen schlummern unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Seiten. Die Vorstellung, Menschen ließen sich eindeutig in Gut und Böse, Licht und Schatten oder Freund und Feind einteilen, greift zu kurz. Der Gedanke führt über die Geschichte hinaus. In einer Welt, in der Polarisierung in Politik, Gesellschaft und persönlichen Beziehungen zunehmend den Ton angibt, stellt sich die Frage, ob wir mit unseren starren Einteilungen nicht selbst dazu beitragen, Konflikte zu verschärfen. „Jekyll & Hyde“ liefert darauf keine einfache Antwort. Das Musical erinnert aber daran, wie gefährlich es werden kann, die dunklen Seiten des Menschen ausschließlich bei den anderen zu suchen.
Die Inszenierung bleibt dabei mehr als ein Schauerstück. Sie erzählt von einem Menschen, der glaubt, seine eigene Natur wissenschaftlich beherrschen und nach seinen Vorstellungen verändern zu können. Gerade diese Selbstüberschätzung macht Jekylls Scheitern so tragisch.
Schon das erste Bild warf für mich eine weitere Frage auf. Erst wenige Tage zuvor hatte ich in Frankfurt die Ausstellung „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“ gesehen, die sich mit den dunklen Kapiteln der Psychiatrie und dem Umgang mit psychisch erkrankten Menschen beschäftigt. Vor diesem Hintergrund ließ mich die Darstellung der medizinischen Welt in „Jekyll & Hyde“ nicht unberührt.
Natürlich liegen zwischen der Zeit der Musicalhandlung und der Gegenwart erhebliche wissenschaftliche Entwicklungen. Die moderne Psychiatrie verfügt über Erkenntnisse und Behandlungsmöglichkeiten, die im 19. Jahrhundert nicht zur Verfügung standen. Dennoch bleibt die grundsätzliche Frage, wie weit wir tatsächlich gekommen sind, wenn es um den Umgang mit psychischer Erkrankung, abweichendem Verhalten und vermeintlich unkontrollierbaren Persönlichkeitsanteilen geht.
Das Musical ist kein realistisches Psychiatrieporträt und sollte auch nicht als solches verstanden werden. Seine düstere medizinische Welt regt jedoch dazu an, über den Umgang mit Menschen nachzudenken, die als gefährlich, unberechenbar oder nicht gesellschaftsfähig gelten. Wo endet die notwendige Behandlung, wo beginnt Ausgrenzung? Und wie viel Menschlichkeit bewahren wir, wenn wir versuchen, das vermeintlich Unkontrollierbare aus unserem Leben zu verbannen?
Die Ausstattung von Danila Travin arbeitet mit einer klaren visuellen Gegenüberstellung. Jekylls Welt erscheint kühl und wissenschaftlich, während Hyde mit Wärme, Körperlichkeit und blutigen Assoziationen verbunden ist. Die unterschiedlichen Farbwelten verdeutlichen den Gegensatz der beiden Persönlichkeiten, ohne die psychologische Dimension aus den Augen zu verlieren. Auch die Choreografie von Manuel Lopez fügt sich in das szenische Konzept ein.
Die Doppelrolle Henry Jeckyll / Edward Hyde stellt höchste Anforderungen an ihren Interpreten. Er muss zwei Persönlichkeiten glaubhaft verkörpern, die zwar denselben Körper teilen, sich aber in Auftreten, Körpersprache, emotionaler Haltung und stimmlicher Wirkung deutlich unterscheiden. Philipp Franke gelingt das auf ganzer Linie.
Als Jekyll begegnet er seiner Umwelt zunächst zurückhaltend und mit dem Ernst eines Wissenschaftlers, der von seiner Idee besessen ist. Als Hyde verändert sich nicht nur seine Körpersprache. Auch sein Umgang mit den Menschen schlägt um. Franke gestaltet diesen Bruch mit großer darstellerischer Präzision und überzeugt mit seinem beweglichen Bariton stimmlich ebenfalls auf ganzer Linie. Er führt die unterschiedlichen Charaktere nicht bloß vor, sondern macht ihre innere Verbindung sichtbar und deren Kontraste hörbar. Gerade weil Hyde nicht von außen in Jekyll eindringt, sondern aus ihm selbst hervorgeht, gewinnt der Konflikt an Glaubwürdigkeit.
Franke beherrscht die Bühne, ohne sich auf plakative Effekte verlassen zu müssen. Gesang und Schauspiel greifen ineinander und tragen den Abend. Dabei stellt sich fast unweigerlich die Frage, welche weiteren großen Musicalrollen ihm liegen könnten. Wäre Philipp Franke nicht auch ein idealer Jean Valjean in „Les Misérables“? Die Verbindung aus darstellerischer Intensität, stimmlicher Präsenz und der Fähigkeit, innere Konflikte glaubhaft auszutragen, ließe eine solche Besetzung jedenfalls reizvoll erscheinen.
Mareike Heyen verleiht Lucy Harris, einer Prostituierten, die in einer von Gewalt und sozialen Abhängigkeiten geprägten Welt lebt, eine berührende Mischung aus Verletzlichkeit und Lebenswillen. Mit ihrem ausdrucksstarken Gesang lässt sie Lucys Sehnsucht nach einem anderen Leben ebenso spürbar werden wie ihre innere Zerrissenheit.
Der emotional bewegendste Moment des Abends ist für mich das Duett „Mädchen der Nacht“ zwischen Lucy und Nellie. Gemeinsam mit Sarah Kuffner, die Nellie verkörpert, gestaltet Heyen die Begegnung so eindringlich, dass mir Tränen in die Augen steigen. Das liegt nicht allein an der Musik. Vermutlich trägt auch meine persönliche Betroffenheit dazu bei, denn die Szene erinnert mich an Menschen, die ich kenne und die sich in vergleichbaren Lebenssituationen befinden. Was die beiden Frauen auf der Bühne erleben, ist keineswegs auf das London des 19. Jahrhunderts beschränkt. Auch heute leben Menschen in prekären Verhältnissen, erfahren Gewalt oder werden auf ihre gesellschaftliche Rolle reduziert. Ihre Not bleibt allzu oft unsichtbar, solange sie den Alltag der anderen nicht stört. Heyen und Kuffner geben diesen Erfahrungen eine Stimme. Ihr Zusammenspiel verleiht dem Duett emotionale Glaubwürdigkeit, ohne die Figuren zu bloßen Symbolen des Elends zu machen. Gerade in einem Musical, das mit großen Gesten und dramatischen Gegensätzen arbeitet, entfaltet diese menschliche Nähe ihre besondere Wirkung.
Auch die weiteren Mitwirkenden tragen dazu bei, dass die Geschichte nicht auf den Konflikt der Titelfigur zusammenschrumpft.
Dirk Audehm verkörpert John Utterson, Jekylls Freund und Vertrauten. Er zeichnet das Bild eines Mannes, der seinem Freund die Treue hält, dessen zunehmende Veränderung ihn jedoch immer stärker beunruhigt. Mit markantem Gesang und nuanciertem Schauspiel verleiht Audehm der Figur das Profil eines besonnenen Beobachters, der Jekylls Entwicklung nicht länger tatenlos hinnehmen kann. Kai-Moritz von Blanckenburg übernimmt die Rolle von Sir Danvers Carew, Lisas Vater. Als gesellschaftlich etablierte Autorität verkörpert er jene Ordnung, gegen die Jekyll mit seinem Forschungsdrang anläuft. Von Blanckenburg stattet die Figur mit dem nötigen Gewicht aus und macht Carew zu mehr als einem bloßen Gegenspieler. Seine Vielseitigkeit als Bühnenkünstler kommt auch dieser Partie zugute. Anna Avdalyan spielt Lisa, die Tochter von Sir Danvers und Jekylls Verlobte. Die armenische Koloratursopranistin überzeugt mit einem angenehm warmen, klaren Sopran. Sie gestaltet die Partie ohne störende Schärfen und verbindet ihre stimmliche Leichtigkeit mit einer feinfühligen Interpretation, die Lisas emotionale Seite zur Geltung bringt. Mikołaj Bońkowski übernimmt gleich zwei Rollen: Er spielt Simon Stride, der ebenfalls um Lisa wirbt, und Spider, einen Zuhälter. Die Doppelbesetzung führt zwei sehr unterschiedliche Figuren zusammen und schlägt zugleich eine Brücke zwischen Jekylls bürgerlicher Welt und dem Milieu, in dem Lucy lebt. Bońkowski arbeitet die Unterschiede zwischen den beiden Charakteren heraus und überzeugt mit einer ausdrucksstarken stimmlichen Gestaltung.
Frank Wildhorns Musik verbindet große emotionale Melodien mit einer zunehmend bedrohlichen Grundstimmung. Die Songs treiben die Handlung voran und machen sichtbar, was die Figuren mit Worten allein kaum ausdrücken können. Sehnsucht, Angst, Verführung und Gewalt stehen dabei dicht nebeneinander. Jooan Mun führt das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester mit sicherem Gespür durch Frank Wildhorns abwechslungsreiche Partitur. Er hält die musikalischen Abläufe zusammen, setzt die dramatischen Höhepunkte wirkungsvoll in Szene und lässt zugleich den großen Melodien den nötigen Raum. Kraftvolle Passagen gewinnen unter seinem Dirigat an Intensität, während die ruhigeren Momente ihre emotionale Wirkung entfalten können. Dabei stimmt auch die Balance zwischen Orchester und Gesang. Die Stimmen bleiben stets präsent und verständlich, ohne dass das Orchester an Ausdruckskraft einbüßt. Die Musik trägt die Handlung, verstärkt ihre Spannungen und unterstützt die Darsteller, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Gemeinsam mit dem Opernchor des Landestheaters, den Alexander Tessin einstudiert hat, schafft das Orchester ein überzeugendes musikalisches Fundament für diesen gelungenen Musicalabend.
Das ausverkaufte Haus, die Standing Ovations und der Jubel sprechen für sich. Das Schleswig-Holsteinische Landestheater hat mit „Jekyll & Hyde“ eine Produktion im Programm, die musikalisch überzeugt, visuell eine düstere Atmosphäre entfaltet und sich einem Stoff widmet, dessen Fragen bis in die Gegenwart reichen. Wer für diese Produktion eine längere Anreise in Kauf nimmt, dürfte sie nicht bereuen. Der Abend unterhält und regt zugleich zum Nachdenken an.
Marc Rohde

