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FLENSBURG/ Landestheater: DIALOGUES DES CARMÉLITES

Zwischen Angst und Glauben

26.06.2026 | Oper international

FLENSBURG/ Schleswig-Holsteinisches Landestheater:
DIALOGUES DES CARMÉLITES
am 25.6.2026 (Derniere)


Foto: Thore Nilsson

 

Zwischen Angst und Glauben

Francis Poulencs Dialogues des Carmélites setzt nicht auf Effekt und Überwältigung. Die Oper arbeitet leise, aber unerbittlich. Sie zeigt Menschen, die unter Druck Entscheidungen treffen müssen, die sich nicht mehr zurücknehmen lassen. Im Zentrum steht Blanche de la Force, die vor ihrer Angst ins Karmeliterkloster flieht. Doch die Außenwelt bleibt nicht draußen. Mit der Französischen Revolution verschiebt sich alles und plötzlich wird jede Haltung zur existenziellen Entscheidung.

Regisseur Hendrik Müller erzählt diese Geschichte ohne Umwege und ohne aktuelle Überblendungen. Er vertraut dem Stück und den Figuren. Zusammen mit Bühnenbildner Rifail Ajdarpasic entwickelt er einen offenen Raum, der Beziehungen sichtbar macht, statt sie zu rahmen oder zu kommentieren. Die Inszenierung drängt sich nicht vor, sie gibt Konflikten Raum. Genau daraus gewinnt sie ihre Spannung, zu der auch die Kostüme von Ariane Isabell Unfried beitragen.

Den Abend trägt von Beginn an Marysol Schalit als Blanche de la Force. Sie zeigt keine Heldin, sondern eine junge Frau, die ständig zwischen Rückzug und Sehnsucht nach Halt schwankt. Schalit arbeitet diese Unsicherheit mit großer Genauigkeit heraus und hält die Figur auch in ruhigen Momenten innerlich in Bewegung. Ihr Sopran bleibt dabei flexibel und warm, ohne je ins Forcierte zu kippen. Gerade die leisen Übergänge geben der Figur ihr Profil.

Einen klaren Gegenpol setzt Anna Avdalyan als Schwester Constance. Sie begegnet der Welt mit einer Offenheit, die Blanche fremd bleibt. Avdalyan gestaltet diese Leichtigkeit ohne Naivität. Ihr heller, direkt geführter Sopran bringt eine andere Energie in die Szenen und schärft im Zusammenspiel mit Blanche die Kontraste.

Vera Semieniuk prägt als Mutter Marie die Szenen mit einer Präsenz, die schier atemberaubend ist. Sie spielt keine Autorität vor, sondern entwickelt sie aus der Figur heraus. Ihr facettenreicher Mezzo verbindet Kraft und Wärme und zeigt zugleich ihre inneren Spannungen zwischen Überzeugung und Zweifel.

Zu den eindringlichsten Momenten des Abends gehört die Sterbeszene von Madame de Croissy, gestaltet von Itziar Lesaka. Sie vermeidet jede Überhöhung und zeigt eine Frau, die dem Tod mit Angst begegnet. Gerade diese Unmittelbarkeit nimmt der Szene jede Distanz und macht sie beinahe unerträglich.

Menna Cazel setzt als Madame Lidoine einen anderen Ton. Sie führt Ruhe ein, ohne sie als Pose zu spielen. Ihr warmer Sopran trägt die Figur mit einer stillen Autorität, die nicht auf Lautstärke angewiesen ist.

Auch Anna Grycan gibt der Mutter Jeanne klare Kontur und nutzt ihre Auftritte, um die Figur aus dem Ensemble herauszulösen, ohne sie zu isolieren. Auch stimmlich macht die polnische Mezzosopranistin diese kleine Partie zu einem Gewinn des Abends. Als Schwester Mathilde ergänzt Anna Stepanets das Klostergefüge mit einer präzisen, unaufdringlichen Zeichnung.

Als Marquis de la Force verkörpert Kai-Moritz von Blanckenburg Blanches Vater mit stimmlicher Autorität, aber ohne Überzeichnung. Dritan Angoni gibt dem Chevalier de la Force eine klare Linie und emotionale Direktheit, die die familiären Spannungen zusätzlich verdichtet. Christian Alexander Müller verleiht dem Beichtvater des Karmel eine ruhige, glaubwürdige Präsenz, die der kurzen Partie Gewicht gibt.

Die Männerrollen im Hintergrund verteilt Mikołaj Bońkowski über ein breites Spektrum. Er wechselt zwischen Offizier, Kerkermeister, Thierry und Javelinot und hält jede Figur klar voneinander getrennt. Gemeinsam mit Xiaoke Hu als Kommissar zeichnet er das revolutionäre Umfeld präzise, ohne es zu vereinfachen.


Foto: Thore Nilsson

Gerade im Zusammenspiel der Karmeliterinnen entfaltet die Inszenierung eine ihrer größten Stärken. Im Verlauf des Abends treten die einzelnen Schwestern vor den Vorhang. Dort werden ihr Ordensname, ihr bürgerlicher Name, ihr Geburtsjahr und ihr gemeinsamer Todestag projiziert. So formen die Karmeliterinnen kein gesichtsloses Kollektiv, sondern eine Gemeinschaft klar unterscheidbarer Frauen. Eva Eiter, Iveta Jürgensen, Lizzie Krogh, Rhonda Lynn Lehmann, Sünne Ohlen-Grothe, Frida Regling, Alma Samimi, Mayumi Sawada, Oxana Sevostianova, Jiahui Song und Emma Victoria Stern geben dem Orden Leben, ohne sich in den Vordergrund zu schieben.

Müller arbeitet die Beziehungen innerhalb dieser Gruppe präzise heraus. Er setzt weniger auf große Gesten als auf kleine Verschiebungen in Blicken, Haltungen und Reaktionen. Dadurch entstehen intuitiv wahrnehmbare Spannungen, die nicht intellektuell erklärt werden müssen. 

Musikalisch hält Sergi Roca Bru Bühne und Orchester sicher zusammen. Das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester folgt ihm mit feinem Gespür für die wechselnden Farben dieser Partitur. Die Musik bleibt durchsichtig, wo Poulenc sie transparent anlegt, und verdichtet sich, wenn die Situation es verlangt, ohne je an Klarheit zu verlieren.

Auch der Opernchor (Einstudierung: Avishay Shalom) trägt entscheidend zur Wirkung des Abends bei. Im Finale entsteht eine große Spannung, die ohne äußere Effekte auskommt und deshalb ins Mark trifft. 

Das Schlussbild dieser Inszenierung gewinnt seine außergewöhnliche Wirkung dadurch, dass es die Hinrichtung der Karmelitinnen nicht naturalistisch zeigt, sondern in eine eindringliche symbolische Bildsprache übersetzt. Während des Salve Regina verlässt eine Nonne nach der anderen die Bühne. Kurz darauf erklingt jeweils das dumpfe Geräusch der fallenden Guillotine. Die Gewalt selbst bleibt unsichtbar und vollzieht sich allein in der Vorstellung des Publikums. Gerade diese Zurückhaltung verlagert den Fokus von der Brutalität der Hinrichtung auf die innere Haltung der Frauen und ihre bewusste Entscheidung, ihrem Glauben treu zu bleiben. Dadurch wird das Martyrium nicht als passives Erleiden, sondern als Ausdruck einer selbstbestimmten Glaubensentscheidung erfahrbar. Mit jedem Abgang wird die Schwesternschaft kleiner und es verstummt im Chor eine weitere Stimme.

Die Nonnen tragen verschmutzte weiße Brautkleider und halten schwarze Schuhe in den Händen. Das Brautkleid verweist wohl auf das christliche Bild der Nonne als „Braut Christi“ und damit auf die Hoffnung auf die endgültige Vereinigung mit Christus. Die Verschmutzungen nehmen diesem Symbol jedoch jede sentimentale Verklärung. Sie erzählen von einem Weg durch Angst, Verfolgung und Leid und machen deutlich, dass die Schwestern ihre Vollendung nicht unversehrt, sondern gezeichnet von den Erfahrungen ihres Lebens erreichen. Die schwarzen Schuhe, die nicht mehr getragen, sondern lediglich in den Händen gehalten und schließlich auf dem Boden stehen gelassen werden, wirken wie die letzten Zeichen des weltlichen Daseins. Es scheint, als hätten die Frauen ihren irdischen Weg bereits hinter sich gelassen.

Über ihnen schwebt an Seilen aufgehängte Ordenskleidung der Karmelitinnen. Sie wirken wie verlassene Hüllen und verweisen auf das Leben im Kloster, das die Nonnen im Moment ihres Martyriums endgültig hinter sich lassen.

So erzählt das Schlussbild zwei Ebenen zugleich. Akustisch wird der historische Ablauf der Hinrichtung durch das immer wiederkehrende Geräusch der Guillotine nachvollziehbar. Visuell hingegen zeigt die Inszenierung einen geistlichen Übergang. Die Frauen schreiten nicht in erster Linie in den Tod, sondern in die Erfüllung ihrer Berufung. Diese poetische Reduktion verleiht dem Schlussbild eine große emotionale und spirituelle Dichte und macht es zu einem eindrucksvollen Abschluss von Poulencs Oper. Wäre ich eine KI, würde ich schreiben, dies sei ein Opernabend gewesen, der lange nachhallt. Als Mensch sage ich lieber: Dieser Abend hat mich tief berührt. Die Standing Ovations bei der Derniere waren dafür ein ebenso deutlicher Ausdruck wie die Stille unmittelbar vor dem Schlussapplaus.

Marc Rohde

 

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