In dieser Spielzeit stehen mehrere Sinfoniekonzerte des Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters im Zeichen Richard Wagners. Beim heutigen Konzert wird dementsprechend zu Beginn des Abends das Vorspiel zu den „Meistersingern von Nürnberg“ gegeben. Bereits vier Jahre vor der Uraufführung der Oper wurde es dem Publikum als eigenständiges Konzertstück präsentiert.
Die Instrumentengruppen vermischen sich in diesem Auftakt unter der Leitung des jungen in Malaysien geborenen Dirigenten Harish Shankar noch nicht zu einem harmonischen Ganzen. Zügige Tempi führen zu einer wenig feierlichen Stimmung und oft übertönt das Blech die Streicher dermaßen, dass die Violinen kaum hörbar sind.
In Maurice Ravels Konzert für Klavier und Orchester D-Dur „für die linke Hand“ gesellt sich der Japaner Kenichiro Kojima als Solist dazu. Die Auswahl dieses Programmpunkts ist eng mit der persönlichen Biografie des japanischen Künstlers verknüpft. 2015 wurde bei ihm fokale Dystonie diagnostiziert. Seine rechte Hand verlor ihre Funktion. In der Not bewies der Pianist Einfallsreichtum, Entschlossenheit und Engagement und studierte fortan ein Linke-Hand-Solo-Repertoire ein, mit dem er mehrere renommierte Preise gewann. Seit September 2021 ist er nach intensivem Training mit einem Spezialisten der Musikphysiologie auch wieder mit zwei Händen auf dem Konzertpodium zurück. Ravel hatte dieses Konzertstück einst für Paul Wittgenstein, den Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, geschrieben. Dieser Pianist hatte seinen rechten Arm im ersten Weltkrieg verloren.

Pianist Kenichiro Kojima und Gastdirigent Harish Shankar werden gefeiert
Dirigent und Orchester gestalten dieses komplexe Konzertstück mit seinen vielen Jazz-Anteilen wesentlich differenzierter als die vorausgegangene Ouvertüre. Die Interpretation des Solo-Parts muss ungeheuer schwer sein, dann als Zuhörer gewinnt man beim Hören den Eindruck, der Pianist würde mit beiden Händen spielen, was definitiv nicht der Fall ist. Spielerische Leichtigkeit und eine unsagbare Virtuosität zeichnen das Spiel Kojimas aus, der seinem Instrument einen wahren Klangzauber entlockt. Er begeistert die Zuhörer in diesem nüchternen Konzertsaal mitunter auch mit sehr innigen und intimen Momenten.
Nach der Pause erklingt die zweideutige Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 von Dmitri Schostakowitsch, für die er bei der Uraufführung tosenden Applaus erntete. Nach seiner äußerst umstrittenen Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ schien diese Sinfonie eine Anpassung an das stalinistische System gewesen zu sein, die den Komponisten bei der Staatsführung rehabilitierte. Dabei ist bis heute nicht geklärt, ob sich das Publikum damals vom Taumel des Schlusses hat einfangen lassen oder ob es intuitiv gemerkt hat, dass der Komponist der Führung ein Schnippchen schlagen wollte. Es bleibt jedem selbst überlassen, den Schlussmarsch als Sieg des Opportunismus oder als Sieg der Freiheit zu interpretieren. Tatsächlich erfährt man in Schostakowitschs Memoiren die wahre Intention des Komponisten: „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen“. Es es ist jedoch nicht erwiesen, dass diese Memoiren tatsächlich vom Komponisten selbst verfasst wurden.
Shankar scheint an diesem Stück den größten Spaß zu haben. Er formt die einzelnen Musiker zu einem harmonierenden Klangkörper, der trotz lautstarker Ausbrüche auch zahlreiche nachdenkliche und innige Momente beschert. Der Schlussmarsch dieser Sinfonie verfehlt auch in Flensburg seine Wirkung nicht und sorgt für Jubelstürme im Publikum.

