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Film: ZWINGLI

04.11.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

 

Filmstart: 15. November 2019
ZWINGLI
Schweiz / 2019
Regie: Stefan Haupt
Mit: Maximilian Simonischek, Sarah Sophia Meyer, Anatole Taubman, Stefan Kurt u.a.

1517 hatte Martin Luther seine 75 Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg angebracht. Aber es brodelte allerorten in der Katholischen Kirche und vor allem gegen sie. Vor 500 Jahren, 1519, kam der Priester Ulrich Zwingli nach Zürich und setzte durch sein Wirken die Schweizer Reformation in Gang – erfolgreicher als die deutsche, wie man heute weiß, auch wenn er 12 Jahre später dafür persönlich mit einem brutalen Tod büßte.

Die Schweiz „würdigt“ diesen Ulrich Zwingli nun mit einem geschickten, soliden, historische Fakten greifbar und durchschaubar machenden Historienfilm. Der Mann, der da in der überzeugenden Darstellung durch den stattlichen jungen Maximilian Simonischek in die mittelalterliche Stadt kommt, ist 35, man glaubt ihm den Intellektuellen, man glaubt ihm den Mann, der auf Frauenliebe nicht verzichten will, man glaubt ihm vor allem die Energie, seine Überzeugungen gegen gewaltige Widerstände durchzusetzen.

Regisseur Stefan Haupt malt das Leben der armen Leute in einem mittelalterlichen Zürich, wobei die Missstände in der Kirche an vielen Beispielen aufgezeigt werden – etwa, dass die arme Witwe Anna Reinhart (Sarah Sophia Meyer), später Zwinglis Frau, die nicht weiß, wie sie ihre Kinder ernähren soll, von den Priestern immer wieder gezwungen wird, teure Seelenmessen für ihren verstorbenen Mann lesen zu lassen… Das braucht es nicht, sagt Zwingli, den Toten geht es gut dort, wo sie sind, es gibt kein Fegefeuer, von dem man sie freikaufen muss, um die Taschen der Kirche zu füllen… („Mastsäue in braunen Mönchskutten“ nennt er deren Vertreter, und nicht nur das.)

Und er sagt alles auf Deutsch – auch in der Messe, zur Verwunderung der Menschen, die plötzlich verstehen, was im Gottesdienst gesprochen wird. Er kümmert sich um seine Bibelübersetzung, und er hat es im Umgang mit den „Behörden“ leichter als im Heiligen Römischen Reich, denn ein bürgerlicher Züricher Rat der Stadt ist nicht dermaßen von der Katholischen Kirche abhängig und auch der „Freigeisterei“ eher zugänglich. Es ist, mit Zwinglis entschlossenem Kampf für die armen Leute, denen er sich verbunden fühlt, auch eine sehr politische Angelegenheit…

Zwingli lässt seine Thesen auf Flugblättern drucken und fordert, dass alle lesen lernen mögen. Die Provokationen werden immer stärker, wenn er auch das Fastengebot der Kirche angreift, immer mit dem Hinweis, das stünde (ebenso wie die geforderte Ehelosigkeit der Priester) nicht in der Bibel…

Versuche, Zwingli persönlich zu diffamieren (ja, er hat irgendwo ein Hurenkind zurückgelassen, ja, er heiratet Anna und hat Kinder mit ihr), scheitern, auch in der Diskussion mit Kirchenleuten, wo er darauf besteht, sich nur auf die Bibel zu beziehen, siegt er laut Entscheidung des Züricher Rates. Er sei kein Ketzer, er dürfe weiter machen. Und dann greift Zwingli nach den Schätzen der Kirche, um damit die Armen zu versorgen… Ja, natürlich, ein wenig idealistische Simplifizierung ist dabei. Aber wie will man sonst die Entwicklung von Jahren in zwei Stunden fassen?

Das kann man sich nicht gefallen lassen. Die Macht der Kirche ist nach wie vor groß (logisch, dass ihre Vertreter nicht sehr ausgewogen gezeichnet sind, eine Äbtissin ausgenommen, die ihr Kloster für Zwingli auflöst), und es wird nichts idealisiert in den mehr als zwei Stunden des Films: Wo man die Mächtigen dermaßen angreift, wo man sie – vor allem! – um ihre Pfründe bringen will, da wird der Widerstand nach und nach brutal. Und ein Mann, der ununterbrochen kämpfen muss, verändert sich auch – nicht zum Guten.

Nein, man sieht Luther nicht, man weiß nur aus der Geschichte, dass Zwingli mit seiner Bitte um Hilfe bei dem Deutschen, der ihn schäbig behandelte, kläglich gescheitert ist – Zwingli berichtet zornig zuhause. Und dann rüsten die Katholiken zum Krieg, die Urkantone Schwyz, Uri und Unterwalden sind ebenso katholisch geblieben wie Luzern und Zug. Auch von Zwinglis Tod am 11. Oktober 1531 auf dem Schlachtfeld bei Kappel und der Schändung seiner Leiche hört man nur – Hinrichtungen, die die Katholiken an Ketzern vollzogen haben, hat man gesehen. Der Film ist schließlich keine betuliche Religionsstunde. Er gibt uns sogar – auch das muss wohl sein – seine Botschaft expressis verbis mit: Ist es der Teufel, der will, dass die Menschen selber denken?

Renate Wagner

 

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