Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Film: WIR BEIDE

11.10.2020 | FILM/TV, KRITIKEN

Starttermin: 16. Oktober 2020
WIR BEIDE
Deux / Frankreich / 2019
Regie: Filippo Meneghetti
Mit: Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Drucker u.a.

Ein Liebespaar, das sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht zu einander bekennen darf. Nicht, weil sie es nicht wollten, sondern weil der gesellschaftliche Druck zu stark ist. Auch heute noch. Und dann wird einer von beiden krank. Der andere hat, weil er „niemand“ ist, keine Möglichkeit, zum geliebten Menschen vorzudringen. Das kann man sich in beinahe jeder Konstellation vorstellen. Allerdings am wenigsten in jener, die Regisseur Filippo Meneghetti auf die Leinwand gebracht hat: zwei alte Frauen über 70…

Sie wohnen im selben Haus, „über den Gang“. Die Französin Madeleine ist Witwe und lebt allein, aber ihre erwachsenen Kinder sind durchaus präsent. Nina ist Deutsche, wohl einmal als Fremdenführerin nach Paris gekommen, die Liebe hat sie hier gehalten. Wahre Liebe, von der niemand etwas weiß. Zwei befreundete alte Nachbarinnen in den Augen der Mitwelt.

Immer wieder plant Madeleine ihr Coming Out, will es Sohn und Tochter erzählen. Nie kann sie sich den entscheidenden Ruck geben, kann sie sich dazu entschließen: Wie sag ich es der Welt, dass ich alt bin und eine Frau liebe…

Nun plant Madeleine, ihre Wohnung zu verkaufen. Wenn sie mit Nina nach Rom zieht, ist das Problem gelöst. Madeleine ist zerrissen, zwischen der Familie und der Freundin, der sie auch nicht sagen möchte, dass sie zu feig ist, sich zu ihr zu bekennen. Aber schließlich – der Mensch denkt und das Schicksal lenkt. Nina findet in Madeleines Wohnung die verschmorte Pfanne auf dem Ofen – die Freundin ist nicht da. Sie ist im Spital. Nina eilt hin. „Schlaganfall“ sagen die Ärzte. Und Anne (Léa Drucker), die Tochter, fragt sich, was die Nachbarin da zu suchen hat…

Als man Madeleine katatonisch im Rollstuhl zurückbringt, ist da eine schnippische Pflegerin (Muriel Bénazéraf), die sich jede Einmischung der Nachbarin, die so aufdringlich helfen will, verbietet. Es ist erschütternd, wie der Film von Filippo Meneghetti die Schraube der Verzweiflung immer enger anzieht und Barbara Sukowa vor den Augen der Zuschauer in dieser Situation geradezu verfällt. Sie ist niemand, sie darf nicht zu der Frau, die sie liebt, aber sie wird sich, egal, was geschieht, nicht abweisen lassen – welcher wahre Liebende würde das schon? Und man weiß nicht, ob Madeleine im Rollstuhl (hier ist Martine Chevallier wirklich phänomenal) überhaupt etwas begreift…

Es ist ein Melodram, aber keines, das auf billigen Effekt aus wäre. Im Gegenteil: Vermutlich ist man als Betrachter jeglichen Alters zutiefst involviert, wenn es um wahre Liebe geht und die bösartigen Hindernisse, die ihr entgegen stehen. Es zerreißt einem buchstäblich das Herz.

Die Ereignisse schaukeln sich hoch, wenn die Tochter begreifen muss, was da vorgeht, wenn Nina alles tut, um die Pflegerin los zu werden, wenn sie mit Gewaltaktionen agiert, als Madeleine in ein Hospitz gebracht wird, nur damit sie ihr nicht folgen kann…

Das Drehbuch nimmt schließlich am Ende Wendungen, die der elementaren Verzweiflung Ninas, der Liebenden, geschuldet sind und dann wohl der letzten Glaubwürdigkeit entbehren – aber der Regisseur gewährt doch die Gnade eines offenen Endes, eines kurzen Glücksmoments… Allerdings möchte man in diesem Fall die Geschichte nicht weiter denken müssen.

Sie heißt auf Französisch „Deux“, auf Deutsch ebenso richtig „Wir beide“, und erzählt, was man ohnedies wissen sollte, nämlich dass die Liebe keine Grenzen kennt, nicht des Alters, nicht des Geschlechts, und offenbar ist das – wenn man die hitzigen und auch hasserfüllten Diskussionen in den Sozialen Medien erfolgt – ein aktuell wichtiges Thema. Wird es dann noch so atemberaubend gespielt wie von der Sukowa und Martine Chevallier, dann ist die Erschütterung und die Erkenntnisübermittlung perfekt. Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, muss endlich seine apodiktische Gewalt über menschliche Beziehungen verlieren.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken