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Film: WILLKOMMEN IN MARWEN

27.03.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 28. März 2019
WILLKOMMEN IN MARWEN
Welcome to Marwen / USA / 2019
Regie: Robert Zemeckis
Mit: Steve Carell, Diane Kruger, Leslie Mann u.a.

Hollywood scheint dem Einfallsreichtum seiner Drehbuchautoren zu misstrauen – oder man ist überzeugt, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Einige ungewöhnliche jedenfalls wie jene von Mark Hogancamp, einst Fotograf und heftiger Trinker, der einer seltsamen Spinnerei frönte: Er war ein Fetischist auf Frauenschuhe, hatte über 200 Paar zuhause. Fünf junge Männer in einer Bar sahen nicht tolerant zu, dass da ein Mann herumstöckelte – und schlugen ihn nicht nur krankenhausreif. Als er aus dem Koma erwachte, hatte er sein Gedächtnis verloren. Das war im Jahr 2000, und der 32jährige blieb mit einem Gehirnschaden zurück.

Aber die wahre Geschichte geht weiter: Weil seine Versicherung nicht ausreichte, um sich einen Psychiater zu leisten, therapierte er sich auf die denkbar seltsamste Weise selbst. In seinem Garten baute er sich in vergößerter Puppenhaus-Manier eine kleine belgische Stadt im Zweiten Weltkrieg auf, die er mit jenem Spielzeug bevölkerte, das man in den USA offenbar kaufen kann – Puppen, nicht nur Frauen in den schwingenden Röcken und High Heels der Fifties, sondern auch böse Nazis in Uniform, ihre Waffen, ihre Autos.

Wenn man als Kinobesucher Mark Hogancamp in Gestalt von Steve Carell erstmals begegnet, trägt er eine amerikanische Uniform aus dem Zweiten Weltkrieg, dazu irritierenderweise Stöckelschuhe, und er trifft auf abgrundtief böse, Deutsch sprechende Nazis… und es dauert eine kleine Weile, bevor der Film klar macht, dass es sich hier um ein Phantasie-Szenario handelt.

Hier reagiert ein Mann ohne Gedächtnis das irgendwo im Hinterkopf sitzende Trauma ab, indem er als Feinde die klassischen Bösewichte (und das sind die Nazis für die Amerikaner nun einmal) immer wieder bekämpft. Und natürlich hilft ihm in dem kleinen belgischen Dorf, das er sich hier geschaffen und Marwencol genannte auch, auch eine Phalanx hübscher Puppenfrauen…

Die Herausforderung, Traum-Puppenwelt und Wirklichkeit immer wieder zu verschränken, meistert Regisseur Robert Zemeckis (bei ihm wird man immer erst an „Forrest Gump“ denken) technisch hervorragend, fließend ist man hier und da, merkt man, dass die Puppen (mit ihren typisch starren, künstlichen Gesichtern) ihre Vorbilder im echten Leben haben – ja, haben müssen, wenn die Therapie funktionieren soll.

Wohnhaft in irgendeinem kleinen Ort in den Catskills (im Staat, nicht in der Stadt New York) wird wieder einmal die ungemein liebevolle, enge Nachbarschaft klar, die hier gepflegt wird – vor allem wohl von den „Vorstadtweibern“ einem alleinstehenden Mann gegenüber… Jede weiß, woran Mark Hogancamp leidet, jede „spielt“ mit ihm und seinen Puppen, hört sich seine Probleme an, und nur wenn er Zuwendung für Zuneigung nimmt, kann es einmal peinlich werden.

Der Film hat nach und nach bei seiner fast zweistündigen Laufzeit nur einen Fehler: Er hat ja keine richtig fortschreitende Handlung, er wiederholt sein Traum & Wirklichkeit-Spiel ohne besondere Variationen. Bis er am Ende vor Gericht seine Geschichte, an die er sich noch nicht erinnert, vorliest (sein Anwalt hat ihm den Text gegeben): „Ich habe es geliebt zu zeichnen, heute kann ich kaum meinen Namen schreiben. Man hat mir mein Leben weggenommen…“

Die fünf Männer, die auf der Anklagebank sitzen, bekommt man kaum zu Gesicht – sie spielen auch für diesen Film keine Rolle. In seiner „Spieltherapie“, die letztlich – der Nachspann erklärt es auch – erfolgreich war, hat er die „Bösen“ anders bekämpft und endlich seinen Frieden gefunden. Als „Outsider Artist“ beschrieben, war es seine Installation „Marwencol“, die Hollywood auf die Idee brachte, diese Selbstheilung, die so anders ist als die üblichen „Ich lasse mich nicht unterkriegen“-Filme, auf die Leinwand zu bringen.

Renate Wagner

 

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