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Film: WIE ICH LERNTE, BEI MIR SELBST KIND ZU SEIN

25.02.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 1. März 2019
WIE ICH LERNTE, BEI MIR SELBST KIND ZU SEIN
Österreich / 2018
Regie: Rupert Henning
Mit: Valentin Hagg, Karl Markovics, André Wilms u.a,

André Heller, der Mann mit den undefinierbar vielen Talenten und Berufen, lässt uns immer wieder an seinem äußeren und inneren Leben teilnehmen, wenn auch die Biographie in seiner Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ nur partiell stimmt. Aber das ist dichterische Freiheit, sich unter diesem gewundenen Titel genau so darzustellen, wie er es bzw. sich gerne sieht. Ein „Entwicklungsroman“, der sich abseits der üblichen Pfade bewegt.

Uli Brée und Rupert Henning, die früher so viel zusammen gearbeitet haben, machten aus dem Roman ein Drehbuch, engagierten eine Menge erstklassiger österreichischer und einige internationale Schauspieler – und los ging’s. Rupert Henning drehte als Regisseur den Film, und als einen der Schauplätze wähle man immerhin die Hermesvilla. Immerhin.

Einen kleinen Palast wie diesen, den Franz Joseph einst für seine Sisi bauen ließ, bewohnt für diesen Film Monsieur Roman Silberstein. Auch wenn sein etwa zwölfjähriger Sohn Paul die Hauptperson ist, um den wüsten Vater (von dem man nicht weiß, wieso er so reich ist) dreht sich manches – und Karl Markovics zeigt sich in der Rolle zu Exzessen bereit, die jede Glaubwürdigkeit vertreiben. Das ist ein Teufel aus dem Bilderbuch.

Man lernt ihn in ausgesprochener unsympathischer Manier kennen, als er am Attersee rudert und nach seinem Sohn, der ins Wasser fällt, noch mit dem Ruder schlägt – dass der Kleine nicht schwimmen kann, stört ihn nicht. Dass der nun opiumsüchtige Roman Silberstein Jude einmal war, lebt er nur in einem Keller nach, wo er (wir sind im Wien der fünfziger Jahre) ein ehemaliges Nazi-Paar auspeitscht (Petra Morzé und Christoph Krutzler müssen das geschehen lassen). Im übrigen ist er Ritter der französischen Ehrenlegion, Uniform inklusive, gar nicht erstaunt, wenn General de Gaulle am Apparat ist. Und selbstverständlich schiebt er seinen jüngeren Sohn zu den Jesuiten. Die Gattin (kühl und ätherisch: Sabine Timoteo) behandelt er verächtlich, den älteren Sohn (Nikolaas von Schrader) nimmt er kaum wahr, und er stirbt beim Betrachten alter schwarzweißer Porno-Filme mit Hilfe eines alten Projektor…

Erst als bei seinem Begräbnis drei Brüder aus allen Teilen der Welt auftauchen, wird Söhnchen Paul klar, dass er Jude ist. In Gestalt von André Wilms, der ihm vom Holocaust erzählt, und von Udo Samel sowie Marianne Nentwich als alter  Tante, die in Fotos und Erinnerungen wühlt, ziehen die schönen alten Juden-Verwandten vorbei.

Wenn man – entschuldigen schon – bisher keinen Grund sah, sich mit dem Privatleben von André Heller zu befassen, dann nimmt man die Geschichte von Paul (egal, wie autobiographisch) so, wie sie ist. Der Jungspund muss, es ist Vaters entschlossener Wille, zu den Jesuiten, die natürlich nicht sehr gemütlich sind, denen er aber gewaltigen Widerstand entgegen setzt (inklusive einem Fetzen mit Kotze, den er einem der würdigen Herren ins Gesicht schmeißt). Im Krankenbett erotisiert er eine Nonne (Gerti Drassl), die ihm ihre Haare zeigt, und wieder zu Hause pflegt er die Romanze mit einem gelähmten Mädchen. Ein Tagebuch, in das er seine „Sünden“ einschreiben sollte, wird ihm mit farbloser Tinte (nämlich Wasser) zum Kompendium seiner Phantasien – und ja, gegen Ende des allzu langen Streifens verwandelt er sich dann in den entfesselten Clown, der schon immer in ihm wohnte und der von keinem katholischen Fundamentalismus zu unterdrücken war. Die Kindheit hat er gewissermaßen in die Tasche gesteckt – eine gute Methode, sich als Erwachsener alles leisten zu können…  

Valentin Hagg spielt diesen Paul Silberstein, obstinat und schwierig, aber glaubhaft in seinen geistigen Höhenflügen und krausen Gedankenkonstrukten. Am Ende galoppiert ein weißes Pferd durchs Bild (gerade, dass ihm das Einhorn fehlt). Für den Regisseur war es wohl ein Synonym für Poesie. Andere Leute nennen einen Buben wie Paul einen „Spinner“. Aber wenn es ihm – wie man weiß – gelingt, seine Phantasien so glänzend zu vermarkten… dann wird man ein André Heller.

Renate Wagner

 

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