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Film: WAGNER, BAYREUTH UND DER REST DER WELT

06.02.2022 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 11. Februar 2022 
WAGNER, BAYREUTH UND DER REST DER WELT
Deutschland  /  2021 
Drehbuch und Regie: Axel Brüggemann
Dokumentation

Eines der ersten Statements des Films lautet: „Wagner kann man auf jeden Fall als Religion bezeichnen.“ Jeder Wagnerianer weiß, dass  das erstens stimmt. Und zweitens, dass es sich dabei um ein weltweites Phänomen handelt. Das hat der Kulturjournalist Axel Brüggemann  zum Ausgangspunkt seiner Dokumentation gemacht, die auf vielen  Kontinenten Station macht.

Am Anfang steht der „Tod in Venedig“. Nach Meinung des Autors hätte sich Wagner vielleicht diese seine Lieblinsstadt zum Sterben ausgesucht. Das Zentrum des Films liegt natürlich in Bayreuth, wo Katharina Wagner Brüggemann großzügig das Festspielhaus geöffnet hat. Und auch noch ihre Überzeugung kundtut, hier hätten Sänger das  Glück, zehn Stunden am Stück bis 22 Uhr proben zu dürfen… Und: „Das Vergnügen, eine Wagner zu sein, hält sich in Grenzen.“

Neben reichlich  Szenenausschnitten und Interviews gibt es hier aber auch einheimische Wirtsleute, die an ihrem Tisch sitzen und berichten, was die Festspiele für die Stadt und ihre Bewohner bedeuten… („Früher sind die Leute ja die ganze Nacht vor dem Kartenbüro gesessen, das ist jetzt nimmer so…“)

Es sprechen die Künstler: Für Thielemann ist Wagner zu dirigieren wie ein Exorzismus. Was es für jüdische Regisseure bedeutet, hier zu arbeiten, erklären Yuval Sharon für den „Lohengrin“, Barrie Kosky für die „Meistersinger“ – „Hitlers Musikgeschmack sollte den meinen nicht beeinflussen.“. Es gibt Erinnerungen an Chereau und den Wirbel, der damals um ihn entstand, und an Wolfgang Wagner, den „Alten“, der immer den Telefonhörer hob und reklamierte, wenn ihm etwas nicht passte.  Man geht dem Geheimnis des aus besten Musikern von überall  zusammen gesetzten Orchesters nach.

Wagner anderswo, Wagner für PoC, Brüggemann folgt einem „schwarzen“ Ring nach New Jersey, er reist nach Riga, wo Choristen den Pilgerchor aus den Fenstern der Stadt sangen (ein beeindruckendes Spektakel), In Abu Dhabi hat der dortige Wagner-Verband zwei Mitglieder, den Scheich und den Gründer des Unternehmens. Der Scheich erklärt, wie nahe Wagner dem arabischen Verständnis für Kunst ist. Sich durch Musik zu berauschen, bedeutet spirituelle Erweckung. Die Japaner begeistert die Welt der Helden, Drachen und Götter, plus ihre historische Bewunderung für alles Deutsche.

So, wie kürzlich der amerikanische Musikwissenschaftler Alex Ross in seinem so voluminösen wie lesenswerten Buch den Wagner-Spuren in allen Bereichen nachgegangen ist, versucht es Brüggemann in manchen Phasen des Films: Man kann Wagner – mit Siegfried als Urvater aller Superhelden – bis in die Popkultur folgen. Und bis in den Bolschewismus. Brüggemann umkreist den Mythos hoch intelligent und abwechslungsreich, Wagnerianer werden immer mit Vergnügen zusehen und zuhören. Der Film ist tatsächlich die versprochene Reise, und sie wird respektvoll unternommen, ohne dem Trend zu folgen, alles, was mit Wagner zu tun hat, automatisch herunter zu machen.

An Ende kann man Zitate sammeln, die hängen geblieben sind – Wagner sei wie ein Schaumbad, seine Musik enthalte ein Wohlfühlelement (was wohl eine sehr verkürzte Betrachtungsweise ist). Seine Musik fließt wie Wasser. Wagmerianer sind Heavy Metal. Bayreuth ist der beste Platz der Welt.

„Hätten ihn die Münchner nicht ausgepfiffen, wäre er dort geblieben. Gott sei Dank ist der Wagner heute bei uns in Bayreuth…“, sagen die Wirtsleute zufrieden. Recht haben sie.

Renate Wagner

 

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