
Filmstart: 22. Mai 2026
VIVALDI UND ICH
Primavera / Italien, Frankreich / 2025
Regie: Damiano Michieletto
Mit: Tecla Insolia, Michele Riondino u.a.
Emanzipation mit Geige
Unter den Opernregisseuren unserer Tage ist Damiano Michieletto eine positive Ausnahmeerscheinung. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die einfach gewissenlosen Unsinn produzieren, kann man von ihm durchdachte Konzepte erwarten. Und ein solches zeigte er auch bei seinem Spielfilm-Debut „Vivaldi und ich“.
Man hätte die Geschichte einer begabten jungen Musikerin, die sich ihre Freiheit erkämpft, weitaus „böser“ erzählen können. Aber er fand einen schwebenden Stil zwischen der Coming of Age Geschichte seiner Cecilia, der stillen Würdigung Vivaldis, der durchaus kritischen Zeichnung der venezianischen Gesellschaft von einst – und dem Wunder der Musik.
Kurz noch zu Antonio Vivaldi (1678-1741), der uns Wienern ja so nahe ist, weil die Kaiserstadt ihm die letzte Tragödie seines Lebens bescherte. Als er nach überaus erfolgreichen Jahren in Venedig in seinen frühen Sechzigern „unmodern“ wurde, wandte er sich 1740 nach Wien, in der Hoffnung auf eine Stellung bei Kaiser Karl VI. Doch dieser starb, und ein Jahr später starb auch Vivaldi, ohne dass er in Wien hätte reüssieren können. Wer über den Karlsplatz geht, sollte seiner Gedenktafel (hier befand sich der Friedhof, wo er begraben wurde) respektvolle Beachtung schenken…
Michielettos Film behandelt nach einem erfolgreichen Roman eine belegte Epoche von Vivaldis Leben, als er an das Ospedale della Pietà berufen wurde und als Lehrer und Orchesterleiter das dortige Mädchenorchester zu ungeahnter Blüte führte. Er hat auch zahlreiche Werke nur für diese Anlässe geschrieben.
Doch der Film erzählt eigentlich von dem Mädchen Cecilia (wohl nicht historisch), an deren Schicksal sich vieles der damaligen Welt Venedigs aufzeigen lässt. Das Ospedale della Pietà war ein berühmtes Waisenhaus für junge Mädchen, das durch sein „Mädchenorchester“ bekannt war. Von Cecilia erfährt man, dass sie von ihrer Mutter dort abgegeben wurde und sich unendlich danach sehnt, sie einmal zu finden.
Ohne die Situation negativ-traumatisch zu überzeichnen, macht Michieletto den Druck klar, unter dem die Teenager dort lebten. Da zeigt die erste Szene, wie sie sich entzückt um eine Katze und ihre neu geworfenen Kätzchen drängeln. Die „Signora Madre“, wie die Priora im Original genannt wird, kommt, nimmt einen Sack, steckt die drei kleinen Katzen hinein und wirft sie in den Kanal. Cecilia, die sie daran hindern will, wird zu Boden geworfen… und man weiß, wie gering der Spielraum dieser Geschöpfe ist, die vom Kloster gehalten werden, um mit ihrem Musizieren Einkünfte zu generieren und später gegen eine Ablöse in eine Ehe verkauft zu werden. Cecilia, die bald im Mittelpunkt steht, ist einen Grafen versprochen. (Warum venezianische Adelige Waisenmädchen ohne familiäre Bindungen geheiratet haben und dafür noch zahlten, ist schwer einzusehen, das müsste man recherchieren.)
Die Konzerte des Mädchenorchesters sind berühmt, sie spielen allerdings hinter Gittern, weil klar war, dass diese singenden und musizierenden Halbwüchsigen auch anderes Interesse erwecken konnten als nur musikalisches. Auch ist immer wieder von den „Soldi“ die Rede, die man verdienen will, und dafür seien die Mädchen, meinten die alten Herren im Hintergrund, nicht gut genug.

So kam Antonio Vivaldi ins Spiel, der liebenswürdig und liebenswert erscheint, ein Gottesmann, nicht ganz gesund, als Musiker überragend. In Cecilia erkannte er die Begabteste von allen und widmete sich besonders ihrer Entwicklung, indem er sie zur Ersten Geigerin macht.. Das ergibt keine billige Liebesgeschichte, das erzählt vom Werden einer Künstlerin, die keine Lust hat, irgendwann als Gattin eines Adeligen nicht mehr musizieren zu dürfen. Michieletto zeichnet diese Entwicklung Cecilias langsam, liebevoll, intensiv und mit erstaunlicher Veränderung der Darstellerin in Richtung „Erwachsen-Sein“.
Als das Orchester immer berühmter wurde, spielten sie auch in Adelshäusern (allerdings mit Masken vorm Gesicht!), und hier benützt Michieletto die Gelegenheit, eine durchaus verderbte Gesellschaft dennoch in jener Eleganz zu zeigen, für die Venedig berühmt war…
Wenn es zu brutalen Szenen zwischen Cecilia und dem Zukünftigen kommt, weiß sie, dass es nur einen Weg für sie gibt: Flucht. Am Ende erlebt man zu seiner großen Befriedigung, wie Cecila in einer Gondel davon fährt – einmal ohne die züchtige Haube am Kopf, wilde schwarze Locken und ein Gesichtsausdruck, der Erwartung und Entschlossenheit zeigt…
Tecla Insolia spielt diese Cecilia mit einem Nuancen-, aber auch Wandlungsreichtum, der immer fesselt, und Michele Riondino macht als Vivaldi klar, dass man es mit einem besonderen Menschen zu tun hat. So gleitet man durch diesen wunderschönen, wenn auch immer wieder düsteren Film, permanent übrigens auf den Wellen der Musik, die nicht beschönigt, sondern dramaturgisch mitwirkt.
Renate Wagner

