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Film: VICE – DER ZWEITE MANN

17.02.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 22. Februar 2019
VICE – DER ZWEITE MANN
Vice / USA /   2018
Regie: Adam McKay
Mit: Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell u.a.

Normalerweise dreht man Filme über Personen der „Gegenwart“, wenn sie tot sind. Es gibt Ausnahmen. Neulich war Silvio Berlusconi an der Reihe. Nun ist es Dick Cheney. In Europa sicherlich nicht übermäßig bekannt – man merkt sich die US-Präsidenten, darüber hinaus sind es zu viele Leute, die in der amerikanischen Politik kommen und gehen, Karriere machen und wieder verschwinden, um sie in den Mittelpunkt zu rücken. „Vice“ kann allerdings das Gegenteil beweisen: Dick Cheney, Jahrgang 1941, also auf die 80 zugehend und noch am Leben, hat sich – so weit man weiß – noch nicht zu dem erschreckend Bild geäußert, das da auf der Leinwand von ihm gezeichnet wird. „Irgendwer“ war er jedenfalls nicht…

Als Kinobesucher hat man immer wieder das Gefühl, es hier einfach mit einer Kinofassung von „House of Cards“ zu tun zu haben – gewissermaßen stilisiertes, populär angerichtetes Washington mit leisem Gruseleffekt. Seltsamerweise wurde der Film bei den „Golden Globes“ in der Kategorie Komödie / Musical (!) geführt, obwohl einem die gelegentlichen Lacher im Hals stecken bleiben angesichts dessen, was da an „Politik“ gezeigt wird. Und doch hat man nicht das Gefühl, es sei bloß eine Satire. Und auch wenn Hauptdarsteller Christian Bale sich eine solch enorme Fettschicht aufgefuttert hat, dass man ihn kaum erkennt und die Figur als solche erst einmal parodistisch wirkt, wird es selten lustig. Seinen „Golden Globe“ als bester Hauptdarsteller (in einer „Komödie“) hat er allerdings hoch verdient. Nicht nur, dass er (ähnlich wie Gary Oldman als Churchill) als sein Bale-Selbst unter der Maske gar nicht zu erkennen ist – darüber hinaus glaubt man dieses dumpf-hechelnde Gieren nach der Macht jede Sekunde…

Als Europäer, die die amerikanische Gegenwarts-Geschichte ja auch nur in großen Zügen und nicht in jedem Detail nachvollziehen können (merken wir uns jedes Detail, das sich in unserer Innenpolitik abspielt?), braucht man gar nicht versuchen, alles zu verstehen, was man sieht – es reicht, sich auf Signifikantes zu konzentrieren. Dass dieser Dick Cheney der Vizepräsident von George W. Bush war, also in der Zeit von 9/11 und dem Irak-Krieg, wo Cheney als besonderer Scharfmacher galt, ist nur ein Teil dieser langen Karriere, die schon unter Nixon und Ford begann, also über vier Jahrzehnte währte. Wie sollte man da die Übersicht behalten, zumal es dieser Film von Regisseur Adam McKay, der über weite Strecken absolut brillant ist, durchaus nicht darauf anlegt? Vielmehr scheint es um „Politik machen“ an sich zu gehen..

Die Geschichte wird von einem „Erzähler“ berichtet, über dessen Identität man sich erst ganz am Ende klar wird: Und dann ist es eine eher schaurige Pointe. Immerhin kann dieses gewisse Maß an Erklärung das Herumhüpfen der Handlung ein bisschen erleichtern. Aber im Grunde interessiert man sich ja vor allem für die Figuren, die da auftauchen.

Und da ist gleich von Anfang an Amy Adams als Lynne Cheney herausragend präsent – hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau? Und wie! Gleich zu Beginn putzt sie ihn zusammen – er trinkt, er ist erfolglos, verschwendet sie ihre Zeit mit ihm oder ändert er sich endlich?

Er ändert sich, er geht in die Politik, in leisen Schritten nach oben, läuft hinter Donald Rumsfeld her (Steve Carell zeigt nach „Beautiful Boy“ erneut, dass der einstige Komiker herausragend sein kann) und lernt: Halt den Mund, tu, was man dir sagt, und sei loyal. So wurde er, wie die Stimme aus dem Off erklärt, „a dedicated and humble servant to power…“ Schon als er seinen ersten Schreibtisch in einem politischen Office bekommt, ist das für ihn „das beste Gefühl der Welt“.

Man hat es nie bezweifelt, wie skrupellos es in der Politik zugeht, darum ist man auch bereit, alle Schmutzereien, die man in der Folge hier miterlebt, bedingungslos zu glauben. Cheney, der „Fußsoldat der Machtspiele in Washington DC“, brachte es 1975 zum Stabschef im Weißen Haus, man erlebt Wahlkämpfe mit all ihrem Geschwätz, sieht Präsidenten vorbeiziehen (schon Roland Reagan sagte „Make America great again“!), sieht dem Gemauschel und den Intrigen zu.

Während dessen erleidet Cheney nicht nur mehrere Herzinfarkte, sondern muss auch erleben, dass ihm seine Tochter weinend gesteht „I like Girls“, was für einen republikanischen Politiker nicht angenehm ist. Immerhin hat er sich in dieser Sache absolut anständig verhalten (er war immer „a family man“), während seine stets machtbewusste, gnadenlos ehrgeizige Frau viel weniger „amused“ war (und Amy Adams zeigt, wie Frauen im Hintergrund ihre Männer antreiben).

Es gibt schnelle Schnitte, zweifellos war der Beginn des neuen Jahrtausends die dramatischste Epoche in der Geschichte der USA seit langem, und damals war Dick Cheney der Vizepräsident unter George W. Bush (Sam Rockwell liefert die herrliche Studie eines total Ratlosen, total Überforderten). Cheney war es, der in den Krieg hetzte – irgendetwas musste geschehen, fand er -, und man erklärte eigenmächtig, wenn der Präsident etwas entscheide, sei es legal. Wir können doch nicht einfach Leute bombardieren? Aber natürlich! Eine Medienkampagne gegen Saddam, und schon funktioniert es mit der öffentlichen Meinung. Terrorismus? Und schon ist Waterboarding zulässig. Und sie machen Krieg, gänzlich skrupellos, und ärgern sich (wie heute Donald Trump) über die Presse, die ihnen widerspricht…

Nach seinem letzten Herzinfarkt (2012) schien alles aus, dann gab es einen Unfall und einen Spender, und seither lebt Dick Cheney weiter. Nicht bereit, sich für etwas zu entschuldigen, was er veranlasst hat. Immer noch gelegentlich seine Hardliner-Meinungen abgebend. Ein zweiter Mann, der angesichts des knieweichen ersten (George W. Busch) einst erschreckend viel Macht hatte. Erschreckend auch, dass man im Kino jetzt darüber lacht.

Bilden wir uns ein, es sei „House of Cards“ und nur zur Unterhaltung gedacht. Denn sonst müsste man verzweifeln.

Renate Wagner

 

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