
Filmstart: 3. September 2026
VATERLAND
Deutschland, Polen / 2026
Regie: Paweł Pawlikowski
Mit: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, Devid Striesow u.a.
Die Manns und Deutschland 1949
Thomas Mann hatte eine jüdische Ehefrau, die zwar Protestantin war, aber für die Nationalsozialisten zählte nur die „Rasse“, nicht die Religion. So hat Deutschlands damals größter Dichter seine Heimat verlassen und sich mit seiner Familie in Amerika angesiedelt. Wobei er wahrscheinlich auch weggegangen wäre, wenn die unmittelbare Notwendigkeit nicht bestanden hätte – etwas wie das Nazi-Regime musste dem Lübecker Großbürger zutiefst zuwider sein…
Aber er kam nach dem Krieg noch einmal nach Deutschland zurück, 1949, eingeladen von West und Ost, um dort Vorträge zum 200. Geburtstag des Dichters zu halten und den Goethe-Preis entgegen zu nehmen. Wo würde ein Thomas Mann, dessen „Wohnort“ nun Los Angeles war, bei diesem Wiedersehen mit (dem nun geteilten) Deutschland Heimat und „Vaterland“ verorten?
Das fragt der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski in einem außerordentlichen Film, der ihm heuer in Cannes zu Recht die „Goldene Palme“ für die beste Regie eingetragen hat (wobei er auch das Drehbuch geschrieben hat, gemeinsam mit Henk Handloegten, der sein Fingerspitzengefühl für die deutsche Vergangenheit schon mit „Babylon Berlin“ bewiesen hat).
Ob die Dinge genau so abgelaufen sind, wie sie dieser relativ kurze (nicht einmal eineinhalb Stunden) Schwarzweiß-Film zeigt, weiß man natürlich nicht. Aber die innere Wahrheit, die darin steckt, ist stupend. Und darum ist es auch begreiflich, dass die Autoren Thomas Mann diese Reise nicht – wie historisch richtig – mit Gattin Katja, sondern mit Tochter Erika unternehmen lassen, die ja tatsächlich in seinen alten Jahren als so etwas wie die Sekretärin des Vaters fungierte.

Privates und Politisches vermengen sich. Die erste Szene, die man sieht, zeigt einen noch jung wirkenden Mann, der offenbar in einem Hotelzimmer, vom Bett gerutscht, am Boden hockend, telefoniert. Man begreift schnell, dass es Klaus Mann ist, der mit seiner Schwester Erika spricht, die ihn beschwört, von Cannes, wo er sich gerade befindet, nach Deutschland zu kommen, um sie und den Vater zu begleiten. Vielleicht, meint er…
Man weiß es: Kurz darauf hat Klaus Mann, der mit der um nur ein Jahr älteren Schwester in ihren jungen Jahren ein unzertrennliches Paar bildete, sich das Leben genommen, für Erika eine tiefe Erschütterung. Weniger für Thomas Mann, der – sonst immer gemessen, immer höflich – für diesen in seinen Augen „mißratenen“ Sohn nie Verständnis hatte und Erika damit schockiert, diesen einfach einen „lebensmüden Drogensüchtigen“ zu nennen, dessen Tod nicht überraschen könnte…
Man hat immer wieder an der Persönlichkeit von Thomas Mann „gekratzt“, in ihm den überheblichen Egoisten gesehen, den Poseur, für den nichts von Bedeutung war als sein Werk. Doch so einfach macht es sich Paweł Pawlikowski nicht (etwa, wenn er eine Traumszene einfügt, in der Thomas Mann vor dem offenen Grab des Sohnes steht und er, der stets Eloquente, keine Worte findet…).
Gewiß, auch auf der Reise durch ein von den Amerikanern besetztes Westdeutschland, in ein Frankfurt, in dem man zu flotten US-Klängen schon wieder fiebrig in die Zukunft blickt, ist Thomas Mann ganz die kühle, vornehme Statue eines Hohepriesters seiner Kunst – wenn ihm nicht die Nerven reißen. Etwa, als die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner (man sieht sie nur mit dem Rücken zur Kamera) ihn ansprechen, er sei doch der größte Wagnerianer – was er mit der Bemerkung „Ja, seit Hitler tot ist“ zurückweist. Und ihre Bitte, sie dabei zu unterstützen, die Bayreuther Festspiele wieder zum Leben zu erwecken, entlockt ihm die einzige unfreundliche Bemerkung zu anderen Leuten: „Meiner Ansicht nach sollte man das Festspielhaus niederbrennen und Ihre Mutter vor Gericht stellen“…
Bei dieser westdeutschen Party wird Erika Mann auch mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, wenn plötzlich ihr Ex-Gatte Gustaf Gründgens vor ihr steht und versichert, er sei eben „nur“ Schauspieler und nie ein Mitläufer des Nazi-Regimes gewesen – was ihm eine Ohrfeige von Erika einträgt.

Dann setzen sich Vater und Tochter in einen Buick, den Erika lenkt, Mann sitzt hinten, und sie fahren in den Osten. Was Pawlikowskis Film so bemerkenswert macht, ist die Tatsache, dass er nie seine „Aussage“ predigt, dass er jede Szene für sich selbst sprechen lässt, dass in jedem Detail immanent ist, was diese Reise für Thomas und Erika Mann bedeutet – und was sie über das Nachkriegs-Deutschland erzählt. Und natürlich die Frage nach dem „Vaterland“ immanent ist … wo ist es für die Manns?
Vom hektischen Westen in den Osten, nach Weimar (ist „Lotte in Weimar“ nicht einer der schönsten und heitersten Romane von Thomas Mann?). Hier herrscht das sowjetische Regime, das mit einer Spur von Schmunzeln gezeigt wird, wenn überall winkende Kinder und lästige Chöre (auch von schön singenden Soldaten) aufgeboten sind, weil man weiß, wie man einen Fürsten der Literatur zu behandeln hat (Zeremonien, mit denen man sich im Westen nicht abgab).
Johannes R. Becher, einst in München geboren, überzeugter Kommunist, der als solcher in den Osten gegangen ist und dort als hoher Kultur-Funktionär tätig ist, umwirbt Mann mit allem Respekt, will ihn vereinnahmen, für die Akademie der Künste gewinnen. Mann sagt höflich nein – es ist klar, dass dieser ernüchternde Besuch in einem Deutschland, das noch von seinen Kriegsruinen geprägt ist, keine Rückkehr ankündigen kann. Mann kam zwar wenig später nach Europa, lebte und starb dann achtzigjährig in der Schweiz – aber sein Deutschland gab es nicht mehr.
Der Film, der so viel Allgemeines über die Zeit aussagt, ohne je mit einem Finger auf irgendetwas zu deuten, ist ein Schauspielerfilm. Hanns Zischler zeigt einen Thomas Mann, wie er wohl allen erschien – eine höfliche, undurchdringliche Maske. Selbst Erika gegenüber hat er sich wohl nie wirklich geöffnet, unsere Welt, wo jeder jedem alles über sich mitteilen möchte, wäre ihm wohl gänzlich unverständlich.
Und Sandra Hüller, die immer glänzend ist, liefert als coole Erika Mann, deren Innenleben sie hinter perfekter Fassade stets für den Zuschauer erahnen lässt, doch ihre wohl großartigste Leistung seit „The Zone of Intereste“ (das Auschwitz Drama) vor drei Jahren. Im Grunde dauergestreßt, in steter Sorge um den Vater, bedrängt von allem, was auf sie zukommt, wahrt sie perfekte Haltung (außer der Ohrfeige für Gründgens) und würde nie ein larmoyantes Wort darüber verlieren, was bei dieser Reise alles auf ihr liegt – logistisch und emotional. Ihr zuzusehen, selbst wenn sie eine perfekt Schauspielerin ist, die alles kann, die (wie man so schön sagt) das Telefonbuch auf und ab spielen könnte, ist faszinierend, wenn man etwas für ziselierte, hoch intelligente Schauspielkunst übrig hat.
Im übrigen gibt es noch einige Besetzungs-Glanzstücke – August Diehl in seiner Mini-Szene als Klaus Mann, spürbar am Ende; Devid Striesow als Johannes R. Becher, dem man anmerkt, wie groß der Druck der Russen auf ihn ist; Joachim Meyerhoff als Gustaf Gründgens, ganz Poseur.
Eine Welt von einst erschließt sich, schwarzweiß, es könnte nicht richtiger erscheinen. Und Thomas und Erika Mann meint man nach diesem Film regelrecht zu kennen – und tut es im Sinn einer höheren Wahrheit wohl auch.
Renate Wagner

