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Film: TOLKIEN

17.06.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 20. Juni 2019
TOLKIEN
GB / 2019
Regie: Dome Karukoski
Mit: Nicholas Hoult, Lily Collins, Derek Jacobi u.a.

Neuerdings gibt es gerne Filme über britische Literaten und die Entstehung ihrer berühmten Werke. Wer Tolkien sagt (John Tolkien, 1892-1973), sagt „Herr der Ringe“, und die Sache ist geritzt. Dennoch, wenn man ehrlich ist – vorangegangene Filme über A.A. Milne und die Idee zu „Pu der Bär“ und mehr noch, Charles Dickens, der seine „Weihnachtsgeschichte“ findet, sind weit überzeugender ausgefallen als dieser Weg in eine eher trockene Vergangenheit.

Biopics haben den Vorteil, dass sie ihr Publikum (im allgemeinen) gescheiter entlassen, als sie ins Kino hineingegangen sind – denn so viele Details, wie man in historischen Filmen zu hören und sehen bekommt, weiß man selten. Nun würde ein englischer Autor – ein englischer Autor eben – hierzulande wohl kaum viel Interesse finden, wäre da nicht das Reizwort „Mittelerde“: Tolkien ist der Mann, der einen Kosmos erfunden hat, der in der Literatur fast so groß ist wie jener von Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Musik. Wie viel er diesem Werk verdankt, wird zumindest in einer langen Szene, wo er „Rheingold“ in der Oper erlebt (mit ein paar dramatischen Szenen des Werks herausgehoben), anerkannt.

„Der Herr der Ringe“ und „Hobbit“ – selbst, wer sie nicht gelesen hat, kennt vermutlich Peter Jacksons Verfilmungen. Die Frage ist nun wirklich, wie jemand darauf kam, diese Welten zu kreieren, mitsamt der dazugehörigen Sprache, wobei Sprache an sich – vor allem die Etymologie – eines der zentralen Interessen von Tolkien war.

Der Film des finnischen Regisseurs Dome Karukoski verfährt nicht chronologisch, sondern mixt die biographischen Ebenen. Das macht Geschichten üblicherweise etwas spannender, aber auch unübersichtlicher (man kann nicht alles haben…). Da ist ein Junge, dessen Mutter schon Geschichten von Drachen, Schwertern und Schätzen erzählt. Da ist nach deren Tod kein sehr angenehmer Priester sein Vormund, der ihn und seinen Bruder in ein Internat steckt (dass englische Schulen kein angenehmer Ort waren, leugnet niemand). In der Schule findet er drei Freunde, mit denen er sich auch intellektuell austauschen kann und die schon einen kleinen literarischen Zirkel bilden.

Die jungen Schauspieler switchen zu den Erwachsenen, und Nicholas Hoult übernimmt mit ernstem, intensivem Gesichtsausdruck den Tolkien der Universitätsjahre. Davor schon gab es die Liebesgeschichte mit Edith Bratt (die immer erfrischende Lily Collins), und dann kommt der Erste Weltkrieg mit ausführlichen, tragischen Kampfszenen in Frankreich, die sich mit seinen halluzinatorischen phantastischen Vorstellungen (da wandern dann auch die feuerspeienden Drachen am Schlachtfeld) vermengen.

Entscheidend in den Jahren in Oxford ist das Interesse an Sprache (was er auch schon seiner Braut klarmachen wollte – die es übrigens ist, die eine Passion für Wagner hat und ihn mit Wagners „Ring“ bekannt macht). In Oxford begegnete Tolkien Professor Joseph Wright (der große Derek Jacobi genießt dessen Exzentrik), der genial im Vergleichen der zahllosen alten Sprachen war, die er studiert hatte: Tolkien wurde – es war nicht leicht – sein berühmtester Schüler. Diese Dinge wirken vielleicht etwas theoretisch, aber man weiß ja, was daraus geworden ist.

Wenn der Kosmos, den Tolkien schließlich in „Der Herr der Ringe“  aus Überlieferung und Phantasie baute, hier bloß nicht so Englisch-trocken von der Leinwand käme… Irgendwie hätte man sich den Mann, der dies schuf, sprühender vorgestellt.

Renate Wagner

 

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