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Film: THE TESTAMENT OF ANN LEE

Getanzte Befreiungsschreie…

14.03.2026 | FILM/TV, KRITIKEN

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THE TESTAMENT OF ANN LEE
GB  /  2025
Drehbuch (zusammen mit Brady Corbet)
und Regie: Mona Fastvold
Mit: Amanda Seyfried u.a.

Getanzte Befreiungsschreie…

Sekten faszinieren Normalmenschen, die selbst nie einer solchen angehören wollten, aber sich in der Literatur oder im Film gerne diejenigen ansehen, die sich für eine zumindest alternative, meist jedoch sehr extreme Lebensform entschieden haben. So wie die „Shaker“, von denen man im Gegensatz zu den „Quäkern“ etwa nicht viel weiß. Das ändert sich aber nun mit dem Film „The Testament of Ann Lee“, der ein historisches Schicksal in einem geradlinigen Historienfilm nachzeichnet, der dennoch „Musical“-Charakter hat. Aber so einfach, wie das klingt, ist es nicht.

Denn das Wesen des Shaker-Movement  besteht, wie schon ihr Name sagt, im „Schütteln“, sprich: in der Bewegung, in Musik und Tanz, körperlich ausagierte seelische (und im Idealfall gesellschaftliche) Befreiung, die bis zur Ekstase führt. Kein Wunder, dass Ann Lee (1736-1784), die Begründerin dieser „Freikirche“, die sich von niemandem vereinnahmen lässt, von ihren Anhängern als weibliche Heilsbringerin  verehrt wurde…

Die Norwegerin Mona Fastvold und der Amerikaner  Brady Corbet haben als Drehbuchautoren schon 2024  mit „The Brutalist“ eine (allerdings fiktive) Außenseiter-Geschichte erzählt. Damals führte er Regie, diesmal ist es – bei wieder gemeinsamem Drehbuch – die Dame. Ist ja auch eine Frauengeschichte. Denn natürlich geht es erst einmal um Unterdrückung und wie man diese, allerdings mit religiöser Hilfe, „abschüttelt“…und dann um die Utopie einer besseren Gesellschaft. Und diese Idee begleitet die Menschheit ja zu vielen Zeiten und an vielen Orten.

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Es beginnt im englischen Manchester. Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Beginn der Industrialisierung bedeutet für die arme Bevölkerung ein chancenloses,  ausgebeutetes  Leben, wo schon die Kinder zur Arbeit in der Baumwollfabrik heran gezogen werden. Die kleine Ann bekommt einen Sexualkomplex mit – das ist offenbar das Einzige, womit ihre armen Eltern Ausgleich suchen, und als sie heiraten muss, bedeutet Sex nur, dass sie hintereinander vier Kinder bekommt und verliert, der Film zeigt das tragisch. Darum wird der Zölibat in der Welt, die Ann sich vorstellt und auch kreiert, eine wichtige Rolle spielen. Solange die späteren „Shaker“, eine Gesellschaft ohne eigenen Nachwuchs,  sich mit Waisen und Findelkindern erneuern, kann sich die Bewegung aufrecht erhalten. Bessere soziale Verhältnisse ändern diese Situation, und heute gibt es kaum noch „Shakers“ – Nachwuchsprobleme.

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Aber im Film ist man ja erst am Anfang: Amanda Seyfried, mittlerweile Anfang 40, aber unverändert jung wirkend mit ihrem unschuldigen Glupschaugen-Gesicht, hat einerseits die Ausstrahlung von Anstand und Idealismus (und die Autorin / Regisseurin tut nichts, um sie in ihren Ekstasen vielleicht lächerlich dastehen zu lassen), gleichzeitig aber auch glaubhaft den die religiösen Überschwang und die Entschlossenheit, eine Bewegung zu gründen, die Menschen aus ihrem Elend holt. Ein Elend, an dem der Kapitalismus ebenso schuld ist wie die hochmütigen, grausamen Behörden und eine Kirche, die nicht dulden kann, dass Menschen sich von ihr loslösen.

Ann hat in Anlehnung an die Quäker die religiösen  „Shaker“ geschaffen (im Lauf der Zeit avanciert sie zu deren „Mutter“, quasi als Heilige betrachtet), und sie trat mit einer kleinen Anzahl ihrer Anhänger die Flucht aus England nach Amerika an (was dramatische Szenen der Überfahrt erlaubt).

Die Regisseurin schafft Bilder der Widersprüchlichkeit und durchaus Härte, wenn es um den Zusammenprall der Sekte mit einer rücksichtlosen  feindlichen Umwelt geht. Anns Anhänger sind Puristen, wirken fast wie Nonnen und Klosterbrüder, bescheiden, arbeitsam, anständig. Aber wenn sie zu „shaken“ beginnen und das schier ohne Grenzen  – dann wird der Film zum durchchoreographierten Musical (mit vielen Szenen von der Kamera aus der Vogelperspektive gezeigt), so dass man sich im Grunde nicht vorstellen kann, dass die echten „Shaker“, die hier in ihre Befreiung ausbrachen, schreiend und zuckend, das choreographisch so perfekt und mitreißend professionell exekutiert haben sollten…

Aber das soll kein Einwand gegen einen Film sein, der die wahre Geschichte einer idealen – und auf Erden wohl utopischen – Ideologie erzählt. Gleichheit von Mann und Frau, von Menschen aller Hautfarben. Verzicht auf jegliche Geschlechtlichkeit, Bescheidenheit, Arbeitsethos, leidenschaftlicher Glaube und möglicherweise überdrehte Spiritualität … dass dahinter auch die Gefahr des Fundamentalismus lauert, wird nicht verschwiegen.

Renate Wagner

 

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