
Filmstart: 3. Juli 2026
THE PIANO TUNER
Tuner / USA / 2026
Drehbuch und Regie; Daniel Roher
Mit: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Havana Rose Liu, Jean Reno u.a.
Der Hauptdarsteller rettet alles
Der kanadische Regisseur Daniel Roher ist mit einem Dokumentarfilm über Nawalny sogar zu „Oscar“-Ehren gelangt. Dass er mit seinem ersten Spielfilm nicht über sein eigenes Drehbuch stolpert, verdankt er nur seinen Darstellern, denn als Story ist die Geschichte des „Tuners“ – ein Klavierstimmer – ein wildes Durcheinander.
Man begegnet Niki White (der wunderbar stille, immer seelenvoll anständig wirkende Leo Woodall) zuerst an der Seite seines „Mentors“ Harry Horowitz: Dustin Hoffman hat sich offenbar die Freude gemacht, in einer verhältnismäßig kleinen Rolle auf der Leinwand zu erscheinen – wohl um wieder einmal zu zeigen, wie viel man als Persönlichkeit auch aus einem alten Mann mit kurzer filmischer Lebenserwartung herausholen kann.
Niki leidet unter einer schweren Ohrenkrankheit, verträgt keine lauten Geräusche, muss sich mit großen Kopfhörern vor dem Lärm des Alltags schützen – ist aber offenbar ein perfekter, ja fast genialer Klavierstimmer. Von Harry erfahren wir, dass dieser Niki einst der beste Pianist war, wie es zur Krankheit kam, erfahren wir nicht. Jedenfalls hat Niki phantastische Ohren, kann nicht nur jeden Ton identifizieren, sondern auch ein Dutzend hintereinander, und Klaviere stimmen kann er auch.
Der Zufall will es, dass Harry die Kombination seines Safes vergessen hat, und Niki feststellt, dass er mit seinen überfeinen Ohren auch so etwas öffnen kann. Der nächste Zufall will, dass Niki bei einem Klavier-Auftrag auf eine Verbrecher-Bande stößt – ganz schön verdreht, wie sie ihn dazu bringen, einen Safe für sie zu öffnen. Wenn er ordentliches Geld verdienen will, sagt ihm der Chef Uri (Lior Raz schillernd zwischen scheinbarer Freundlichkeit und späterer Brutalität), möge er sich melden…

Wie Drehbücher schon so spielen, wird Harry schwer krank und dessen Niki liebende Gattin (Tovah Feldshuh als liebenswerte jüdische Mame) muss gestehen, dass sie nur riesig hohe Schulden haben. Also muss Niki zu den Gangstern…
Das könnte ein Krimi werden, aber Drehbuchautor Daniel Roher will noch eine ausführliche Liebesgeschichte dazwischen schieben: Havana Rose Liu als Ruthie ist zwar keine typische asiatische Schönheit, aber eine junge Frau von Substanz, der man die Pianistin und Komponistin ebenso glaubt wie die Zuneigung zu Niki.
Der Film läuft die längste Zeit betulich, man wartet, dass sich endlich wirklich etwas tut (außer Harrys Tod), und tatsächlich werden die Safeknacker-Ausflüge, zu denen Uri Niki nun zwingt, immer ungemütlicher, ohne wirklich etwas zur Spannung der Geschichte beizutragen.
Die letzte Wendung der Geschichte, wofür nun Jean Reno als zweiter Weltstar in dem Film auftaucht, ist dermaßen künstlich verdreht, dass man sich als Zuschauer schwer tut, irgendetwas zu glauben – und die Schlußwendung (tragisch und doch erhebend) schon gar nicht.
Aber, wie gesagt, der dreißigjährige Brite Leo Woodall, bisher vor allem in Fernsehserien tätig und im Film nur in Nebenrollen, spielt diesen behinderten Gutmenschen so verinnerlicht und überzeugend, dass man ihn ins Herz schließt. Und das ist für Kinobesucher immer ein gutes Gefühl, so dass man über die Unentschlossenheit des Films, was er eigentlich sein möchte, hinweg sieht.
Renate Wagner

