
Filmstart: 20. August 2026
TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA
ISA / 2026
Drehbuch und Regie: Jane Schoenbrun
Mit: Hannah Einbinder, Gillian Anderson u.a.
Horror – wie geht das?
Horror ist ein Filmgenre, das geradezu überbordend auf der Kinoleinwand erscheint. Die durchschnittliche Routine ist einfach: Irgendetwas, das man nicht genau ausmachen kann, wackelt im Hintergrund, die Musik verkündet düster brodelnd Gefahr, irgendjemand schreit hysterisch auf, und schon sieht man ein gemetzeltes Geschöpf, zuckend, röchelnd und über und über blutüberströmt. Und irgendwann erfährt man – oder nicht -, wer der geheimnisvolle Killer ist.
Wahren Fans nötigt dergleichen nur ein Gähnen ab. Ideen sind auch hier gefragt, und in dem Film „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ bekommt man sie – was sonst simpel verläuft, wird hier nach allen Regeln der Kunst verkompliziert, verschachtelt, diskutiert. Es ist ein intellektuelles Schwanken auf dem intellektuellen Hochseil – und trotzdem mit allen nötigen, also blutigen und schaurigen Ingredienzien, in fesselnden Bildern festgehalten,
Regisseurin Jane Schoenbrun ist ein wahres Geschöpf einer woken Gegenwart, queer, trans und nicht-binär. Glücklicherweise hat sie auch Humor und kennt sich mit dem Filmemachen aus. Sie erzählt die Geschichte einer jungen, queeren Filmregisseurin (wie autobiographisch der Film im Hintergrund ist, sei dahin gestellt), die engagiert wurde, um eine Slasher-Film-Reihe aus den Achtziger Jahren, „Camp Miasma“ genannt (es hat sie übrigens nicht gegeben!), wieder zu belebten. Damals ging es um Teenager, Party, Sex und einen skurril maskierten Killer namens „Little Death“, wie man auf alten Filmausschnitten miterleben kann. Nun soll das neu gemacht werden – natürlich ganz heutig,– also queer.

Hannah Einbinder spielt diese Kris äußerst sympathisch (und ganz „normal“ wirkend) – die ehrgeízige junge Regisseurin, die sich in das Material der Filmreihe vergräbt, herrlich Vintage, alte VHS-Cassetten, Merchandisingobjekte, Werbematerial, Zeitungsartikel. Popcorn mampfend ist man mit ihr auf Nostalgie-Trip, und dann bricht sie in eine Winterlandschaft auf, um in ein altes Filmgelände im Nirgendwo zu fahren, wo frühere „Miasma“-Filme gedreht wurden.
Dort erwartet sie (und den Kinobesucher) der Clou: eine ältere Blondine ganz im Look der Stummfilmzeit. Es ist Gillian Anderson, nicht eine einzige Sekunde an ihre Akte X-Vergangenheit erinnernd. Sie ist das einstige „Final Girl“ des ersten Films, Billy, die Kris für ihren Film gewinnen will. Also zieht sie erst einmal, zwecks Überzeugungsarbeit, bei ihr ein.
Auch wenn sich im Hintergrund die einstigen Horror-Szenen abspielen (neben dem Grusel auch ein wenig komisch), wenn Kris plötzlich in die alten Filme zu geraten scheint, wenn man nicht weiß, ob sich die Irrealität in ihrem Kopf oder im Kino abspielt (man kann ja als Kind Horrorphantasien gehabt haben) – das alles ist ganz schön irr und wirr, aber wann geben sich Horror-Filme mit Logik ab?
Und doch ist der Film vor allem eine Geschichte der beiden Frauen, die sich in lesbischem Sex finden – das war ja wohl die Voraussetzung für die woke „Modernisierung“. Keine Angst, die Blutorgien kommen nicht zu kurz und sind so hässlich, wie der echte Fan es verlangt.
Wenn am Ende die beiden Frauen händchenhaltend und über und über blutüberströmt in der kleinen Ortschaft in den Supermarkt einkaufen gehen, dann fühlt man nicht nur den reflektierenden, sondern auch parodistischen Ansatz der Geschichte. Nicht jeder Horror-Film wird in Cannes gefeiert wie dieser, nicht jeder zerbricht sich so den Kopf über das eigene Genre wie dieser. Horror – wie geht das? So geht das, wenn man es einmal ein bißchen anders und interessanter will.
Renate Wagner

