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Film: SPAZIERGANG NACH SYRAKUS

Damals, in der nicht guten, alten DDR

15.10.2026 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 15. Oktober 2026 
SPAZIERGANG NACH SYRAKUS
Deutschland / 2026
Regie: Lars Jessen
Mit: Charly Hübner, Lina Beckmann u.a.

Damals, in der nicht guten, alten DDR

Dichter und Dichtungen inspirieren. Man muss sich ja nicht gleich wie Empedokles bei Hölderlin den Ärna hinab stürzen. Man kann auch den Wunsch hegen, sich auf den Spuren von Johann Gottfried Seume (falls man überhaupt noch weiß, wer das war) auf einen „Spaziergang nach Syrakus“ aus dem Jahr 1802 begeben. Was allerdings nicht so einfach ist, wenn man ein DDR-Bürger ist…

Sizilien ist nicht der nächste Umweg von Rostock. Zumal es ja keine Reisefreiheit gibt. Aber wenn sich ein Sturkopf etwas einbildet, dann setzt er es auch durch – so steht es in der Erzählung von Friedrich Christian Delius. „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“. Darauf beruht der bemerkenswerte Film von Lars Jessen, Spezialist für „deutsche“ Geschichten, dessen absolut unspektakulärer, aber umso glaubwürdigerer Held Paul Gompiz ist, Kellner aus Rostock, nun eine Prachtrolle für Charly Hübner, zuletzt – ebenso großartig und glaubwürdig – der Held vom Bahnhof Friedrichstraße. Kein Klischee-Deutscher, aber ein Guter. Einfach ein aufrechter Kerl.

Gomperz ist ein Mann, der gerne studiert hätte, der sich für Geschichte und Literatur interessiert, aber in der DDR nicht mehr werden durfte als Bedienung auf einem Ausflugsschiff. Er ist glücklich mit einer Spitalsärztin verheiratet (Lina Beckmann) und unglücklich mit einem Regime, das ihn festhält und einengt. Das hat er schon als Kind nicht vertragen – und nun, in seinen vierziger Jahren, will er einfach raus.

Und man begleitet ihn dabei. Über Jahre. Und er mag noch so sehr versichern, dass er in die DDR zurück kehren würde – es wird ja doch eine Flucht daraus (auf einer wahren Begebenheit um Klaus Müller beruhend, der 1988 mit einem Segelboot von der Insel Hiddensee das Weite suchte).

Es ist ein Film, der berührt, vielleicht weil er – mit dem Helden als lapidarem Ich-Erzähler – so einfach und unpathetisch daher kommt. Dabei scheint es nach „Das Leben der anderen“ der echteste DDR-Film zu sein, der einen Alltag voll von Einschränkungen, Überwachungen, Bedrohungen und Schikanen mit grausiger Selbstverständlichkeit darstellt. Und da ist ein Mann, der sich still, langsam und systematisch wehrt.

Auf dem Schiff gibt es oft Westgeld als Trinkgeld, das er hortet (was gar nicht ungefährlich ist, wenn man es bei ihm fände, wäre die Strafe streng – wie für jede Übertretung im Arbeiter- und Bauern-Staat). Die am meisten versprechende Art, aus der DDR weg zu kommen, wäre in seiner Welt der Ostsee mit einem Segelboot in Richtung Dänemark. Unter der Hand kauft Paul sich ein Segelboot und lernt heimlich alles, was er können muss – bis er sieben Jahre und neun Monate nach seinem Entschluss, nach „Syrakus“ zu gehen, so weit ist.  Die Vorbereitungen für die Flucht, die keine sein soll, sondern „nur“ eine Reise nach Italien, sind geschafft. Selbst diese Dramatik wird angenehm unaufgeregt erzählt.

Aber der Film endet hier nicht mit dem Triumph, „Hurra, ich habe die DDR verlassen“. Die Geschichte wird weiter erzählt. Wobei einem dieser Paul grundsätzlich natürlich auch etwas naiv vorkommt  – er weiß, was er der geliebten Frau antut, die auflegt, wenn er aus dem Westen anruft, denn als Angehörige eines Republikflüchtlings hat sie ein schweres Leben. Und doch geht er weg. Und er weiß eigentlich nicht genau, was er mit der neuen Freiheit anfangen soll – nur, dass er tatsächlich nach Italien wandert, ja doch in dem glücklichen Gefühl, nicht dauernd von Stasi-Aufpassern umgeben zu sein – und endlich das Land seiner Sehnsucht zu erleben.

Von den Mühen dieser Stationen erfährt man nicht so viel, doch wenn er am Ende dort einigermaßen seßhaft geworden ist (und ordentlich Italienisch spricht und offenbar in einem Restaurant arbeitet), erzählt er einem Kollegen, wie es weiter ging.

Wie er eines Tages vom Fall der Mauer hört, wie er heimkehrt, seine Frau nicht im Haus vorfindet. Sie lassen sich dann scheiden – aber als er am Ende wieder einmal heim kommt, weil er ein „Wanderer“ ist, findet er die Ex-Gattin wieder im Haus, mit einem anderen Mann – uind wird freundlich eingeladen. Ein gewissermaßen emotionales Happyend zum Durchatmen. Ein Gefühl, das man als Zuschauer teilt. Denn man hat an Pauls Schicksal ehrlichen Anteil genommen.

Renate Wagner

 

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