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Film: SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT

13.09.2020 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 18. September 2020
SIGMUND FREUD. JUDE OHNE GOTT
Österreich, Frankreich / 2020
Regie: David Teboul
Buch David Teboul und François Prodromidès
Deutsche Originalfassung
Sprecher/innen Birgit Minichmayr, Johannes Silberschneider, André Jung, Andrea Jonasson, Catherine Deneuve, Sylvie Rohrer, Roland Koch

 

 

Dokumentationen sind ein eigenes Genre des Kinos, und manchmal ist ein Juwel darunter – so wie jenen Film, den der französische Regisseur David Teboul mit wunderbarer Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit, Sachlichkeit und Unaufgeregtheit einem Mann widmet, der noch heute Anhänger und Gegner erregen kann: Sigmund Freud, der die Psychoanalyse gefunden, vielleicht auch „erfunden“ hat und zweifellos einer der führenden Denker an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war.

Was hier an dokumentarischem Material zusammen getragen wurde, muss auch bei dem Zuschauer Bewunderung erregen, der meint, sich im Leben und in der Welt Freuds einigermaßen auszukennen. Sigmund Freud (geboren 1956 in Mähren in der Habsburger-Monarchie, gestorben 1939 im Exil in London) wurde in die in jeder Hinsicht aufregende Aufbruchsepoche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein geboren. Es war eine Zeit des Fortschritts, der Entdeckungen und Erfindungen, und auch Fotografie und Film gehörten nach und nach dazu.

Erstaunlich, was da alles gefunden wurde, um schon die Welt von Freuds Jugend zu dokumentieren – in seinen späten Lebensjahren gab es schon den Farbfilm für getreue Dokumentation. Und all das wird als perfekter Bild-Hintergrund zusammen gefügt, wobei der Regisseur auch hoch interessante Motive etwa für Traumpassagen findet. Die zweite Ebene des Films ist die Sprachliche, es wird aus dem Off erzählt (wenn später nicht Menschen in Filmen selbst das Wort ergreifen, vor allem Freuds Tochter Anna).

Erzählend / kommentierend gibt es drei Ebenen – den sachlichen Bericht, Freuds eigene autobiographische Aussagen sowie die Frauenstimmen, voran seine Tochter. Und es tut dem Film (und dem Zuschauer) gut, dass der Filmemacher streng chronologisch vorgeht. Es ist der klassische Lebensbericht von der Wiege bis zur Bahre, der in 97 Minuten einen faszinierenden Umriß über dieses Leben gibt, nichts Privates (das vieles bei Freud erklärt) ausblendend, den Gedankenweg nachzeichnend, der ihn so einzigartig machte, immer die Menschen berücksichtigend, die in seinem Leben eine Rolle spielten, und schließlich die Epoche der Brüche und Wandlungen, in der er lebte. Schließlich geht es auch um die im Titel gestellte Frage von Freuds (kritischem) Judentum, die hier höchst befriedigend umrissen wird. Denn schließlich betrachtet man „Juden“ stets in Zusammenhang mit ihrer Religion und ihren Riten. Nichts davon spielte in Freuds Leben eine Rolle – und doch war sein akzeptiertes Judentum integraler Bestandteil seines Lebens (während Glaube und Glaubensriten ihm ja nur Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung sein konnten). Und dieses Judentum war auch unentrinnbar – von der Verachtung, die sein Vater als Jude empfing, bis zur Vertreibung von Freud und seiner Familie bis zur Vernichtung seiner greisen Schwestern in Konzentrationslagern…

Dem Franzosen David Teboul (der auch eine Dokumentation über Yves Saint-Laurent geschaffen hat) ist hier wirklich etwas Besonderes gelungen, und dass er nicht den üblichen „österreichischen“ Blick auf den Mann und seine Zeit wirft, gibt der Sache Sachlichkeit und Dynamik zugleich. Diese Dokumentation ist so lebendig, wie es ein Spielfilm nur im allerbesten Fall werden könnte. Und dieser könnte gar nicht so sauber und klar beim Thema bleiben, wie man es hier erlebt.

Renate Wagner

 

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