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Film: RIMINI

07.04.2022 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 8. April 2022
RIMINI
Österreich  / 2022 
Drehbuch und Regie: Ulrich Seidl
Mit: Michael Thomas, Hans Michael Rehberg, Tessa Göttlicher, Inge Maux, Claudia Martini, Georg Friedrich u.a.

Ulrich Seidl hat wieder zugeschlagen, bekam Vorschußlorbeeren bei der Berlinale, aber dann nicht das kleinste Fitzelchen von einem Preis. „Rimini“ ist einer seiner typischen Sex- und Peinlichkeits-Filme und außerdem dramaturgisch verfahren und inhaltlich erschütternd leer. Einzig fasziniert daran, dass es dem Regisseur gelungen ist, den Sommer-Sonne-Ferienort Rimini permanent in der schlechten Jahreszeit bei Nebel und Regen und Sturm zu fotografieren. Wenn schon sonst nichts, hat das gelegentlich etwas (vom Regisseur wohl kalkuliertes) Poetisches. Allerdings – so neu ist die Idee, Orte jenseits ihres Klischees zu präsentieren, auch wieder nicht. Venedig im Winter gab es auch schon einmal…

Im Zentrum der Geschichte steht „Richie Bravo“. Dieses abgehalfterte Schlageridol, lernen wir zuerst in Wien kennen, wo er zu seinem Bruder kommt, zwei alte Männer, die Bubenspielchen spielen und dann den Vater für das Begräbnis der Mutter abholen. Wie Richie an ihrem Sarg zu singen beginnt, das zieht einem die Schuhe aus – falls man Seidl at his worst nicht Seidl at his best zu betrachten gewillt  ist.

Den Bruder spielt in einer kleinen Rolle Georg Friedrich, den greisen Vater Hans-Michael Rehberg kurz vor seinem Tod in seiner letzten Rolle. Ihm gehört der Anfang des Films, wo er ziellos durch sein Altersheim irrt und überall vor verschlossenen Türen steht, dann darf er zwischendurch als alter Nazi „die Fahne hoch“ singen, und am Ende muss er sich „Fremd bin ich eingezogen“ bei stummen Spiel zur Gänze anhören. Seidl kann sogar Schubert  zur Qual machen…. Dann fällt sozusagen der Vorhang nach zwei Stunden. Gesehen hat man vor allem Seidls brutale Attacken gegen die Menschenwürde im allgemeinen, die Frauenwürde im speziellen, und es ist ekelerregend.

Michael Thomas  als Richie Bravo sieht (sicherlich absichtsvoll) aus wie ein fetter, alter Hansi Hinterseer, schmalzt mit an sich guter Stimme so unerträglich wie die schlechtesten der Schlagersänger und ist zweifellos überzeugend in seiner Figur, darf nur mit ihr nichts weiter anfangen, als sie  ziellos über die Leinwand irren zu lassen.

Rimini ist sein „Revier“, die schäbigen Touristenhotels, wo ganze Busladungen alter Frauen aus Österreich hingekarrt werden, offenbar um ihn zu hören (und er singt unerträglich viel). Schlimmer hat nicht einmal Elisabeth Spira, die Meisterin der heuchlerischen Menschenverachtung, die Verzückung der bemitleidenswerten Alten ausgestellt… 

Nebenbei verdingt Richie sich als Callboy, redet den unglücklichen, frustrierten Geschöpfen, die ihm nachher Kuverts (oder gleich Bargeld aus der Börse) überreichen, mit Flüstertönen ein, wie schön und begehrenswert sie sind, nachdem er sie in alle Richtungen bedient hat (und es wäre nicht Seidl, kostete er das nicht über jede Geschmacksgrenze aus).

Michael Thomas ist leider auch der König des Genuschels, und überhaupt hat Seidl in diesem Film (zwecks Lebensnähe?) so grauenvoll undeutlich sprechen lassen, dass man zu den englischen Untertiteln (!) flüchten muss, wenn man wissen will, was da eigentlich gesagt wird…

Es passiert wenig in dem Film, bis Richies stets vernachlässigte Tochter auftaucht, in einem riesigen Wohnwagen mit Migranten-Freund aus dem Nahen Osten, und Geld von ihm verlangt,. Sie tut das auf die unsympathischste, auch unartikulierteste Weise – Darsteller improvisieren zu lassen, denen nichts einfällt, ist gefährlich. Um das erpresste Geld zu bekommen,  filmt sich Richie beim Sex mit einem seiner unglückseligen Opfer und zockt deren Ehemann erpresserisch um ein offenbar substanzielles Sümmchen ab.

Diese Tochter die so mies ist, dass man sie nicht einmal dem miesen Richie gönnt, sorgt dann für eine zumindest unerwartete Wendung, wenn sie bei Papa einzieht, der in einer leeren Wohnhausanlage lebt, und aus dem Bus sich eine ganze Migrantenschar ergießt. Schnell hier ihr Lager aufschlagend, sind sie alle  offenbar als Schlußpointe gedacht. Wovon und wofür, fragt man sich bloß.

Inge Maux (mit einem Landpomeranzen-Akzent) und Claudia Martini, zwei hochrangige Schauspielerinnen, werden fast ausschließlich für die denkbar peinlichsten Sexexzesse von Seidl missbraucht. Wobei die Szenen mit Claudia Martini an Unbehagen noch zulegen, denn da liegt (in einem schäbigen Touristenhotel in Rimini?) ihre offenbar schwerkranke Mutter im Bett nebenan, während die Tochter sich mit Richie in jede Richtung wälzt – und sich nachher an der Brust der Mutter ausweint…

Ein Tiefpunkt des Films ist die schauspielerische Hilf- und Ahnungslosigkeit von Tessa Göttlicher, die die Tochter von Richie Bravo verkörpern soll, aber eigentlich nur als Monument für Dilettantismus herhalten kann.

Ein Festival-Film? Kaum. Ein Skandal? All das hat man von diesem Regisseur schon zu oft gesehen. Wen schert es noch, wie Ulrich Seidl Menschen vorführt und vernichtet, welche Perversionen er sich ausdenkt? Immerhin sind es diese Szenen, die ein gewisses Publikum ins Kino locken werden. Da ist die Kinokarte billiger als ein Pornoschuppen (nimmt man einmal an, ohne es korrekt journalistisch überprüft zu haben…).

Renate Wagner  

 

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