
Filmstart. 28. September 2026
PRIMETIME
USA / 2026
Regie: Lance Oppenheim
Mit: Robert Pattison, Skyler Gisondo, Merritt Wever ua.
Quotenhit Mißbrauch
Als „Primetime“, von dem 30jährigen Lance Oppenheim, bis dahin als Dokumentarfilmer bekannt, bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt wurde, ahnte man nicht, dass die Geschichte kurz darauf gerade für Österreich besonders interessant werden würde. Denn was auf der Leinwand zum Thema Mißbrauch erzählt wird, ereignete sich hier vor den Augen einer angewiderten Öffentlichkeit: Mißbrauch, und in diesem Fall an einem kleinen Mädchen, schlimmer geht es nicht.
Und so wie der Film das brennende Interesse der Mitwelt an diesem Thema erzählt (und dabei eine wilde Fernsehwelt von anno dazumal entfesselt), erlebte man es hierzulande, wo man nicht müde wurde, die wenigen bekannten Fakten zum Fall Gunkl (und es kamen eigentlich keine weiteren dazu) immer wieder medial zu drehen und wenden…
Allerdings brauchte es schon das perverse Fernsehgeschäft der großen US-Sender, um dem Thema geradezu Show- und fast auch Krimi-Charakter zu verleihen. Und es ist alles wahr, wenn auch der Mann, um den es geht, der Fernsehmoderator Chris Hansen, über dieses Biopic zu seiner Person nicht begeistert war, wie man liest, und es zu überdreht findet. Aber das ist eben – Kino.
Im Jahr 2004 war es Fernsehen. Da kreierte Hansen für den Sender NBC die Reality-Show „To Catch a Predator“ (die allerdings wegen ihrer Fragwürdigkeit nur bis 2007 lief). Zu Beginn war die Sache aber eine absolute Fernsehsensation, gewissermaßen eine Live-Jagd auf pädophile Männer. Man setzte Lockvogel-Angebote von angeblichen Teenagern ins Netz, und wenn die Männer kamen, zog sich das präsumtive Opfer zurück und Hansen erschien auf der Bildfläche, um die präsumtiven Täter vor laufender Kamera zur Rede zu stellen und zu erniedrigen. Und anschließend stand die Polizei vor der Tür, Der Selbstmord eines solcherart Gestellten fühte dann zum Ende von Hansens „Show“, die auch die moralische und gesellschaftliche Fragwürdigkeit der Medien klar macht.
Bedenkt man, was Männern wie Teichtmeister und Gunkl im Internet alles „gewünscht“ wurde, so ist klar, dass eine Sendung wie diese brodelnde Gefühle befriedigte – es war die gewissermaßen auf der Stelle erfolgte Bestrafung. Doch, wenn es auch keine Unschuldigen traf – die Fragwürdigkeit des Unternehmens, Menschen in die Falle zu locken, um sie bloßzustellen, war evident. Das basiert offenbar auf einer uralten Lust der Menschen, die „Abweichler“ öffentlich an den Pranger zu stellen.
Robert Pattinson, der sich zu einem der interessantesten Darsteller Hollywoods hoch gearbeitet hat, gewissermaßen Spezialsit für zwielichtige Gestalten, spielt brillant die vielen Facetten dessen, was Hansen bewegt (den Film-Hansen, über den echten weiß man ja nun weniger). Da kann man sich als moralische Instanz fühlen, als jemand, der die Gesellschaft von Schädlingen befreit, man erkennt, wie Hansen in innerer Befriedigung zu Hochform aufläuft, wenn er „auftritt“ und vor der Kamera sein Vernichtungswerk beginnt. Man spürt geradezu – und das ist fast abstoßend – , wie wohl er sich in der Rolle als Ankläger und Richter fühlt.
Aber natürlich geht es auch um Karriere, um brennenden Ehrgeiz, anerkannt und bewundert zu werden, es geht um die „Primetime“, die beste Fernsehzeit (21 Uhr), die die Sendung erhielt, weil sie so erfolgreich war. Dabei spielt Merritt Wever sehr interessant den Produzenten, der das ganze Format eigentlich nicht mag, aber einfach den Quoten folgen muss.
Und mit dem jungen, interessanten. spürbar sensiblen Skyler Gisondo, dem man seine realen 30 Jahre nicht ansieht, sieht man einen Schauspieler, der am Telefon als Lockvogel die Anrufer zu der rundum mit Fernsehkameras bestückten Adresse zum angeblichen Sex verführen soll – und an dem das Unbehagen mit dieser „Rolle“ thematisiert wird.
Es ist ein gut gemachter, düster oszillierender Film über ein hässliches Thema, dem man vermutlich nie Herr werden wird, solange der Mensch nicht gelernt hat, seine inneren Abgründe zu versperren…
Renate Wagner

