
Filmstart: 17. September 2026
PRESSURE
GB / 2026
Regie: Anthony Maras
Mit: Andrew Scott, Brendan Fraser u.a.
Die wichtigste Wettervorhersage der Geschichte
Der Zweite Weltkrieg ist wieder da, zumindest auf der Filmleinwand, ob in Churchills „Dunkelster Stunde“ („Oscar“ für Gary Oldman), ob in „Dunkirk“ (Christopher Nolan rettet die Briten 1940), ob zuletzt in „Nuremberg“ (Russell Crowe als Göring, die Aufarbeitung). Und nun sind wir beim D-Day gelandet, der Invasion in Frankreich, jenes Ereignis, von dem alle wußten – wenn die Amerikaner europäischen Boden betreten und eine weitere Front eröffnen, ist das Dritte Reich am Ende.
Die Atlantik-Küste ist lang, die Frage für die Nationalsozialisten lautete, wo die Invasion stattfinden würde – und der britische Geheimdienst hatte so viele „Fakes“ gestreut (wie wir heute sagen würden), dass die Deutschen es tatsächlich nicht wussten.
Die Frage für die Amerikaner, die sich für die Normandie entschieden hatten, stellte sich anders: Wann können wir gefahrlos übersetzen? Denn das Wetter in diesem Juni 1944 war alles andere als sommerlich freundlich. Eine wilde See konnte eine Armee zerstören.
Churchill sandte den Amerikanern wenige Tage vor dem geplanten Termin seinen besten Meteorologen, den Schotten James Stagg. Man erlebt ihn zuerst, wie er sich von seiner tapferen hochschwangeren Frau verabschiedet und, er, der steife Brite, sich bei den Amerikanern im Southwick House in Südengland, wo das US-Hauptquartier eingerichtet wurde, einstellt. Dort ist man zwar mehr oder minder bereit, seine Kompetenz anzuerkennen, aber man hat auch einen eigenen Meteorologen, Irving P. Krick. Die beiden Herren sind nie einer Meinung, Krick geht auf Stagg los wie ein bissiger Hund, was dieser stocksteif mit der „stiff upper lip“ des Briten erwidert.
Aber der Mann, bei dem alle Verantwortung liegt und dessen Nerven folglich aufs höchste angespannt sind, ist General Dwight D. Eisenhower, der die Entscheidung über das Datum der Invasion treffen und zwischen den widersprechenden Empfehlungen der Herren entscheiden muss..
Stagg analysiert alle Daten über das Wetter, die er bekommt, wobei der Kanal zwischen England und Frankreich ja immer eine heikle Zone ist. Stürme, schwerer Regen, dichte Wolken wurden vorausgesagt. Stagg arbeitete mit dem wissenschaftlichen Material, das ihm vorlag, Kirk verließ sich auf historische Vergleiche und wollte Optimismus verbreiten. Und Eisenhower schwankte zunehmend wütend zwischen beiden.
Nun klingt das nicht sonderlich spannend, weil es die ganze Zeit eigentlich nur um das Wetter geht. Aber der Titel „Pressure“, also „Druck“, bewahrheitet sich in diesem Film von Anthony Maras, weil man jede Minute spürt, dass es hier um alles geht, dass man eine Verantwortung von tatsächlich welthistorischer Bedeutung hatte. Und immerhin beruht das Drehbuch auf einem Stück von David Hare, einem der erfolgreichsten britischen Gegenwartsdramatiker.
Nach allem Hin und Her entschloß sich Eisenhower, die Operation Overlord, wie der Name für die Invasion lautete, nach Staggs Empfehlung am 6. Juni beginnen zu lassen, wobei man das Glück hatte, zwischen dem Schlechtwetter mit den Amphibienfahrzeugen durchzurutschen und an der Küste der Normandie zu landen.
Der Film, der mit Staggs als Ehemann begonnen hat, endet mit ihm als Vater, wenn er im Krankenhaus seine Frau und seinen neu geborenen Sohn findet – besonders rührend, weil er befürchten musste, seine Frau sei bei einem deutschen Bombenangriff auf das Krankenhaus umgekommen, Ein ganz kleines Stückchen „Human Interest“, wo es im übrigen nur um Männer in Uniformen gegangen ist – mit Ausnahme von Kerry Condon, die Churchills kluge Vertraute spielt.

Es ist der Film seiner Hauptdarsteller. Man kennt Andrew Scott als den unerträglich zynischen Moriarty an der Seite von Cumberbatchs „Sherlock“. Hier ist er der eisern, gewissenhaft und kompromißlos an seinem Problem arbeitende Wissenschaftler mit wunderbarer Sturheit. Eine Überraschung bietet Brendan Fraser als Eisenhower, Nun wurde „Ike“, wie er dann genannt wurde, sicher auch aufgrund seiner Leistungen im Zweiten Weltkrieg, später amerikanischer Präsident, und von daher hat man ihn als hageren Mann in Erinnerung. Fotos in Uniform zeigen ihn etwas fülliger, wenn auch keinesfalls von der Stattlichkeit, mit der Brendan Fraser vom C-Movie-Jungstar zum älteren Charakterdarsteller geworden ist. Die Tage vor der Invasion ließen Eisenhower am Rande seiner Nerven spazieren, und solcherart hat er auch bei Ausbrüchen die volle Anteilnahme des Publikums.
Im Nachspann gibt es eine Pointe. Angeblich hat John F. Kennedy Eisenhower einmal gefragt, wieso die Invasion so gut geklappt hätte. „Wir hatten die besseren Meteorologen“, soll Eisenhower gesagt haben. Wenn es so einfach gewesen wäre…
Renate Wagner

