Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Film: PARALLELE MÜTTER

08.03.2022 | FILM/TV, KRITIKEN

film parallele mütter~1

Filmstart: 11. März 2022  
PARALLELE MÜTTER
Madres Paralelas  /  Spanien  /  2021 
Drehbuch und Regie: Pedro Almodóvar
Mit: Penélope Cruz, Milena Smit, Israel Elejalde, Aitana Sánchez-Gijón u.a.
Prädikat: Besonders wertvoll

„Parallele Mütter“ scheint alles andere als ein attraktiver Filmtitel, weil man sich eigentlich nichts darunter vorstellen kann, aber dennoch hat Pedro Almodovar mit diesem Film wieder einmal so richtig (gut und schön) zugeschlagen.

Im Großen betrachtet erzählt er Variationen der Mutterschaft und über Familienbande, über Frau-Frau- und Mann-Frau-Beziehungen, im Detail erlegt er seinen beiden Heldinnen ein herz- und nervenzerreißenes Schicksal mit ihren neu geborenen Babys auf. Hinterfragt Mutterliebe, „Stimme des Blutes“, menschlichen Anstand anstelle von Besitzgier. Alles geht gut aus. Der Frauenkenner.

In erster Linie geht es um Janis (von den Eltern einst nach Janis Joplin genannt, die jüngeren Leuten gar kein Begriff mehr ist). Sie ist eine erfolgreiche Karrierefrau, Fotografin, solo, an die 40 (und wir wollen nicht damit rechten, dass Darstellerin Penelope Cruz in zwei Jahren 50 wird, denn so wie sie aussieht, kann sie jede beliebige Zahl von Jahren abhandeln). Darum nimmt sie die Chance wahr, von ihrem neuen Liebhaber Arturo, der zwar verheiratet, aber ein ehrenwerter Mann ist, ein Kind zu bekommen.

Im Spital begegnet sie dann der dumpf-unglücklichen Ana, schwanger von „sie weiß nicht von wem“, beide kurz vor der Geburt, Janis voll Anteilnahme für die Jüngere. Dann bekommen sie quasi gleichzeitig ihre Töchter (und man erlebt die Geburtsschmerzen mit, für Frauen eine nicht unbedingt wünschenswerte Erinnerung, Männer wollen das wohl gar nicht sehen, aber Almodovar spielt es voll aus). Als sie mit ihren Kindern heimgehen – Janis kann sich Hilfe mit dem Kind kaufen, Ana hat ihre Mutter – tauschen sie Telefonnummern aus. Gemeinsames, paralleles Mutterschicksal verbindet.

parallele muetter die zwei est x

Es ist kein Spoiler, wenn man es verrät, denn genau wie Arturo weiß man beim ersten Blick auf das kleine Mädchen von Janis, dass das einfach nicht das Kind von den beiden sein kann, denn die Gesichtszüge sind total südamerikanisch. Janis will es nicht wahrhaben, aber DNA-Tests kann man heute leicht einschicken und im Internet das Ergebnis zugestellt bekommen. Nein, Janis ist nicht die Mutter – trotzdem hält sie mit Sorge und Liebe an dem Kind fest.

Bis sie einer völlig veränderten Ana wieder begegnet, deren Baby den unerklärlichen plötzlichen Kindstod gestorben ist. Ein von Janis heimlich unternommener Test zeigt – „ihr“ Baby ist Anas Tochter… und ihr eigenes Kind ist tot.

Und nun könnte man sich einen schlechten Krimi vorstellen mit allen möglichen Handlungsvarianten, dabei gibt es für einen anständigen Menschen wie Janis nur einen Weg: die Wahrheit zu sagen und zu verzichten… Dass da nach menschlichen Komplikationen (sie und Ana sind sich auch sexuell nahe gekommen) doch ein Happy End daraus wird, das geradezu trieft – man würde es keinem anderen verzeehen als Almodovar, der das ungemein souverän meistert.

Wobei die Verletzlichkeit und stille Tapferkeit, die Milena Smit als Ana zeigt, eine wichtige Säule des Films ist. Zudem führt der Autor / Regisseur –  lassen wir Vater Arturo beiseite, der sich tadellos benimmt – zwei weitere wichtige Handlungsstränge ein:

parallele mÜtter 12

Teresa (Aitana Sánchez Gijón)

Da ist Anas Mutter Teresa, eine Frau entre deux ages, wie man früher gesagt  hätte, Schauspielerin, die die Tochter mit ihren Problemen sitzen lässt, um einer Rolle nachzulaufen, die für ihre Karriere wichtig ist. Wie sie nie für die Mutterrolle getaugt hat, darf die atemberaubende Aitana Sánchez-Gijón in einem geradezu altmodischen Monolog erklären…

Und da ist auch noch Spaniens unbewältigte Vergangenheit, die bis zu tausendfachem Unrecht im Bürgerkrieg zurück reicht. Da leiden alte Frauen und ihre Töchter und Enkelinnen noch immer darunter, dass man den Großvater einst auf einer Wiese erschossen und verscharrt hat und man ihm nicht einmal ein ordentliches Grab geben konnte, für seine und die eigene Seelenruhe. Glücklicherweise ist Arturo (Israel Elejalde könnte die anständige Männerwelt nicht besser  und edler vertreten) forensischer Anthropologe, der imstande ist, mit einem Team Opas Leiche zu finden. Und noch einmal trieft es von der Leinwand – und es macht einem nichts aus…

parallele mÜtter 09

Janis (Penélope Cruz)

Es ist wieder einmal ein Film von Penelope Cruz. Almodovar reizt ihre Schönheit, ihre geradezu atemberaubende Präsenz, die vielfältigen Nuancen ihrer Schauspielkunst aus. Tatsächlich verwirklicht er mit ihrer Hilfe den Traum eines alten Mannes von der idealen Frau. Sie sieht immer und in jeder Situation gut aus. Sie ist freundlich und liebevoll, nicht nur zu Kindern und Frauen, sondern auch zu Männern. Sie ist nie egoistisch, immer ehrlich und hilfsbereit und voll Empathie gegenüber anderen Menschen und hält die Ehre und Zusammengehörigkeit der Familie hoch. Sie ist gut in ihrem Beruf, aber sie kocht auch oft und offenbar gern. Man wird sich schwer tun, ein solch ideales Exemplar im wirklichen Leben zu finden.
Andererseits, man wird doch noch träumen dürfen, zumal als über 70jähriger Regisseur? Darf er nicht eine Frau, die man im Leben nicht so leicht finden wird, als Idealbild wenigstens auf die Leinwand bringen?

Renate Wagner

parallele mütter4 xxxxx

 

Diese Seite drucken