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Filmstart: 7. Mai 2026
NÜRNBERG
Nuremberg / USA / 2026
Regie: James Vanderbilt<
Mit: Russell Crowe, Rami Malek u,a,
Der „sympathische“ Göring…
Die Welt wäre, wie man so schön sagt, ein besserer Ort, wenn sich der Begriff „Nürnberg“ nur mit Albrecht Düerer und den „Meistersingern“ verbinden würde und nicht mit Reichsparteitagen, Rassengesetzen und schließlich dem größten Kriegsverbrecherprozeß, der je unternommen wurde. Für diesen gab es 1961 den „Urteil von Nürnberg“-Film von Stanley Kramer, nahe genug an dem tatsächlichen Prozeß von 1945, um damals dicht unter die Haut zu gehen.
„Nuremberg“, wie der nunmehrige Film im Original heißt, ist weit eher eine Light-Version der Geschichte, auf persönlicher Ebene angesiedelt, immer interessant, aber auch emotional gewissermaßen ungemütlich. Denn die gebotene Handlung beruht auf dem Roman „Der Nazi und der Psychiater“ des Schriftstellers Jack El-Hai, der die offenbar echte Beziehung von Hermann Göring und dem nach Nürnberg abkommandierten amerikanischen Psychiater Douglas Kelley erzählt (der trotz seines unauffälligen irischen Namens Jude war, was jeder Kinobesucher sofort mitbekommt und Göring vermutlich auch…)
Nach den Selbstmorden von Hitler, Himmler und Goebbels war „Reichsmarschall“ Hermann Göring der ranghöchste Nazi, dessen die Alliierten habhaft werden konnten. Er stand also an der Spitze der 22 Männer, die im ersten Anlauf in Nürnberg vor Gericht gestellt wurden. Der Psychiater wurde eher pro forma eingesetzt, damit die Angeklagten nicht in eine vorgespielte psychische Krankheit entfliehen konnten (wie Rudolf Hess in seine angebliche Amnesie).
Doch was passierte? Kelley erlag dem Faszinosum eines Mannes, der vielleicht eine große Persönlichkeit war, jedenfalls den vergleichsweise armen kleinen Psychiater mit Grandezza zu manipulieren verstand. Die gelegentlich auftauchende Abhängigkeit vom Patienten zum Arzt drehte sich um. Kelley lernte – obwohl seine jüdische Familie ermordet worden war – , die Dinge mit Görings Augen zu sehen, der ihm die Nazi-Standpunkte mit größter Ruhe und Selbstverständlichkeit vorträgt.

Und so ist der Film die längste Zeit ein Sympathie-Geplätschere zwischen dem großartigen Russell Crowe und dem nicht minder großartigen Rami Malek, die beide heuer den verdienten „Oscars“ nicht einmal in die Nähe gekommen sind, weil dieser Film letztendlich allen so peinlich ist. Den Amerikanern, denn sie wurden von Göring beim Prozeß quasi vorgeführt (und am Ende entzog er sich der Hinrichtung noch durch eine Giftpille). Und den Deutschen erst recht, denn der Film kann nur ein paar Neonazis glücklich machen, die anderen winden sich bei der Idee, dass es im Dritten Reich Verbrecher gab, die möglicherweise auch große Persönlichkeiten waren. Gerade die woke Weltsicht von heute ist ja nicht geneigt, vielschichtig und differenziert zu denken, hier „gut“ (das sind sie), dort „böse“ (das sind die anderen), das gilt in unserer Welt derzeit immer und prägt auch das Bild der Vergangenheit.
Dennoch tut man sich schwer, diesen solide gemachten Film von James Vanderbilt (der auch die amerikanische Seite durchaus hinterfragt) zu loben, obwohl vor allem Russell Crowe eine Leistung liefert, der man so hoffnungslos erliegt wie Rami Malek, der durchaus die Intelligenz walten lässt, keine einseitigen Urteile zu fällen. Russell, der auch als „starker“ Mann (so schön wie zu „Gladiators“ Zeiten ist er nicht mehr) ungleich besser aussieht als der echte Göring je, strahlt Souveränität und eine Art von überlegenem Humor sowie Format aus. Ob der echte Göring so war? Wer kann das schon wissen.
Der Film verlässt nur zweimal seine Komfort-Sphäre: Wenn zu Beginn des Prozesses Dokumentarfilme über die Konzentrationslager vorgeführt werden. Und wenn es am Ende zu den Hinrichtungen kommt. Aber da war Göring ja schon tot. Wie er zu seiner Giftkapsel gekommen ist, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen. Im Nachspann des Films erfährt man, dass Kelley nie mehr Boden unter den Füßen fand und sich am Ende umbrachte – mit einer Cyanidkapsel. Wie Göring.
Das ist dann schon ganz dickes Kino.
Renate Wagner

