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Film: NOUVELLE VAGUE

Film über Film – wunderbar!

13.03.2026 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 12. März 2026 
NOUVELLE VAGUE
Frankreich  /  2025
Drehbuch und Regie: Richard Linklater
Mit: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin u.a.

Film über Film – wunderbar!

Wie jeder Filmfreund weiß: Die „Nouvelle Vague“ gab es als Bewegung, damals, als im Frankreich der Fünfziger. Sechziger Jahre in der Redaktion der „Cahiers du cinéma“ eine Handvoll junger Redakteure saß, die in ihre Schreibmaschinen  Kritiken klimperten, aber alle von einem neuen Kino träumten – und es schließlich machten: François Truffaut, Claude Chabrol, Éric Rohmer, Jacques Rivette und nicht zuletzt Jean-Luc Godard. Mit seinem Film „Außer Atem“ im Jahr 1960 schrieb er Filmgeschichte. Wie er es gemacht hat – das erfährt man jetzt.

Godard hat später, dreißig Jahre nach „Außer Atem“, selbst einen Film gedreht, der den Titel „Nouvelle Vague“ trug (mit Alain Delon on der zentralen Rolle), aber wenn es nun wieder einen gleichnamigen Film des Amerikaners Richard Linklater gibt, erzählt dieser die Entstehungsgeschichte von „Außer Atem“ (dem Film, in dessen Erscheinungsjahr er selbst geboren wurde…) Und er tut es mit so viel Liebe, Feinfühligkeit, Ironie aber auch tiefem Humor, dass Film-Aficionados nur in Entzücken ausbrechen können.

Die Filmwelt war damals vorwiegend schwarzweiß, so ist auch dieser Film. Und er gibt sich dokumentarisch – er versammelt die damalige Filmelite (die meisten noch in ihren Anfängen) und weist sie beim ersten Erscheinen mit Namensnennung aus. Nicht nur die späteren Berühmtheiten, sondern alle, die mit der Entstehung eines Films zu tun hatten. Eine ungeheure Menge an Menschen und Meinungen.

Es ist übrigens noch keine Epoche von T-Shirt, Jeans und Schlapfen: Die Herren tragen Anzüge, meist auch Krawatten, die Damen sind adrett in ihren schwingenden Röcken und braven Blusen. Es wird viel geraucht. Eine andere Welt – und doch wird der Aufbruch und der Ausbruch aus dieser Bürgerlichkeit gezeigt.

Godard, immer mit Sonnenbrille, wirkt düsterer, gewissermaßen muffiger als die meisten seiner Kollegen – der unzufriedene Filmjournalist in einer Branche, wo Roberto Rossellini der Star unter den Regisseuren ist. Godard , gelingt es endlich, einem Produzenten seinen ersten Langfilm abzuluchsen. Das Drehbuch ist eigentlich von Kollegen Truffaut, aber mit einem fixen Drehbuch hat es Godard ohnedies gar nicht so sehr…

Als Hauptdarsteller für einen echt coolen Kriminellen will er den jungen Jean-Paul Belmondo, der noch weit davon entfernt ist, ein Star zu sein. Mit Jean Seberg, die er sich für die weibliche Hauptrolle wünschte, ist das anders. Otto Preminger hatte die damals unbekannte Neunzehnjährige als seine „Heilige Johanna“ gewählt und sie schlagartig berühmt gemacht. Sie war weniger bereit, sich auf Godards Film einzulassen, tat es aber dann wohl vor allem aus Neugierde – und man erlebt, dass Belmondo ziemlich gelassen macht, was der Regisseur von ihm will, während Jean Seberg immer hinterfragt (und keine Antworten bekommt), bis sie sich schließlich auf den Stil von Godard einlässt…

Der hat es trotz der wenigen Wochen, die man ihm für die Dreharbeiten nur zugesteht, nicht eilig. Oft sitzt er einfach herum und kritzelt in ein Notizbuch, während man vergeblich ein Drehbuch von ihm verlangt, er aber einfach nur die Situation vorgibt.

Er dreht viel im Freien, er will das echte Paris, nicht die Kulissen der üblichen Filme. Und besonders drollig ist die Bereitschaft des Kameramannes, alles zu machen, was Godard verlangt. Während heute riesige Schienen und Apparaturen gelegt und gebaut werden, um den Kameramann zu bewegen, war Raoul Coutard (Matthieu Penchina) bereit, sich in eine Art Mülltonne stecken zu lassen, die von ein paar Leuten herumgerollt wurde, um aus dieser Perspektive heraus unbeachtet von den Parisern auf den Straßen Szenen zu filmen…

Linklaters Film, der sich aus vielen kleinen Szenen zusammensetzt, teils die Dreharbeiten und ihr Personal zeigt, teils Teile des originalen Films nachstellt (wenn man Gelegenheit hat, das Original vorher zu sehen – gibt es bei Amazon -, sollte man dies tun, es erhöht das Vergnügen an Linklaters Authentizität), besticht im übrigen durch die Besetzung. Besonders Guillaume Marbeck als der immer rätselhafte, meist mürrische Jean-Luc Godard unter seiner Sonnenbrille macht den entschlossenen Einzelgänger, der sich durch seinen ersten großen Film improvisiert, schlechtweg faszinierend.

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Etwas Besonderes gelingt der Amerikanerin Zoey Deutch, an sich dunkelhaarig, die sich nicht nur durch das charakteristische kurze Blondhaar (wie es Mia Farrow später in „Rosemary‘s Baby“ kopiert hat), sondern auch im Habitus und ihrer Art, Französisch zu sprechen, stellenweise eine faszinierende Ähnlichkeit mit dem Original erzielt. Aubry Dullin erreicht als Jean-Paul Belmondo nicht ganz die äußere Ähnlichkeit, hat aber die Schlaksigkeit der Figur. Aus der Menge des übrigen Personals ragt noch Bruno Dreyfürst als Georges de Beauregard heraus, jener Produzent, der das aberwitzige Unternehmen von Godard letztendlich verantwortete.

Wie schön es ist, wenn Filme vom Filmemachen handeln, weiß man etwa von Godards Kollegen Francois Trufffaut und seiner „Amerikanischen Nacht“. Nun hat Richard Linklater ein Meisterwerk geschaffen, das man stets in einem Atem mit dem Original nennen wird. Eine Huldigung an das Kino. Wer es liebt, wird fast gerührt sein…

Renate Wagner

 

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