Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Film: NAWALNY

02.05.2022 | FILM/TV, KRITIKEN

film nawalny~1

Filmstart:  5. Mai 2022  <
NAWALNY
USA / 2022 
Dokumentation
Regie: Daniel Roher

Dieser Mann hatte Mut. Er sagte offen, dass er Wladimir Putin nicht an der Spitze von Russland sehen will. Dass dieser Mann lügt, sobald er den Mund aufmacht. Alexei Nawalny hat seine Opposition so teuer bezahlt wie nur möglich – ob er das Straflager, in das Putin ihn stecken ließ, je verlassen wird, kann bezweifelt werden. Und dort mag viel eher gelingen, was 2021 mißlang – den Regimekritiker endgültig aus dem Weg zu räumen.

Alexei Nawalny, geboren 1976, ukrainisch-russischer Abstammung (sein Vater und dieser Teil der Familie stammen aus Tschernobyl), hatte schon eine lange Karriere als ein in den sozialen Medien äußerst aktiver russischer Oppositioneller hinter sich, als er im August 2020 plötzlich weltberühmt wurde.

Da hatten die Russen versucht, ihn durch einen Giftanschlag zu eliminieren. Angela Merkel ließ ihn damals nach Berlin bringen, und den Ärzten der Charité gelang sein Überleben. Als sich Nawalny dann im Schwarzwald erholte, kam der kanadische Filmemacher Daniel Roher im Auftrag amerikanischer Medien auf ihn zu, um eine Dokumentation über ihn zu drehen.

Man muss bedenken, dass sie in den folgenden Monaten als „Work in Progress“ (immer wieder mit Interviews mit ihm, seiner Familie, seinen Vertrauten) entstand – und niemand ahnen konnte, wie sie enden würde. Nun, die Geschichte hat es gezeigt: Als Nawalny im Jänner 2021 wieder russischen Boden betrat, wurde er (was er wusste und einkalkuliert hatte) verhaftet und nach einem Schauprozeß in ein Straflager eingeliefert…

Rohrer zeigt nun Nawalny „live“ und unterfüttert seine Dokumentation mit jeder Menge Material. Dergleichen steht heute, wo faktisch jeder jede Minute mit seinem Smartphone mitfilmt und mitfotografiert, reichlich zur Verfügung. Abgesehen von den offiziellen Fernsehbeiträgen, wobei auch die Russen zu Wort kommen – sie erklärten, Nawalnys Vergiftung käme von dem Medikamenten-Mißbrauch, den er sich in der westlichen Welt angewöhnt hätte…

Nawalny ist der Star des Films, offen, charmant, medien-gewohnt, wenig Russisch, meist Englisch sprechend (es ist ja in erster Linie für ein amerikanisches Publikum gedacht) – gegen ihn wirkt Putin wie ein in Sowjet- und DDR-Zeiten stecken gebliebener Dinosaurier, der auch noch (wie sich herausstellte) mit Panzern kämpft wie im Zweiten Weltkrieg und nicht mit den modernsten computerisierten Waffen.

Nawalny hingegen beherrscht die digitale Welt virtuos, ist per Video-Blog permanent präsent, hat die Medien mit allen Mitteln gehandhabt (der millionenfach angeklickte YouTube-Bericht über Putins heimlichen Prachtpalast). So wird der Film über ihn fast zu einer Action-Doku, auch mit bewusst inszenierten, quasi „humorigen“ Szenen…

Tatsache ist, dass der mit Nawalnys Ermordung befasste  Spezial-Trupp die Vergiftung versuchte, indem man eine frische Unterhose, die er dann vor einem Flug nach Moskau anzog, mit Gift beschmierte. Freunde hatten die Hintermänner ausgemacht, und Nawalny telefonierte mit einem von ihnen, sich als Vorgesetzter ausgebend, der strafend fragt, warum das Unternehmen so schief gegangen sei. Die „Beichte“ des unglücklichen Attentäters wirkt wie aus einem Drehbuch…

Die Frage ist, ob man einen Mann, der sich so hemmungslos in Szene setzt, der eine amerikanische Dokumentation als Selbstinszenierung benützt, unbedingt sympathisch findet. Seinen Mut und seine Entschlossenheit kann man jedenfalls nur bewundern, wenn auch fraglich ist, was er seinen Anhängern zuruft: „Gebt nicht auf!“ Im Prinzip richtig – aber ist ihm klar, dass er viele von ihnen dazu auffordert, ihm ins Straflager  zu folgen?

Wozu Putin imstande ist, hat er seither mit seinem Überfall auf die Ukraine gezeigt. Solcherart ist die Nawalny-Doku der Widerstands-Film der Stunde, mit dem jetzt Anfang Mai auch das Münchner Dokumentar-Filmfest eröffnet wird. Es ist weniger politische Analyse geworden als Propaganda – Anti-Putin, Pro-Nawalny. Aber das ist ja nun selbstverständlich.

Man kann nicht in die Zukunft schauen. Aber vielleicht träumt der – zweifellos sein Leben einsetzende – Nawalny von einem Vaclav-Havel-Schicksal: Aus dem Gefängnis ins Präsidentenamt? Kaum denkbar – aber was weiß man denn.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken