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Film: MISS MARX

27.05.2021 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 28. Mai 2021 MISS MARX
Italien / 2020
Drehbuch und Regie: Susanna Nicchiarelli
Mit: Romola Garai, Patrick Kennedy, John Gordon Sinclair u.a.

Seit Frauenschicksale ins Zentrum des Interesses gerückt sind, haben die Frauen der Familie Marx viel Aufmerksamkeit erfahren. Voran natürlich Jenny, die unkonventionelle Gattin, aber auch die drei Töchter. Voran die Jüngste, Eleanor, Tussy genannt (1855-1898), eine Sachwalterin des Vaters nach dessen Tod – bis zu ihrem eigenen. Eine Kämpferin, die Selbstmord beging, weil sie sich privat und beruflich gescheitert fühlte.

Auch wenn die Familie Marx in England lebte, so waren sie doch Deutsche – und es ist eine italienische Filmemacherin, bisher eher bei Festivals als im Mainstream zu finden, die von ihrem Schicksal so fasziniert war, um einen englischsprachigen Film über „Tussy“ zu drehen, die bei ihr alles andere als eine Tussy ist (so wie die herabwürdigende Bezeichnung verstanden wird).

Filmemacherin Susanna Nicchiarelli will dieser Frau (damals noch der klassische Fall von einer Frau in einer Männerwelt) Gerechtigkeit widerfahren lassen. Als Drehbuchautorin geht sie – mit wenigen Rückblenden und wenigen Traumsequenzen (so unterstellt sie ihr, sie würde gerne bei Pop-Klängen auszucken) – chronologisch vor, was für den Kinobesucher am einfachsten ist. Als Regisseurin malt sie die Epoche des England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in penibler historischer Ausstattung nach, die stickige Bürgertum-Welt, in der Eleanor Marx lebte, ebenso wie die Verhältnisse unter den Arbeitern, die dieses „gnadenlose Zeitalter“ prägten, wie Eleanor es so richtig nennt. Dennoch sieht man es nur partiell – wenn sie denn einmal einen Fuß in die Elendsquartiere setzt. Ansonsten diskutiert sie im Rahmen gepflegter Herren über den Kommunismus und hält bestenfalls Reden vor ausgemergelten Arbeitern… Die Filmemacherin weiß sehr wohl von der Kluft zwischen den Intellektuellen, die sich der „Armen“ annehmen, und dem eigenen Leben, das sie führen.

Man begegnet Eleanor an mehreren Stationen ihres Lebens, zuerst am Grab ihres Vaters (1883), wo ihre wohl gesetzten Worte zweierlei verraten: die geübte Rednerin und die Absicht, die Fackel zu übernehmen und die Arbeit von Karl Marx weiter zu führen, die ja in einem brodelnden Europa (und einem großteils in Armut starrenden England) nun wahrlich nicht erledigt war.

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Damals schon begegnet sie dem Literaten und politischen Gesinnungsgenossen Edward Aveling (Patrick Kennedy), dem einzigen Mann ihres Lebens. Emanzipiert genug, mit ihm ohne Trauschein zusammen zu leben (er war verheiratet), in hoffnungsloser Liebe an ihn gebunden, scheiterte sie doch an dieser Beziehung – seiner Verschwendungssucht, seinen Lügen, seinen Betrügereien.

Die zweite „Szene“, die 1890 spielt, zeigt die beiden in einer Auseinandersetzung, wo sie ihm vorwirft, sie immer nur wie eine Puppe behandelt zu haben, und man nimmt das ein paar Minuten ernst – bis klar wird, dass sie eine Szene aus Ibsens „Nora“ für ein nobles Publikum spielen. Aber natürlich wird die Ungleichheit zwischen Mann und Frau, die einen Teil der damaligen sozialen Spannungen ausmachte, damit stark angesprochen.

Eleanors politische Arbeit und ihr unglückseliges Privatleben laufen parallel, der Tod von Friedrich Engels (John Gordon Sinclair), der ihr ein Vermögen vermachte und ihre finanziellen Sorgen eine zeitlang beseitigte, spielt auch deshalb eine Rolle, weil dieser aufopfernde Freund erst am Totenbett gesteht, dass er offiziell die Vaterschaft für einen unehelichen Sohn von Karl Marx übernommen hat. Aber weder der neue Bruder (Karl und Jenny Marx hatten keinen Sohn, der das Erwachsenenalter erreichte) noch die Schwestern können Eleanor in ihren privaten und auch ideologischen Krisen helfen – denn die Welt des Kapitalismus ist nicht zu sprengen, die Situation der Arbeiterschaft zu ihren Lebzeiten nicht zu verbessern…

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All das wird erzählt, ohne dass die Regisseurin gewissermaßen die roten Fahnen schwenkte, sie wird auch so gut wie nie laut, und ganz leise, wenn es um Eleanors Selbstmord geht – das Dienstmädchen bringt das verlangte Gift aus der Apotheke, geht wieder weg, als sie ins Haus zurück kehrt, erhält sie auf ihr Rufen keine Antwort…

Es ist ein „Biopic“ vom Feinsten, das man da zu sehen bekommt, das Interesse an der Figur und der Zeit natürlich vorausgesetzt. Und edel gespielt, voran von Romola Garai, die, wenn man ein Foto der originalen Eleanor betrachtet, dieser auch optisch erstaunlich ähnlich ist (und mit ihr sogar die biographische Tatsache eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter teilt). Sie macht Eleanor so lebendig, dass man meint, diese Frau zu kennen.

Renate Wagner

 

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