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Film: MATRIX RESURRECTIONS

22.12.2021 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart:  23. Dezember 2021 
MATRIX RESURRECTIONS
USA  /  2021 
Regie: Lana Wachowski
Mit: Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss, Yahya Abdul-Mateen II u.a.

1999 begab sich im amerikanischen Kino etwas Besonderes. „Matrix“ war einerseits noch „ein Science Fiction-Film“, von denen es viele gab. Aber er hatte nichts mit „Krieg der Sterne“-Welten oder mit den zahllosen, oft fliegenden Superhelden von Marvel & Co. zu tun. Die Filmemacher, die damals noch als Wachowski-Brüder figurierten, hatten erkannt, wo die Zukunft liegt: In der digitalen Welt. Ja, dass diese eine Welt für sich sein konnte, eine „Matrix“, und dass der Mensch von morgen vielleicht zwischen Realität und Matrix schwanken würde – und am Ende nicht mehr wissen wird, wo er sich eigentlich befindet…

Das war die Grundidee, philosophisch aufgepoppt in vielen, langen Dialogszenen, ein Film für Erwachsene, der Action gewissermaßen mit intellektuellem Anspruch zu verbinden schien (es gab allerdings schon damals Leute, die bei „Matrix“ nur Bahnhof verstanden).

Die Wachowskis haben furchtbar viel gelesen, zwischen „Alice im Wunderland“ und Schopenhauer: Neo (Keanu Reeves) und Trinity (Carrie-Anne Moss), die Helden der Geschichte, waren Hacker mit ungewöhnlichen Fähigkeiten (zu Beginn wurde er aufgefordert, „dem weißen Kaninchen“ zu folgen wie einst Alice). Und weil es ein bisschen (oder sehr) undurchsichtig natürlich auch um Gut und Böse ging, spielten Laurence Fishburne als Morpheus und Hugo Weaving als Superbösewicht Agent Smith entscheidende Rollen. Der gedankliche Clou: Unsere Welt existiert gar nicht, ist nur Vorstellung, die Matrix hingegen ist… ja was?

Die Wachowski-Geschwister haben 2003 dann, gleichzeitig nebeneinander, die Fortsetzungen „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“ gedreht und die Trilogie vollendet. Damit schien das Projekt beendet, und weitere Filme des Wachowski-Geschwister-Paares zu anderen Themen erreichten nicht annähernd diese Popularität.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich einiges verändert, auch die Gender-Frage. Offenbar haben sich die Brüder in ihrer Haut nie richtig wohl gefühlt – mittlerweile sind sie Schwestern. Aber nur eine von ihnen, Lana Wachowski, hat noch einmal ein Drehbuch geschrieben (kein Wort in den Medien, warum Lilly nicht dabei ist) und auch als Regisseurin die „Matrix“-Welt noch einmal auferstehen lassen, angeblich weil der Konzern Warner Bros. den alten Erfolg noch einmal melken wollte. Was angesichts des besonderen Kultstatus der Trilogie nicht schwer war. (Erstaunlich daran übrigens, dass Keanu Reeves, der inzwischen immerhin auf die 50 zugeht, und Carrie-Anne Moss schier überhaupt nicht gealtert scheinen.)

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Die Frage, über die sich Kritiker nicht einigen können (und das „Matrix“-kenntnisreiche Publikum wohl auch nicht) – ist das nun einfach ein Aufguß oder ist Lana etwas wirklich Neues zum Thema eingefallen, wobei das Grundkonzept, dass man das Ganze ja eigentlich nicht verstehen kann, gleich geblieben ist.

Philosophisch, esoterisch und ziemlich aufgeplustert geben sich erneut die Dialoge, wobei man auch den Eindruck hat, dass die Regisseurin die Zuschauer veräppelt –  wenn Neo fragt, „What is happening to me?“, kann man ihm die Ratlosigkeit nachfühlen, denn man weiß es natürlich auch nicht wirklich. Immer wieder stellt sich die Frage, was wahr ist, ob man träumt („I had a dream“), ob man überhaupt lebt? Festgestellt wird auch: „The Matix is the same like always“. Aber was? „No one can tell, what the matrix is,  blablabla“, höhnt der neue Morpheus.  Gleichzeitig geht es auch immer wieder ganz schön pathetisch zu… Oder auch alltäglich.”I shit never saw this coming!”, heißt es. Dem kann man nur zustimmen.

Ist eigentlich eine Handlung zu erkennen? Neo und Trinity sind wieder da (sie ist allerdings eine andere, die in die frühere verwandelt werden soll – klar?). Fishburne und Weaving sind ausgestiegen, ersetzt durch Yahya Abdul-Mateen II und Jonathan Groff, andere Nebenrollen erkennt man wieder, etwa Lambert Wilson als „Merowinger“. Neo und Trinity waren zwar am Ende des dritten Teils tot, aber das schadet ja nichts in Welten, wo nichts sicher ist und man ohnedies nie festen Boden unter den Füßen hat.

Der auferstandene Neo, der sich über so vieles wundert und an weniges erinnert und dem sein Shrink nicht wirklich hilft, ist Designer für Computerspiele. Trotzdem muss er natürlich früher oder später die Welt, so es sie gibt, vor der Matrix retten, vor den Maschinen, die die Herrschaft über die nur noch vor sich hinschlafenden Menschen übernommen haben (ist das nicht genau die Situation, die der denkende Mensch zu fürchten gelernt hat?).

Immerhin taucht „Morpheus“ wieder auf, und man  kann sich noch entscheiden – blaue Pille, man bleibt in der Traumwelt, rote Pille, man gerät in eine tödliche Wirklichkeit. Aber wer er eigentlich ist, das weiß Neo nicht. Es wird, wie gesagt, viel geredet (wobei nichts wirklich erklärt wird), es gibt, wie man es gewohnt ist, viel Action, aber faktisch wenig Fassbares  – im Grunde nichts wirklich Neues. Dass die Welt vielleicht ein Computerspiel sei, hat man inzwischen auf der Leinwand schon oft durchgespielt – wenn auch selten so irre wie hier. Oder auch, sagen wir es offen, gedanklich so angeberisch.

Kurz, „Matrix Resurrections“ bietet den schönen Irrsinn, den man schon gewohnt ist (das jüdische Wort „überhochmetzt“ passt hier perfekt), und in diesem Sinn ist der Film ein würdiger Nachfolger der vorangegangenen (sollte aber keine Fortsetzungen bekommen!). Ein nicht wirklich nötiges, aber für unbelastete Zuschauer  durchaus eine (wenn auch zweieinhalbstündig lange, lange) Sahnehäubchen-Draufgabe zum ursprünglichen Trilogie-Kuchen. Und Fans können beim Interpretieren wieder die Hirne rauchen lassen… (Man kann’s aber auch sein lassen.)

Oder vielleicht haben wir alle, alle diesen Film nur geträumt – und träumen auch unser Leben, während die Matrix über uns waltet? Wer weiß…

Renate Wagner

 

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