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Film: MAIDEN

18.08.2020 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 21. August 2020
MAIDEN
GB / 2018
Regie: Alex Holmes
Mit: Tracy Edwards und ihren Mitstreiterinnen

 

 

Die „Maiden“ war ein Segelboot, das am 2. September 1989 aus Southampton auslief, um an dem Weltumsegelungs-Wettbewerb teilzunehmen, der die große Sensation für alle Anhänger des Segelsports darstellt. Die „Maiden“ (vor ein paar Jahren als Wrack gefunden und gerettet, gibt es sie heute wieder) unterschied sich allerdings entscheidend von allen Mitbewerbern: Ihre zwölfköpfige Crew bestand ausschließlich aus Frauen. Tracy Edwards, Jahrgang 1962, damals 27 Jahre alt, erfüllte sich ihren Lebenstraum, als verantwortliche Frau ein Segelboot um die Welt zu führen – an der Seite von Mitstreiterinnen, die denselben Traum hegten sie sie. Nun, sie haben es geschafft. Es ist eine große Geschichte, eine wunderbare Geschichte.

Man hätte diese natürlich auch mit Drehbuch und (berühmten) Schauspielerinnen verfilmen können, es wäre vielleicht sogar ein Blockbuster geworden – aber die Echtheit und Schönheit dieser Dokumentation hätte man wohl nicht erreicht. Regisseur Alex Holmes ist damit ein ganz besonderer Film gelungen.

Einfach war es nicht: Dokumentarmaterial musste aus aller Welt zusammen geholt werden, außerdem bat der Regisseur die Frauen von damals vor die Kamera, desgleichen ihre „Konkurrenten“ auf den rivalisierenden Schiffen, Fachleute und Journalisten. Die hatten sich damals, im Jahr 1989, besonders dabei ausgezeichnet, als Vertreter einer überheblichen Männerwelt auf diese Handvoll Frauen herabzublicken. Sie haben sie sogar „a tinful of tarts” genannt, eine so niederträchtige Beleidigung, dass man es gar nicht übersetzen will. Da war das herablassende „Little Ladies“ noch harmlos. Nein, die Männer konnten es nicht begreifen: Frauen wollten die 33.000 Seemeilen rund um die Welt bewältigen? Die Wetten gingen dahin, dass sie es nicht einmal bis zur ersten Station, den Kanaren, schaffen würden… Als sie Monate später wieder in Southampton eintrafen, nicht als Siegerinnen, aber ehrenvoll mitgefahren, kannte der Jubel keine Grenzen. Es war auch ein feministischer Sieg, der Beweis, dass Frauen alles können, wenn sie nur entschlossen genug sind.

 

Die Tracy Edwards von heute, eine elegante End-Fünfzigerin, die ein wenig aussieht wie Judi Dench, sitzt zwar nur vor der Kamera und erzählt, aber sie ist die beste Anwältin ihrer großen Sache, unpathetisch, sehr englisch, sehr überzeugend. Man erfährt ihr Schicksal von der Geburt an, ein junges Mädchen mit entschlossenen Eltern, die ihr beibrachten, dass man um das, was man will, kämpfen muss. Der frühe Tod des Vaters, der abgelehnte Stiefvater, der Teenager Tracy, der mit 16 davon läuft. Mit anderen „Drop Outs“ traf sie sich in den Häfen, entdeckte ihre Leidenschaft fürs Meer, konnte aber keine anderen Jobs bekommen als Köchin auf den Schiffen. Aber Tracy Edwards wollte kein Dienstbote sein, sondern selbst Skipperin.

Natürlich musste ein Wunder geschehen, damit sie eines Tages mit einem eigenen Schiff (so etwas kostet ein paar Millionen Pfund) und gleichgesinnten Frauen, denen sie im Lauf der Vorbereitungsjahre begegnet ist, losziehen konnte. Durch Zufall hatte sie König Hussein von Jordanien kennen gelernt, und er finanzierte ihr Schiff und ihre Teilnahme an dem Wettbewerb, als eines von 15 Booten. Männliche Konkurrenten von damals erzählen mit heutigem Respekt, wie sie ihre Meinung vom „schwachen Geschlecht“ korrigierten…

Und von da an werden die Bilder lebendig – denn Tracy und ihre Gefährtinnen waren (wenn auch belächelt und teilweise sogar verhöhnt) die Medien-Sensation, es gibt zahllose alte Fernsehberichte, und die jungen Frauen haben auch am Schiff während ihrer Fahrt mitgefilmt. Das hat eine nicht zu übertreffende Authentizität, wobei auch die unglaubliche Disziplin der Frauen klar wird, die nie Zeit mit irgendwelchen Zickenkämpfen verloren, sondern stets nur einander unterstützten. Die Gefährlichkeit des Unternehmens wird nie unterspielt: „The ocean is always trying to kill you,” sagt die Tracy Edwards von heute, „It doesn’t take a break.” Einmal mussten die Frauen zusehen, wie in einem rivalisierenden Boot zwei Männer über Bord gingen und starben.

Nicht nur Tracy erzählt ihre Geschichte, auch ihre Gefährtinnen (und sie geben zu, dass es mit Tracy, die immer auf Hochspannung lief, nicht immer leicht war). Manche gibt Panikattacken zu, jede wusste, dass sie ihr Leben riskierte. Jede hatte ihre Aufgabe, eine hatte vor der Reise einen Installateur-Lehrgang gemacht, eine andere „kannte jedes Kabel auf dem Schiff“, und im Grunde tat jede alles, nur Tracy war Skipperin und Navigator in einer Person und nahm auch die ganze Schuld auf sich, als das Boot plötzlich leckte, was sie im „Rennen“ zurückwarf, weil sie den Schaden auf den Falkland Inseln reparieren mussten. Es ging nicht nur um die Kraft, dem Meer und dem Wetter zu widerstehen, es ging auch um Taktik in einem solchen Rennen.

Die Reise führte in 26 Tagen über den Atlantik nach Uruguay, von dort durch Stürme in Richtung Australien, nach Neuseeland, und die konkurrierenden Belgier waren empört, als sie in einem Hafen vor ihnen eintrafen: „These girls are beating you, guys!“ Über den Südpazifik ging es nach Süd- und Nordamerika und wieder über den Atlantik zurück nach Europa, wo die „Maiden“ nach 176 Tagen ankam. Obwohl nicht die Siegerinnen, war ihr Triumph, es geschafft zu haben, die Sensation des Rennens. Jetzt waren sie kein „bunch of bitches“ mehr, jetzt waren sie „a great team“.

Und als Team haben sie auch gewonnen, das sagen alle der Frauen. Sie haben einander respektiert und vertraut. Auch das ist ein Teil der Aussage dieses wunderbaren Films.

Renate Wagner

 

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