
Filmstart: 2. April 2026
LES MISÉRABLES – DIE GESCHICHTE VON JEAN VALJEAN
Jean Valjean / Frankreich / 2026
Drehbuch und Regie: Eric Besnard
Mit: Grégory Gadebois, Bernard Campan, Alexandra Lamy u.a.
Der Tragödie ins Gesicht geschaut
Victor Hugo ist einer der Großen der französischen Literatur, und neben dem spektakulären „Glöckner von Notre Dame“ ist „Les Miserables“ sein Hauptwerk, eine Sozialtragödie aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, die es x-mal in Luxusbesetzungen ins Kino und ins Fernsehen geschafft hat, mit Stars wie Jean Gabin, Lino Ventura, Jean-Paul Belmondo, Liam Neeson, Gérard Depardieu oder Hugh Jackman in der zentralen Rolle des Jean Valjean, der 1815 endlich aus dem Gefängnis kommt. Und immer hat die Tragödie dabei eine Art von düsterem Glanz verströmt.
Die jüngste Verfilmung von Regisseur Éric Besnard, der sich sein eigenes Drehbuch schrieb, ist da ganz anders. Fast minimalistisch. Wirklich dunkel. Sie sieht der von Hugo vorgelegten Tragödie ungeschminkt ins Gesicht. Und erreicht durch die stringente Regie, durch zwei großartige Hauptdarsteller und durch die große Rolle, die eine phantastische Steinlandschaft spielt, besondere Tiefe.
Jean Valjean wandert, am Anfang und am Ende. Über „Stock und Stein“, durchs Gebirge, durch die Kalkstein-Welten der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, die wunderbar anzusehen und dem Menschen gegenüber grausam sind. So, wie es die Menschen ihrerseits gegenüber dem Außenseiter.
Valjean ist in der Person von Grégory Gadebois ein alter Mann (was er nach knapp zwei Jahrzehnten im Gefängnis nicht sein müsste – in früheren Verfilmungen hatte er noch eine Art Kino-Attraktivität, die hier fehlt). Er wandert und wandert und weiß eigentlich nicht, wohin. Er weiß nur, dass niemand mit ihm zu tun haben will.

Nun kennt man die Geschichte, die vom Autor / Regisseur hier auf die Begegnung mit dem Bischof Bienvenu Myriel verkürzt wird. Und solange dieser Valjeans Gegenspieler oder eigentlich Partner ist, ist er genau so interessant und wichtig wie dieser. Warum erbarmt er sich als Einziger des Mannes, den niemand in seiner Nähe haben will? Man weiß es nicht, aber der grandiose Bernard Campan wirkt nicht wie der brave Priester, der einfach die ihm auferlegte christliche Nächstenliebe ausführt, dazu ist seine Ausstrahlung viel zu intellektuell. Wobei er, wenn er Valjean aufnimmt, gegen seine Schwester (Isabelle Carré) und seine energische Magd (Alexandra Lamy) handelt, die dem Fremden mit dem klassischen Mißtrauen gegenüber stehen und ihn auf jeden Fall fortweisen würden.
Für diesen Priester jedoch scheint es sich möglicherweise um ein „heiliges Experiment“ zu handeln, ein Kampf um die Seele eines verbitterten, vielleicht verlorenen Menschen. Die Absicht, Valjean zu retten, führt er weiter, wenn jeder andere es abgebrochen hätte – als Valjean, keine Dankbarkeit zeigend, ihn noch bestielt. Warum der Priester ihm wieder verzeiht – das sind die großartigen Wendungen des Romans, über die man immer wieder nachdenken kann.
Hier jedenfalls begreift man, was es auch für Valjean bewirkt. Denn dieser ist harten Herzens und voll Wut auf die Menschheit aus dem Gefängnis (schlimmer noch, aus den grausamen Steinbrüchen – gedreht iin den Ockersteinbrüche von Bruoux) gekommen. Und lernt nun, dass es auch anderes menschliches Verhalten gibt als jenes, das er gnadenlos erfahren hat.
Es ist in einem Film, der (die Natur ausgenommen) auf jeden äußeren Aufwand verzichtet, ein Kampf zweier Männer, ausgetragen von zwei Schauspielern, denen bewundernd zuzusehen man nicht müde wird.
Renate Wagner

