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Film: LEID UND HERRLICHKEIT

21.07.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 26. Juli 2019
LEID UND HERRLICHKEIT
Dolor y Gloria / Spanien / 2019
Drehbuch und Regie: Pedro Almodóvar
Mit: Antonio Banderas, Penélope Cruz, Asier Etxeandia, Leonardo Sbaraglia u.a.

Berühmtheit macht auch Fans nicht blind: Pedro Almodóvar hat grandiose Filme gedreht, aber auch weniger gute. Ungeachtet dessen ist er einer der wichtigsten Regisseure Europas, er ist die filmische Stimme Spaniens, so wie Ingmar Bergman einst die filmische Stimme Skandinaviens war. Heuer im September wird Almodóvar 70, und er hat nun, im Alter, einen seiner persönlichsten und schönsten Filme gedreht. Es geht um seine Kindheit und seine über alles geliebte Mutter, es geht um seine Homosexualität, es geht um die seelischen und körperlichen Beschwerden des Alterns – und um sein Selbstgefühl als Regisseur.

All das ist zusammen gepackt zwischen zwei Worten: „Dolor y Gloria“, auf Deutsch „Leid und Herrlichkeit“ genannt, man hätte auch „Schmerz und Ruhm“ sagen können, es wäre genau so richtig. Um die Mischung geht es, wenn auch der Schmerz zu überwiegen scheint in diesem Rückblick auf das Leben eines nun alten Mannes, dessen Erfahrungen sich in zugegeben hohem Maße mit denen des Regisseurs decken dürften.

Es ist die Gegenwarts-Handlung, die den Film trägt – die Zustandsschilderung des alternden, von körperlichen Schmerzen geplagten, auf seinen Depressionen dahinschwebenden, ehemals berühmten Regisseurs. Die Meisterleistung von Antonio Banderas (als der hier „Salvador Mallo“ genannte Regisseur) trägt die Handlung, ist von milder Müdigkeit, tiefer Erkenntnis, leiser Trauer. Die Resignation dieses Mannes scheint nicht zu brechen, und doch… am Ende dreht er wieder einen Film. Diesen. Die Szenen, die man als Rückblende auf seine eigene Kindheit erlebt hat, werden als Filmszenen nach Mallos Drehbuch kenntlich gemacht. Pedro Almodóvar hat Dichtung und Wirklichkeit, hat viele Ebenen des Bewusstseins wunderschön verschachtelt.

Der kranke Mann, der sich am liebsten nicht aus seiner bunten Wohnung rührt, wird von einer alten Haushälterin und einer Sekretärin / Agentin (Nora Navas) betreut, ohne dass er sich von ihnen ins Leben zurück holen lassen will. Und doch klopft die Außenwelt in Form seiner Vergangenheit an: Einer seiner alten Filme soll in einer Retrospektive vorgestellt werden. Bei einer Begegnung mit einer Schauspielerin aus seiner Zeit (Cecilia Roth) – auch sie spricht vom Alter, davon, einfach alles anzunehmen, was man ihr bietet -, kommt die Rede auf seinen ehemaligen Hauptdarsteller Alberto Crespo (durch und durch originell: Asier Etxeandia). Sie haben sich damals böse zerstritten, seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen – aber nun sucht Mallo Wiederbegegnung und Versöhnung. Das führt dazu (und dieser Teil des Films ist angeblich nicht autobiographisch), dass Mallo von Crespo in die Welt des Heroins eingeführt wird, dem er nach und nach verfällt… Aber es führt auch dazu, dass er dem Schauspieler für einen One-Man-Theaterabend einen autobiographischen Monolog überlässt.

Und bei einer Vorstellung sitzt ein Mann im Zuschauerraum, Federico (Leonardo Sbaraglia), Mallos ehemaliger Geliebter, den er verlassen hat, weil er ihn aus seiner Drogenabhängigkeit nicht erlösen konnte. Das Wiedersehen der beiden soignierten älteren Herren  – Federico führt heute ein „bürgerliches“ Familienleben mit Frau und Kindern in Buenos Aires – ist durchtränkt von den Gefühlen, die diese Männer einst für einander gehegt haben, und das teilt sich mit schier unglaublicher Intensität und gegenwärtiger Lebendigkeit mit.

Wenn aber als vielleicht wichtigster Handlungsstrang des Films immer wieder in Mallos Kindheit zurück geblendet wird (Asier Flores ist der hinreißende Salvador als Kind), dann geht es um vieles: zu zeigen, dass Armut ein Schicksal ist, aber kein unausweichliches, sondern dass man sich mit der Intelligenz des kleinen Jungen daraus befreien kann; klar zu machen, wie die Lust am eigenen Geschlecht schon aus der Begegnung mit dem jungen Arbeiter Eduardo (César Vicente) abgeleitet werden kann, dem der kleine Junge Lesen und Schreiben beibringt. Und im übrigen geht es um die Mutter.

Pedro Almodóvar hat zwar vor 20 Jahren einen Film mit dem Titel „Alles über meine Mutter“ gedreht, aber das war nicht seine Geschichte. Wie er diese Frau liebte, was er ihr verdankte, das zeigt er hier. Im Leben des Kindes Salvador schwebt Penélope Cruz als wahres Märchengeschöpf über die Leinwand, so unglaublich schön, liebenswert, dabei resolut und erdverbunden, das schwere Schicksal mit scheinbarer Leichtigkeit schulternd – eine Mutter, wie ein Sohn sie nur erträumen kann. Die alte Mutter dann (beklemmend herrlich: Julieta Serano) macht klar, dass sie auf den Sohn zwar stolz war, aber doch nicht wirklich glücklich mit seiner Karriere – was sollten die Nachbarinnen sagen, wenn sie sich in seinen Filmen wieder erkannten? Allein hier klaffen die Welten auseinander, wird gezeigt, was Salvador hinter sich gelassen hat. Er hat seine Mutter bis in ihren Tod begleitet – und kaum jemand hat seiner Mutter ein ergreifenderes und dabei so völlig unkitschiges Denkmal gesetzt wie Pedro Almodóvar…

Was macht diesen Film so unvergleichlich? Dass Almodóvar mit einem unerschütterlichen Blick der Liebe auf die Menschen seines Lebens zurückblickt. Die Liebe atmet aus jeder Szene dieses Films, der nicht schöner und beglückender hätte ausfallen können.

Renate Wagner

 

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