
Derzeit bei Netflix
JAY KELLY
ISA / 2025
Drehbuch und Regie: Noah Baumbach
Mit: George Clooney, Adam Sandler u.a.
Die armen, armen Filmstars…
Man mag eine noch so glanzvolle Filmkarriere gehabt haben – mit 60 und mehr wird die Situation in der Branche nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer kritisch. Zumal für solche, die zwar immer ambitioniert auftraten, aber doch vor allem in die Kategorie „schöner Mann“ abgeschoben wurden.
Für George Clooney gab es schon lange keine Schlagzeilen und wirklich bemerkenswerte Rollen mehr. Umso größer das Aufsehen, dass er nun eine spektakuläre Titelfigur verkörpert – Jay Kelly, einen Superstar des Kinos in der Krise. Nun prophezeit jedermann den „Oscar“, der ihm im Grunde noch fehlt, obwohl er zwei hat. Aber der Nebenrollen-„Oscar“ ist ja doch nicht der Richtige, und als einer von drei Produzenten die Statuette für den besten Film zu bekommen… so richtig glanzvoll ist das für eine Hollywood-Karriere nicht.
Aber da ist nun Jay Kelly. Kinobesucher können den Film hierzulande nicht sehen, aber für Netflix-Abonnenten ist er im Programm, und Netflix gibt solche Filme in den USA ein paar Tage in die Kinos, damit sie als „Spielfilme“ beim „Oscar“ mitkämpfen können. Für den „besten Film“ wohl nicht, dazu ist die Sache, die Regisseur Noah Baumbach wieder einmal selbst geschrieben hat, ein wenig zu glatt und auch immer wieder am Kitsch balancierend. Aber Clooney könnte es schon schaffen.
Er spielt einen Superstar, der plötzlich Identitätsprobleme bekommt. Als bestünde sein Leben nur aus einer Reihe von Filmen und weiter nichts. Wie so viele seinesgleichen hat er im ehrgeizigen Hetzen nach Ruhm (und vermutlich Geld) sein Privatleben in den Sand gesetzt. Zwei Töchter, eine erwachsen, eine etwa ein junger Twen, wollen beide dezidiert nichts mit ihm zu tun haben – hat er sich ein Leben lang nicht um sie gekümmert, brauchen sie ihn konsequenterweise jetzt auch nicht, wenn er spät den Familien-Blues bekommt…
Die Familienszenen sind knieweich, erinnern an die moralischen Zeigefinger amerikanischer Fernsehserien von einst, wo ein Mann immer zuerst ein Daddy sein und seinen Beruf hintan stellen musste. Was viele, sehr viele Männer nicht getan haben.
Clooney spielt Krise, Verlorenheit, Gesicht-Wahren in der Öffentlichkeit, hinunter geschluckte Enttäuschungen, am Ende auch ein paar Tränchen so gut, wie es ein guter Schauspieler kann. Ein bißchen vordergründig vielleicht, aber das mag an Regisseur Noah Baumbach liegen, der stets sowohl in seinen Drehbüchern wie in seiner Regie eher dick aufgetragen als subtil agiert hat. Aber, wie man weiß: Subtil müssen Leistungen, die mit dem „Oscar“ belohnt werden, nicht sein. Es reicht, dass man Clooney dafür bewundern wird, die Falten eines Mitt-Sechzigers einigermaßen überzeugend „uneitel“ in die Kamera gehalten zu haben.

Das Problem des Mannes, der für seine Karriere sein Privatleben verkauft, wiederholt sich an der Figur seines Managers Ron, gespielt von Baumbachs Lieblingsdarsteller Adam Sandler. Sehr gut, weil weniger aufdringlich, zerreißt er sich (allerdings für 50 Prozent von dessen Einkünften) für den Star, den er von einem Ereignis zum anderen, von einem Film zum nächsten hetzt. Die eigene Familie, die er kaum sieht, versorgt er am Telefon mit flüchtigen Liebeserklärungen… So viel zu Hollywood. Tiefer in die Branche hinein will der Film nicht schürfen, es geht um die Einzelschicksale, nicht um Analyse.
Einen Schwerpunt, der Jay Kelly gleich zu Beginn aus seinem ohnedies schon schwankenden inneren Gleichgewicht bringt, setzt die Begegnung mit einem Jugendfreund, der es nicht geschafft hat und ihm die Schuld gibt – da speit Billy Crudup geradezu brillant Neid und Wut und Haß.
Dann bietet die Geschichte eine relativ originelle Hetzjagd, die darin besteht, dass Jay Kelly nicht ertragen kann, dass seine jüngere Tochter nicht in den Ferien bei ihm bleibt, sondern mit ihren Freunden nach Italien fährt. Also auch nach Italien, schließlich widmet man ihm irgendwo in der Toskana einen Tribut bei einem Filmfestival. Wie der stets von dem Alltag abgeschirmte Star in einen ganz normalen italienischen Zug mit ganz normalen Leuten gerät (die ihn natürlich alle von den Leinwand her kennen), das hat komische Elemente.
In einer Nebenrolle, die nur wir beachten, weil wir Lars Eidinger kennen, darf dieser als Verrückter durch die Abteile rennen, eine Handtasche stehlen und von Jay „heldenhaft“ verfolgt werden…
Nachdem in zahlreichen Rückblenden allerlei Herzzerreißendes aus Jays Jugend gezeigt wird, wo Frauen und Töchter durch die Erinnerungen wehen, nachdem Agent Ron ihn fast verlassen hätte und dann doch mit ihm zu dem Festival geht, wo Jay angesichts eines Zusammenschnitts seiner Filmszenen ein paar Tränen zerdrückt – bleibt man mit der Erkenntnis zurück, was für arme Hunde diese reichen und berühmten Stars wohl sind, deren Identitäten offenbar nur aus Rollen auf der Leinwand besehen.
Immerhin, angesichts von George Clooney wird man sicher künftig an „Jay Kelly“ denken…
Renate Wagner

