
Filmstart: 25. Juni 2026
INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR
Deutschland / 2026
Drehbuch und Regie: Regina Schilling
Mit: Sandra Hüller, Dokumentationsmaterial über Ingeborg Bachmann
Die Krankengeschichte
einer Überspannten?
Ingeborg Bachmann, geboren vor hundert Jahren, gestorben vor 53 Jahren, wurde schon zu ihren Lebzeiten immer wieder vor Kameras geholt. Vor allem in ihrer Jugend war sie als Lyrikerin eine Sensation, die es sogar auf das Titelbild des „Spiegels“ brachte (und das bedeutete damals etwas!). Mag auch ihr Schicksal als Frau ein Teil ihres Problems gewesen sein, es hat ihr auch zu viel Publicity verholfen.
Und sie wurde – abgesehen von den autobiographischen Bezügen, die in der Verfilmung ihres Romans „Marlina“ auftauchen – auch Heldin von Spielfilmen, Ruth Beckermann arbeitete in „Die Geträumten“ (2016) die Beziehung zu Paul Celan auf, Margarethe von Trotta in „Reise in die Wüste“ (2023) die Beziehung zu Max Frisch. Volker Schlöndorff hatte bereits „Montauk“ von Frisch (über seine Affäre mit der Bachmann) als Vorlage für einen Film (2017) genommen. Alles Bachmann… Nun gibt es zum Hunderter die Semi-Dokumentation von Regina Schilling, die Dokumentarmaterial mit Spielszenen mixt.
Dazu sieht man gleich zu Beginn die Regisseurin, die quasi ein Bittgesuch bei Deutschlands Star fürs Anspruchsvolle, Sandra Hüller, einreicht. Sie seien doch beide lebenslang vom Werk der Bachmann begleitet, Sandra müsse Ingeborg in ihrer letzten Lebenszeit verkörpern, eine Wohnung, die jener der Dichterin in Rom ähnle, sei schon gefunden.
Und so geschieht es auch, ohne dass besondere optische Ähnlichkeit intendiert würde (wie Vicky Krieps sie in dem Trotta-Film durchaus erreicht hat). Tatsächlich sind die Hüller-Szenen in dem Bachmann-Film schlechtweg seltsam überflüssig, wenn man sie hört, spricht sie Bachmann-Texte aus dem Off, sonst ist sie pantomimisch an der Schreibmaschine oder im Auto in Rom unterwegs, mit einigen dramatischen Zuckungen, deren Sinn nicht immer einzusehen ist. All das bringt zur Bachmann-Geschichte eigentlich nichts und erweckt bloß den Eindruck, dass hier einfach mit einer renommierten Schauspielerin geworben werden soll…
Es gibt erstaunlich viele O-Töne von Ingeborg Bachmann, die, kaum bei der Gruppe 47 entdeckt und als außerordentliche Lyrikerin gepriesen, gewissermaßen als Privatperson immer im Fokus des Interesses stand. Die Autorin / Regisseurin hat allerdings für die großen Beziehungen der Dichterin wenig übrig – ein Minimum Paul Celan, Hans Werner Henze darf selbst kurz berichten, und der wichtigste Mann in ihrem Leben, vier Jahre lang, Max Frisch, sagt zwei Worte, und dann ist die Beziehung auch schon vorbei.
Das Hauptaugenmerk von Regina Schilling richtet sich auf die Dichtungen, über welche die Bachmann erstaunlich viel gesprochen hat, wenn auch nicht eben kristallklar in ihren Antworten, liegt aber den Schwerpunkt vor allem auf das Krankheitsbild einer Persönlichkeit , die im Vierteljahrhundert ihrer Berühmtheit auch optisch verfallen ist und deren körperliche Leiden wohl die seelischen Anspannungen der Dichterin und der von den Männern enttäuschten Frau reflektierten. Es gibt zahllose komplette Biographien und Einzeluntersuchungen über die Bachmann, man weiß also, wie wenig es einem Menschen, der so intelligent und gebildet war wie sie (wohl aber auch verschroben eingesponnen in ihre Schreib-Welt), gelungen ist, in Beziehungen ihrer Emotionen Herr zu werden. Dass ihre Leiden hoch gepriesene Literatur wurden, sichert ihren Nachruhm, hat ihr Leben aber kaum erleichtert.
Dennoch hat man, wenn man ein bißchen mehr über die Bachmann weiß, den Eindruck, dass sich die Autorin / Regisseurin nur sehr partiell für Ingeborg Bachmann interessiert hat als viel mehr dafür, mit der Star-Power von Sandra Hüller einen „interessanten“ Film zu machen, der notabene viel Beachtung findet. Dabei ist er gar nicht so sonderlich interessant…
Renate Wagner

