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Film: IM HERZEN JUNG

01.08.2023 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 4. August 2023
IM HERZEN JUNG
Les Jeunes Amants  / Frankreich 2021 
Regie: Carine Tardieu
Mit: Fanny Ardant, Melvil Poupaud, Cécile de France u.a.

Das Thema ist so heikel, dass man seine Behandlung mit einem künstlerischen Seiltanz vergleichen kann – ein falscher Schritt, und man stürzt ab. Dass das Endergebnis dann doch überzeugt, ist das Erstaunliche an dem Film „Im Herzen jung“, den die Regisseurin Carine Tardieu als Projekt von der verstorbenen Filmemacherin Sólveig Anspach „geerbt“ und dieser gewidmet hat. Anspach wollte eine Geschichte erzählen, die ihre über 70jährige Mutter erlebt hat – die Liebe zu einem wesentlich jüngern Mann – jenseits der Klischees des Hässlichen, die sich an solche Beziehungen oft knüpfen.

Gut, es ist nicht Harold und Maude, der Schuljunge und die Greisin, aber es ist eine 70jährige pensionierte Architektin, Shauna („Ich bin kein weiblicher Architekt“, sagt sie, „ich bin Architektin“), und ein Vierteljahrhundert jüngeren Arzt namens Pierre, die einander regelrecht „in Liebe verfallen“. Nun ist Fanny Ardent, Jahrgang 1949, eine nach wie vor attraktive Frau, die nicht in dem Sinn als „alt“ einzustufen wäre, dass sie aus der Reihe der sexuell attraktiven Frauen ausscheiden würde. (In „8 Frauen“ haben sie und Catherine Deneuve den Jüngeren gezeigt, was Kaliber ist) Aber es geht zwischen Shauna und Pierre (der wunderbar sensible Melvil Poupaud) nicht nur um Sex, sondern um wirkliche Liebe, um jene Verfallenheit, die ohne den anderen nicht sein möchte.

Aber kein Mensch lebt allein auf der Welt, und die Geschichte ist sorglich eingebettet, in den Umkreis von Shauna mit Tochter und Enkelin, vor allem in den von Pierre mit der „betrogenen“ Gattin und seinen Kindern. Gezeigt wird auch, wie irritiert die gemeinsamen Freunde (Sharif Andoura als Georges) angesichts der Situation sind – eine Irritation, die eine andere wäre, handelte es sich bei dem (äußerlich betrachteten) „Seitensprung“ nicht um eine 70jährige, sondern um eine 17jährige…

Pierre, seine Frau und Georges sind Ärzte, man hat sich vor 15 Jahren am Sterbebett von Shaunas Freundin, die auch Georges Mutter war, kennen gelernt, und das Berufsleben spielt immer auch in die Geschichte hinein  – etwas, das Filme, die sich um „Herzensangelegenheiten“ ranken, oft ausblenden, was hier aber eine große Rolle spielt. Zumal Krankheit und Tod allgegenwärtig sind, nicht zuletzt, wenn Shaunas Parkinson immer schlimmer wird…

Dass dergleichen in ein Melodram abrutschen kann (und nur durch sensibelste Regie- und Schauspielkunst im Schach gehalten wird) ist klar. Zumal Shauna, wie es sich gehört, Pierre „frei geben“ will – aber dessen Gattin (die herrliche Cécile de France, ganz anders als ihr sonstiges charmantes Selbst in einer Studie fassungsloser Verzweiflung) sie schließlich bitten muss, die Beziehung zu Pierre wieder aufzunehmen, weil dieser sonst zugrunde ginge…

Das ist kein triefendes Happyend, das ist ein erwachsenes Umgehen von Gefühlen, abseits von den Kleinlichkeiten der Besitzansprüche und egoistischen Beziehungskisten, wie man sie kennt. Dabei ist der Film kein grundlegendes Plädoyer für „Liebe im Alter“, nur ein Fall, der zeigt, dass sie möglich ist.

Renate Wagner

 

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