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Film: HOT AIR

03.09.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 6. September 2019
HOT AIR
USA / 2019
Regie: Frank Coraci
Mit: Steve Coogan, Neve Campbell, Taylor Russell u.a.

Eben erst ist Emma Thompson als sehr unangenehmes amerikanisches Medien-Monster auf der Leinwand erschienen, nun bietet Steve Coogan als Lionel Macomb eine ähnliche Studie an. Er ist allerdings ein Radiomann und ein superscharfer dazu, offen und schamlos rechtsradikal, einer, den Donald Trump loben und anhören würde, gäbe es ihn wirklich (kein Zweifel, dass genügend von seinesgleichen in USA vor Radiomikrophonen sitzen).

Coogan, der jetzt auf Charakterrollen setzt (in „Stan & Ollie“ war er ein herausragend verbiesterter Stan Laurel), braucht in diesem Film von Frank Coraci (bisher meist mit billigen Komödien unterwegs, hier ein bisschen griffiger) nicht lange, um einen überzeugend miesen Kerl hinzustellen. Man wundert sich nur, dass dieser Lionel in Gestalt von Valerie (überzeugende Herzlichkeit und Menschlichkeit: Neve Campbell) eine wirklich liebenswerte Partnerin hat.

Nun hat Lionel Macomb das klassische Problem, dass er nicht jünger wird und dass die Konkurrenz mit verlogenem Lächeln und noch verlogeneren Sprüchen gnadenlos nachdrückt. Aber so richtig turbulent wird es, als ein farbiger Teenager sich mit einem miesen Trick in Lionels Appartement schwindelt und ihn vor die Tatsache stellt, seine Nichte zu sein.

Sie ist es wirklich, aber das rührt Lionel nicht im geringsten, vor allem, da er sich nur vorstellen kann, dass sie Geld von ihm will. Außerdem hat er weder mit ihrer Mutter, seiner Schwester, noch mit der eigenen Mutter je etwas anfangen können. Nach und nach stellt er sich als schwer familiengeschädigt heraus, war er doch einmal ein „white trash scared little kid“, das ohne Hilfe seinen Weg machen musste. Da kann man schon hart und kalt werden…

Die 16jährige Temperamentsbombe Tess (Taylor Russell) lässt sich allerdings nicht so leicht abwimmeln, setzt erfolgreich darauf, dass auch der hartherzigste Onkel sein eigenes Fleisch und Blut nicht auf die Straße schickt, zumal sie sich als ein ziemlich gescheites, redegewandtes Geschöpf herausstellt – und in Lionels Gefährtin Valerie eine starke Unterstützerin hat.

Die Dramaturgie einer Geschichte, die so angelegt ist, kann man mühelos weiter erzählen, und im großen und ganzen stimmt es auch. Der bösartige und scharfzüngige Lionel (immerhin versteht man, dass er von Tess verlangt, sich ordentlich zu benehmen) wird zwar nicht allzu freundlich und sanft – aber wenn Tess in unerschütterlicher Loyalität wieder zu ihrer kurzfristig trocken gelegten, grundsätzlich alkoholkranken Mutter zurück geht, ist er gebührend beeindruckt und sogar leicht gerührt. Wenn man nicht an das Gute im Menschen glaubt – und es vom Drehbuch dermaßen hingeknallt bekommt…

Ein bisschen Grimmigkeit gibt es, wenn der Konkurrent eine eigene Sendung bekommt, ihn gesprächsweise hereinlegt und Lionel dem amerikanischen Volk eine wahre Brandrede über ihre schlechten Eigenschaften hält, aber sonst schleicht sich die Sentimentalität unangenehm ins Geschehen. Und wenn Steve Coogan nicht wäre, wüsste man wenig mit dem Film anzufangen, der sein eigentlich interessantes Thema – wie ein Mann seine rechtsradikalen Ansichten verteidigt und vor sich selbst rationalisiert – weitgehend verschenkt.

Renate Wagner

 

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