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Film: HARRIET

07.07.2020 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 9. Juli 2020
HARRIET
USA / 2019
Regie: Kasi Lemmons
Mit: Cynthia Erivo, u.a.
Prädikat wertvoll

 

 

 

 

Keine Frage, dass „schwarze“ Schicksale noch nicht „auserzählt“ sind, zu vieles ist geschehen, und im Zeitalter von #BlackLivesMatter ist die Akzeptanz für die Aufarbeitung ehemaligen Unrechts noch größer geworden. Allerdings steht die gute Absicht allein nicht unbedingt für die künstlerische Qualität der Darbietung– die Kindertränen, die wir schließlich schon über „Onkel Toms Hütte“ geweint haben, sollen nun angesichts des Schicksals von Harriet Tubman (ca. 1820 – 1913) erneut vergossen werden, die immerhin eine historische Persönlichkeit war. Sie hat, als erfolgreich geflohene Sklavin, Leidensgenossen bei der Flucht geholfen, bis der Amerikanische Bürgerkrieg (1861 bis 1865) zumindest offiziell die Sklaverei beendete… Dass ihr Leben, dass ihre Taten heldenhaft waren, daran besteht kein Hauch von Zweifel.

Harriet heißt eigentlich Araminta Ross, genannt „Misty“, und gehört einem Plantagenbesitzer in Maryland. Dass ihr Gatte John (Zackary Momoh) von Rechts wegen ein freier Mann ist, ändert nichts an ihrem Status. Und die Lage der Sklaven wird noch schlimmer, als der alte Herr stirbt und Sohn Gideon Brodess (Joe Alwyn) das Anwesen übernimmt, wobei er sich wie ein wahrer Teufel aufführt. Das Papier, das Harriet besitzt und das ihr die Freiheit verspricht, zerreißt er einfach. In der Folge hat er es auf sie besonders abgesehen.

Feig durfte man nicht sein, wenn man versuchte, dieser Welt zu entkommen, denn man wusste, dass man mit aller Brutalität und Rücksichtslosigkeit verfolgt und gegebenenfalls bestraft würde. Es gab Sklavenjäger wie Walter (Henry Hunter Hall), deren Job darin bestand, Flüchtlinge wieder einzufangen. Andererseits gab es damals auch schon Hilfsorganisationen, an die sich Geflohene wenden konnten. Als sie die Südstaaten hinter sich bringt, bekommt die Sklavin Hilfe von William Still (Leslie Odom Jr.) und vor allem der Bordell-Besitzerin Marie Buchanon (Janelle Monáe), nachdem die Damen einander beschnuppert und ähnliche Kräfte in der anderen festgestellt haben.

Aber Harriet, wie sie sich als selbst befreite Frau nun nennt, kann es nicht dabei belassen, selbst gerettet zu sein. Göttliche Eingebungen (Visionen) befehlen ihr mehr: Nun wird das, was die historische Harriet unter blanker Lebensgefahr für sich und ihre Schützlinge ausführte, nämlich der Rettung entflohener Sklaven aus den Südstaaten, ein bisschen zur Abenteuer-Geschichte. Etwas flach ist auch die Brandrede gegen die Sklaverei, die sie am Ende halten darf… Zeigefinger-Kino, wie man es kennt.

Dieser Film von Regisseurin Kasi Lemmons ist ein klassisches Biopic, das gern ein bisschen aufdreht und mehr auf Emotion und Effekt setzt als auf ehrlich-klare Betrachtung der Situation. Andererseits wusste sie wohl, dass sie mit einem solchen Film mehr Publikum erreicht.

Was die Hauptdarstellerin betrifft, so gibt es wohl nichts, zu dem den Sozialen Medien nicht ein Hashtag einfällt. Zu #NotMyHarriet schwangen sich – ja, wer eigentlich? Stolze Amerikaner? Gegner des Films auf, weil Hauptdarstellerin Cynthia Erivo keine Amerikanerin war, sondern Britin und in ihrer Heimat auch noch als Musical-Sängerin bekannt. So what? Ihre Harriet kann zwar immer wieder eine entschlossene Leidensmiene nicht unterdrücken (wie auch, bei diesem Schicksal), aber den Weg von der gedemütigten und, wie es scheint, chancenlosen Sklavin zu der Frau, die nicht nur ihr Schicksal in die Hand nimmt, geht sie darstellerisch bemerkenswert überzeugend und beeindruckend intensiv. Für eine „Oscar“-Nominierung als „Beste Hauptdarstellerin“ heuer hat es gereicht. Dann hat die „schwarze Karte“ doch nicht ausreichend getrumpft und man entschied sich für die tränenselige Judy Garland der Renée Zellweger. Nicht ganz gerecht, wenn man die beiden Leistungen vergleicht…

Renate Wagner

 

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