Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Film: HAMNET

Shakespeare in Tears

19.01.2026 | FILM/TV, KRITIKEN

film hamnet xxp est lakatt t

Filmstart: 22. Jänner 2026
HAMNET
USA  /    2026
Regie:
Chloé Zhao
Mit: Jessie Buckley, Paul Mescal,. Emily Watson u-a-
Prädikat:  Wertvoll

Shakespeare in Tears

Wer erinnert sich nicht an die wunderschöne „Shakespeare in Love“-Geschichte, die sich (der mittlerweile verstorbene) Tom Stoppard einst ausgedacht hat? Kaum zu toppen, dieser Film von 1998. dachte man damals. Heute weiß man, dass es einen genau so schönen, genau so gelungenen Film gibt, den man mit „Shakespeare in Tears“ charakterisieren könnte – die unendlich traurige Geschichte um den Verlust seines kleinen Sohnes Hamet und den Versuch, dies mit der Kreation von „Hamlet“ zu bewältigen…

Keine wahre Geschichte natürlich, denn bekanntlich hat es William Shakespeare der Nachwelt so schwer gemacht, etwas über ihn zu wissen, dass sogar immer wieder bezweifelt wird, dass es ihn gegeben hat – vielmehr, ob der Schauspieler Shakespeare auch der Verfasser dieser Stücke war, die einen wahren Kosmos an Themen, Problemen. Menschlichen Höhepunkten und Abgründen  und auch Wissen der Zeit vermitteln.

Wo man nichts Genaues weiß, kann man allerdings  hemmungslos erfinden, und das hat die Romanautorin Maggie O’Farrell mit ihrem Roman „Hamnet“ erfolgreich getan. Und sie hat auch für die chinesischstämmige Regisseurin Chloé Zhao ein ungemein sensibles Drehbuch geschrieben.

film hamnet nn titel t

Der Film hebt mit berauschenden Bildern einer Waldlandschaft an. Wenn sich die Kamera vom Himmel zur Erde senkt, sieht man eine junge Frau zusammen gerollt in einer Baumhöhle liegen. Als sie erwacht, spürt man ihre unglaubliche Verbindung mit der Natur – solche Geschöpfe werden damals, man schreibt das Jahr 1580, gerne als Hexen bezeichnet.

Aber eine so besondere Frau ist für einen besonderen Mann bestimmt – Will Shakespeare, unwilliger Lehrer in der Kleinstadt Stratford-Upon-Avon. Der Mann, der einmal Schauspieler und Dramatiker sein wird. Zuerst aber verliebt er sich in diese Agnes (wie die Gattin hier heißt, die in der Literatur als „Anne Hathaway“ geführt wird). Und so, wie die Naturszenen kein Kitsch waren, so gelingen Liebe, Ehe, Kinder der Regisseurin mit einer Sensibilität, die das Publikum völlig gefangen nimmt. Das Herz geht einem auf, wenn Will mit seinem kleinen Sohn Hamnet herumtollt und ficht, und das ist nicht niedlich und herzig, sondern einfach wunderbar echt.

Dann muss man zusehen, wie es Will immer wieder nach London zieht, um als Schauspieler und Dramatiker zu  arbeiten, und seine Familie (es gibt noch zwei Töchter) zurück lässt. Angelpunkt des Geschehens ist es, wie Agnes daran verzweifelt, dass Söhnchen Hemnet, elf Jahre alt, ihr an der Pest unter den Händen wegstirbt. Dass Will zu spät kommt, nur noch an der Leiche steht, ist eine Wunde, die Agnes nicht schließen kann und die die Beziehung schwer beschädigt, so sehr Will die Gattin auch liebt.

Die Grundidee des Romans besteht nun darin, dass William Shakespeare einige Jahre nach Hamnets Tod sein „Hamlet“-Stück schreibt. Das letzte Drittel des Films besteht in der Uraufführung dieses „Hamlet“ im Globe-Theatre, wozu Agnes zum ersten Mal in ihrem Leben nach London kommt. Sie steht, wie die meisten Zuschauer, vor der Bühne, ist anfangs erschüttert, dass ihr Mann den Namen des Sohnes verwendet hat, erschrickt über die Ähnlichkeit des jungen Hamlet-Darstellers mit dem Verstorbenen, und begreift dann Schritt für Schritt, was hier geschieht – dass Will in der Rolle des Geists von Hamlets Vater den Sohn zum Leben erweckt hat, dass er ihm ein Schicksal gegeben hat, dass er ihn einen jungen sinnlosen Tod sterben lässt… und dass sein Hamnet als Hamlet unsterblich sein wird.

Am Ende weiß Agnes nicht, ob sie lachen oder weinen soll vor innerlicher Bewegung, als sie plötzlich ihren kleinen Sohn auf der Bühne zu sehen meint, der ihr zulächelt, und wenn es dem Kinobesucher zwischen Glück und Tränen genau so geht, ist das keine Schande.

film ganbet ccc sie sie

„Hamnet“ bekam nicht nur den „Golden Globe“ als bester Drama-Film, die Statuette ging auch an Hauptdarstellerin Jessie Buckley, deren Agnes Intensität und Selbstverständlichkeit verbindet, keine Minute lang die theatralische Nummer von Liebe, Glück und Tragik abziehend, wie man es so oft vorgesetzt bekommt. Diese ruhige Selbstverständlichkeit ist auch Paul Mescal als Shakespeare zu eigen, dem man Liebe und Gefühl, aber ebenso Intellekt und Problematik glaubt.

Unter den Nebenrollen ragt Emily Watson als Wills Mutter hervor, und die Regissseurin kann noch mit einer Besonderheit aufwarten: Klein Hamnet und der junge Hamlet-Darsteller werden von den Brüdern Jacobi und Noah Jupe verkörpert, was die stupende Ähnlichkeit erklärt…

Menschen sind sterblich, die Kunst ist es nicht. Hamlet ist ewig. Eine einfache Aussage als Resümee eines besonders schönen Films.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken