Filmstart: 23. Juli 2026
H WIE HABICHT
H Is for Hawk / GB / 2026
Regie: Philippa Lowthorpe
Mit: Claire Foy, Brendan Gleeson, Denise Gough, Lindsay Duncan u.a.
Trauerarbeit zum Zweiten
Vor kurzem erst sah man in einem französischen Film, wie ein Vater, der seinen jungen Sohn verloren hat, mit einem Freund auf Fahrrädern quer durch ganz Europa radelt, um der letzten Reise des Verstorben zu gedenken – eine wahre Geschichte des Regisseurs und Hauptdarstellers („Auf zwei Rädern“ von Mathias Mlekuz).
Verlust tritt in jedes Menschenleben ein, ist deshalb ein so ewiges Thema. Auch der Roman „H is for Hawk“ der Autorin Helen MacDonald, der 2014 zum Bestseller wurde, erzählt davon, dass ein über alles geliebter Mensch gegangen ist und die Tochter den Verlust des Vaters scheinbar nicht überwinden kann.
Bis der titelgebende „Hawk“ also Habicht, einen Weg weist. Im Film taucht er als mitspielende „Person“ nach etwa einer halben Stunde auf. Bis dahin hat man Helen als schwungvolle Dozentin im Jahr 2007 in Cambridge kennen gelernt und eine Ahnung von ihrer besonderen, intensiven Beziehung zu ihrem Vater bekommen. Alisdair MacDonald ist ein großartiger Fotojournalist und vor allem ein großer Naturliebhaber, was er seiner Tochter vermittelt. Endlos können die beiden durch die Wälder streifen und mit riesigen Guckern die Tiere beobachten. Besonders bewundert Helen den Flug eines Habichtpaares…
Brendan Gleeson spielt diesen Vater, stirbt bald zu Beginn, wird Auslöser der Geschichte, aber dieser wunderbare Schauspieler geht dem Publikum glücklicherweise nicht verloren. Denn Regisseurin Philippa Lowthorpe, die diesen Roman auch als Co-Drehbuchautorin verfilmte, fügt immer wieder ausführliche Rückblenden ins Geschehen, die zeigen, wie besonders dieser Mann und wie begreiflich Helens depressive Verzweiflung nach seinem Verlust war.

Nun, es ist eine wahre Geschichte, man kann also nicht darüber diskutieren, warum Helen MacDonald beschlossen hat, sich als Trauerarbeit einen Habicht zuzulegen und dieses berüchtigt blutrünstige Tier, das sie Mabel nennt, zu trainieren – was nur bedeutet, dass dieser Raubvogel jagt und tötet. Für den Kinobesucher, der das Tier ausführlich in Großaufnahmen vorgeführt bekommt, stellt sich auch noch die Frage, wie man zu einem Lebewesen, das so bedrohlich und beängstigend wirkt, eine solche Beziehung aufbauen kann. Helen geht so weit, mit ihrem Habicht (es sei kein Falke, stellt sie richtig, wenn man sie fälschlich darauf anspricht) auf der Hand durch Oxford zu gehen – wie ein Akt des Trotzes.
Die Geschichte läuft auf zwei Ebenen, der psychologischen, wobei Helen, die immer weniger von ihrer Umwelt wissen will, im Alltag doch ihre beste Freundin und ihre Mutter an der Seite hat, und jene über das Abrichten des Habichts, wovon vermutlich 99,9 Prozent der Menschen keine Ahnung haben.
Hier muss man nun Hauptdarstellerin Claire Foy tatsächlich doppelt bewundern, nicht nur für die Intensität, mit der sie Helens Leid vermittelt, sondern auch für die Tatsache, dass sie schließlich mit dem gefährlichen Vogel „echt“ umgehen musste (ob die davongetragenen Wunden auch echt waren, möchte man nicht hoffen).
Das Ende des Films, der auch von der Heilkraft der Natur erzählt, ist allerdings kein HappyEnd in dem Sinn: „Trauer bewältigt, wieder alles gut“, sondern bleibt besinnlich und fraglich. Und es mag Kinobesucher geben, die angesichts der gnadenlosen Augen und des bedrohlichen Schnabels des Vogels Gänsehaut bekommen haben und dies als den prägenden Eindruck des Films mitnehmen…
Renate Wagner

