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Film: GREEN BOOK – EINE BESONDERE FREUNDSCHAFT

27.01.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 1. Februar 2019
GREEN BOOK – EINE BESONDERE FREUNDSCHAFT
Green Book / USA / 2018
Regie: Peter Farrelly
Mit: Viggo Mortensen, Mahershala Ali u.a.

Das Amerika der Kennedy-Ära ist extrem rassistisch, zumindest in den Südstaaten vor der Bürgerrechtsbewegung. Rassentrennung wird als das selbstverständliche Recht der Weißen angesehen. Wenn sich ein schwarzer Pianist aufmacht, in dieser Region Konzerte zu geben, hat er etwas zu erwarten. Dr. Don Shirley – eine historische Persönlichkeit von Rang in der Musikwelt – weiß das. Möglicherweise sucht er die Konfrontation Ja, das tut er. Allerdings engagiert er zur Sicherheit einen Chauffeur, der gegebenenfalls auch als Leibwächter fungieren kann. Frank „Tony Lip“ Vallelonga ist ein Mann der italienischen Community von New York… er weiß sich jedenfalls zu wehren, wenn es darauf ankommt. Gemeinsam brechen sie auf – in einen der hinreißendsten Filme seit langem.

Wieder einmal eine wahre Geschichte, an deren Drehbuch der Sohn von Vallelonga mitschrieb. Das „The Negro Motorist Green Book“, geschrieben von Victor Hugo Green, war für schwarze Reisende in den Südstaaten in den dreißiger bis sechziger Jahren eine Notwendigkeit, wenn man umweglos Hotels, Tankstellen oder Werkstätten finden wollte, wo Schwarze nicht vor verschlossenen Toren standen. Tony Lip bekommt so ein Buch – denn nur selten wird er im gleichen Hotel schlafen wie sein „Chef“…

Wir lernen sie nacheinander kennen. Tony ist ein dicklicher, primitiver Kerl, der beste „Bullshitter der Bronx“, wie er sich stolz nennt. Don Shirley ist ein Schwarzer von ausgesuchter Eleganz, mit einer Aura hochmütiger Überlegenheit. Das könnten zwei ganz unsympathische Kerle sein. Aber sie haben noch viele andere Eigenschaften, die sie zu runden Menschen machen. Und man liebt sie in kürzester Zeit.

Es gäbe viele Schauspieler, die den Tony Lip mit seinem mafiosen Zuschnitt „echt“ spielen könnten, auf Grund ihrer Herkunft, Physis und Ausstrahlung. Viggo Mortensen, der an sich so schlank, nordisch und intellektuell wirkt, musste eine der klassischen Verwandlungen durchlaufen – so wie Christian Bale in „Vize“ (nein, der ist noch dicker geworden) hat er sich ein gewaltiges Bäuchlein angefuttert, um als bulliger Italiener durchzugehen, hat sich genau angesehen, wie die Mafiosi zwischen Scorsese und den „Sopranos“ ticken, und was er leistet, ist großartig. Aber er spielt die Rolle, in die andere mit Selbstverständlichkeit hineingeschlüpft wären. Dennoch, er bringt alles – das schlichte Gemüt, den Mann, der von keinerlei Bedenken gehindert wird, den Schwarzen zu fahren, wenn dieser ordentlich zahlt, den geistig schlichten, ursprünglichen Kerl, der von der Bildung und Gepflegtheit des anderen nach und nach etwas lernt… Und der zu seinem Deal und seinem Chef mit unerschütterlicher Loyalität steht.

Mahershala Ali, der mit „Moonlight“ ins allgemeine Bewusstsein trat (Nebenrollen-„Oscar“) und für seine Leistung des Dr. Don Shirley bereits den Nebelrollen-„Golden Globe“ bekam, ist der geniale Konzertpianist, der eigentlich Chopin spielen will, aber mit zwei Kollegen (sie fahren in einem Extraauto) große, hoch dotierte Jazz-Sessions veranstaltet, für die er – auch in den Südstaaten – in Konzertsäle, Luxushotels und private Herrenhäuser eingeladen wird. Um dann die Erfahrungen zu machen, auf die man als Zuschauer gewissermaßen schmerzlich wartet, weil sie unvermeidlich ist: Wenn der große Star nicht gerade auftritt, wird er aufs Negerklo geschickt, in eine Bruchbude im Garten… denn dann ist der  geniale Pianist nur noch „just another nigger“.

Anfangs scheint es, als würde der Film sein Thema zu schlicht, zu sehr auf der Hand liegend verkaufen: Der feine Herr, der von sich selbst als „Negro“ spricht (der damalige Sprachgebrauch), bringt dem primitiven Weißen Manieren bei. Aber bald stellt sich heraus, wie differenziert Peter Farrelly als Co-Autor des Drehbuchs und hoch sensibler Darstellerführer als Regisseur das Thema angeht. Wie er dafür sorgt, dass die Erkenntnisse, die man mitnehmen soll, ganz selbstverständlich aus den Erfahrungen erwachsen, die das „seltsame Paar“ im Lauf der Reise macht…

Und natürlich geht es darum, wie sie einander helfen können. Was beide bitter nötig haben. Nicht nur, weil Dr. Shirleys Tonys evidenter Unbildung immer wieder auf die Beine helfen kann und ihm ein paar Manieren beibringt, ob es ums Essen geht oder um seine Ausdrucksweise oder um die Briefe, die er an seine Frau schreibt. Und Shirley lernt durch Tony die Art von Musik kennen, von der er nichts wusste, muss sich ein paar Wahrheiten sagen lassen („Die Welt der Straße, aus der ich komme, ist viel schwärzer als Ihre!“) – und er hatte auch keine Ahnung, dass ein Kentucky Fried Chicken ganz gut schmeckt…

Aber es wird auch echt gefährlich, wenn der Schwarze – absichtlich – ausbüchst und in die zu erwartenden Schwierigkeiten gerät. Es gibt eine großartige Szene, in der zwei weiße Polizisten am Ende beide, Shirley (der bei homosexuellem Kontakt erwischt wurde) und Tony (der ihn herausboxen wollte) hinter Gitter stecken und sich ihnen gegenüber mit widerlicher Verächtlichkeit wie der Rotz am Ärmel benehmen. Wenn Dr. Shirley aber den einen Anruf gemacht hat, der ihm zusteht, dann wissen sie gar nicht, wie tief sie sich verbeugen sollen – denn der Mann, der für ihn interveniert hat, war Außenminister Bobby Kennedy…

Es ist ein Road Movie, in dem beide Beteiligten lernen – Reisen bildet, wenn auch gelegentlich auf die harte Tour (und von Zeit zu Zeit kann sich das Drehbuch der belehrenden Sprüche nicht enthalten, aber das macht nichts.)

Das Ende freilich ist dann über die Maßen sentimental, wenn Dr. Shirley endlich den hochmütigen Weißen den Rücken dreht, in einer Bar Chopin spielt und mit Tony rechtzeitig zu Weihnachten nach New York zurückkehrt, um von dessen riesiger italienischer Familie quasi „umarmt“ zu werden… (Und ganz am Ende gibt es die „echten“ Fotos der „echten“ Protagonisten, die das erlebt haben.)

Bis zu dem triefenden Schluß stimmt dieser Film in tausend Details, fasziniert durch seine Hauptdarsteller – und lehrt auch den Zuschauer so manches über Rassismus (von einst und heute!), was er sich möglicherweise gar nicht bewusst gemacht hat.

Renate Wagner

 

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