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lmstart: 17. September 2026
GENTLE MONSTER
Österreich, Frankreich / 2026
Drehbuch und Regie_ Marie Kreutzer
Mit: Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Catherine Deneuve, Regina Fritsch u.a.
Man sieht es den Tätern nicht an
Wer und was sind Pädophile? Gierige alte Männer, denen die Geilheit aus den Augen brennt und die Lust aus dem Mund rinnt? Wenn es so einfach wäre. Dass man sie nicht erkennt, diese Erfahrung hat die Regiseurin Marie Kreutzer selbst gemacht. Der biographische Hintergrund ihres Films „Gentle Monster“ ist offensichtlich und wird auch nicht geleugnet. Sie hatte Florian Teichtmeister im Team ihres „Corsage“- Films – und er hätte ihr fast den Erfolg ruiniert, als herauskam, dass er ein Pädophiler schlimmster Sort war, „passiv“ zwar, wie es heißt, aber offenbar besessen davon die Fotos mißbrauchter Kinder zu sammeln. Seine Sache? Eben nicht.
Immerhin war Marie Kreuzer „nur“ beruflich mit ihm befasst (was sie immer wieder, gewissermaßen von der Realität abrückend, betont). Dass ihr das Thema keine Ruhe ließ, ist verständlich, Dass der Film, den sie dazu machte, zwischen einsichtig und äußerst verkrampft ausgefallen ist, kann man verstehen – macht ihn aber für den Betrachter zu einer etwas mühsamen Slalomfahrt der Fakten und Gefühle.
Jeder Regisseur freut sich, wenn er die Möglichkeit einer EU-Coproduktion erhält, wenn man ihm französische Schauspieler zur Verfügung stellt. Dann schafft man im Drehbuch sogar das etwas mühselige Konstrukt einer französischen Musikerin, die offenbar trotz mehrjähriger Ehe mit einem Deutschen die Sprache noch nicht spricht und mit dem Gatten auf Englisch konversiert, während der kleine Sohn Johnny (Malo Blanchet) problemlos mit der Mama Französisch und mit dem Papa Deutsch spricht.
Man lernt sie als doch recht glückliche Familie kennen, die sich in ein altes Haus am Land, irgendwo in Bayern, zurück gezogen hat – nicht fernsehgerecht-kuschelig, eher nüchtern normal, Marie Kreutzer will nichts romantisieren. Und sie erlegt auch beiden Protagonisten berufliche Probleme auf – Lucy ist Musikerin (mit dem etwas gezwungen wirkenden Projekt, männliche Songs zu singen, mit sich selbst am Klavier), Philip scheint ein Fernseh-Mensch derzeit ohne aktuellen Auftrag zu sein. Gemeinsames Glück ist Söhnchen Johnny. So weit so gut – aber nicht lange.

Denn eines Tages steht die Polizei vor der Tür und holt Philip zu einem Verhör (was ihn gar nicht zu überraschen scheint – wie auch, er weiß ja, worum es geht). Und Lucy bricht nach und nach ihr ganzes Leben weg, wenn sie erfahren muss, dass Philip – angeblich, er versichert seine Unschuld – aktiv im Internet in der Kinderporno-Szene unterwegs war.
Nun folgen die Stadien des Leugnens. Sie will ihm glauben, wenn er versichert, es handelte sich dabei um die Recherche für ein Filmprojekt (bis sie vom Anwalt erfährt, dass es dieses nie gab). Sie will glauben, dass er Geld brauchte, um beider untätiges Leben in der Provinz zu finanzieren (bis sie von seinen Eltern hört, dass sie ihm Geld gegeben haben). Bis sie eines Tages nichts mehr glauben kann, als sie einen Stic findet, auf dem auch Fotos des Sohnes sind…
Marie Kreutzer geht vorsichtig mit dem Thema um. Hauptdarstellerin Léa Seydoux spielt Verzweiflung, aber nicht brüllenden Schmerz. Laurence Rupp kämpft um seine Frau, aber er weiß um seine Schuld. Ahnt man aus einer gewissen Gehetztheit die Sucht, die ja auch eine Art Krankheit, jedenfalls eine Anomalie ist? Nicht unbedingt…

Zwei Mütter werden einbezogen – Catherine Deneuve vielleicht nur, weil sie Catherine Deneuve ist und jeden Film schmückt, auch wenn Marie Kreutzer keine wirkliche Rolle für sie eingefallen ist. Regina Fritsch als Mutter von Philip, überzeugend in der Ratlosigkeit von Verwandten – es handelt sich schließlich um ihren Sohn, man will es im Grunde nicht glauben.
Nicht völlig klar ist die Figur der in den Vordergrund gerückten Rolle der Polizistin Elsa Kühn (Jella Haase), die Lucy eine schlechte Nachricht nach der anderen beibringen muss, mit ihrer Rolle aber wohl vor allem eine Funktion hat: Zu zeigen, das die mißgeleitete Sexualität überall lauert. Ihr alter Vater belästigt seine Pflegerin so sehr, dass diese ihre Koffer packt und auch für mehr Geld nicht bereit ist zu bleiben. Allerdings hinkt dieses Beispiel – ein grapschender Alter ist nicht dasselbe wie ein aktiver Pädophiler (von dem man, wie erwähnt, nicht eine Sekunde lang erfährt, was wirklich in seinem Kopf vorgeht). Das Beispiel der jungen Polizistin wäre eindringlicher, wenn die Pflegerin das Geld nähme und sich weiter belästigen ließe, weil sie einfach finanziell darauf angewiesen ist… was auch den Realitäten des Alltags vermutlich eher entspräche.
Alles in allem wird das Thema nobel und fast elegant umkreist, man merkt, dass die Regisseurin keinesfalls spekulativ und vordergründig damit umgehen will. Es ist schmerzlich für alle, hier nicht nur für die Gattin und die betroffene Umwelt, sondern auch für den Täter. Eine um Ausgewogenheit bemühte Haltung, die allerdings das Gefühl hinterlässt, Marie Kreutzer hätte sich gescheut, hier wirklich in Untiefen vorzudringen.
Renate Wagner

