
Filmstart: 1. Oktober 2026
FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS
Deutschland / 2026
Drehbuch und Regie: Doris Dörrie
Mit: Angela Winkler, Laura Tonke, Josef Ellers u,a,
Reklame für Roboter
Wir wissen es ja schon seit Maria Schraders „Ich bin Dein Mensch“, und nun legt Doris Dörrie noch nach: In „Frau Winkler verlässt das Haus“ bestätigt sie, dass humanoide Roboter die besseren (jedenfalls die nützlicheren) Menschen sind. Als Pflegekräfte eingesetzt, werden sie nicht müde, sind nicht unzuverlässig, nicht unfreundlich, verlangen keine Pausen und berufen sich nicht auf die Gewerkschaft. Sie tun ihre Arbeit rund um die Uhr und sind außerdem darauf programmiert, geduldig, höflich und mitfühlend zu sein.
Das Problem beginnt allerdings, das zeigen beide Regisseurinnen, wenn die Menschen anfangen, hier Bindungen zu entwickeln – und wenn die Roboter, die schließlich lernfähig sind, plötzlich dann ihrerseits Gefühle zeigen (und am Ende aus Sentimentalität ihre einprogrammierte Pflicht zur Sterbehilfe dann nicht vollziehen wollen….) Dann könnte man sich gleich wieder an Menschen halten, mit allen Problemen, die das mit sich bringt…
Wollte Doris Dörrie eine Satire drehen? Als ein echter Sci-Fi Film ist ihre Geschichte, die schon 2030 spielt , wohl nicht gedacht, obwohl wir schon gehört haben, dass in Japan die Pflege alter Leute bereits an die Roboter ausgelagert wurde. Also einfach nur ein logischer Schritt in die Realität von morgen? Immerhin gibt es dort im Lokal keine Kellnerin mehr, sondern einen herbei gerollten Apparat, der auf der zu zückenden Karte alles über den Kunden weiß. Wird wohl unvermeidlich so kommen.
Frau Winkler ist Ex-Schauspielerin. Dass ihr Name im Titel steht, mag eine Verbeugung der Regisseurin vor ihrer großen Interpretin sein, denn Angela Winkler ist eine lebende Legende des deutschen Theaters und hat in jüngeren Jahren auch als Bölls „Katharina Blum“ unsterblichen Filmruhm geerntet. Nun bekommt sie eine Rolle, in der Humor und sensibel ausdifferenzierte Problematik nebeneinander stehen.
Frau Winkler lebt allein in Hamburg, aber ihre Tochter Emi – zu der sie durchaus kein spannungsfreies Verhältnis hat – fühlt sich doch verpflichtet, sich um sie zu kümmern. Das klappt in dem Moment nicht mehr, als Frau Winkler einen Unfall erleidet (man soll als über Achtzigjährige nicht auf einen Sessel steigen und Vorhänge abnehmen wollen) – und Emi, ihrerseits auch Schauspielerin, im hundert Kilometer entfernten Lübeck eine Rolle in einer Produktion von Tschechows „Drei Schwestern“ erhält.
Gott sei Dank (?) bietet in naher Zukunft die Krankenkasse einen Pflegeroboter mit späterer Sterbebegleitung an, und die Tochter (die ihrerseits wieder eine kleine Tochter hat) kann in Lübeck proben.

Von da an läuft der Film auf mehreren Ebenen. Frau Winkler muss sich mit dem seltsamen Roboter auseinander setzen, den sie anfangs heftig ablehnt, der aber so freundlich programmiert ist, dass sie ihn unweigerlich lieb gewinnt. Und die Tochter muss sich nicht nur mit der Sorge um die Mutter, sondern auch mit einer sehr zeitgemäßen Inszenierung der „Drei Schwestern“ auseinander setzen.
Das ist zweifellos satirisch gemeint – die asiatische Regisseurin, der allerlei Unsinn einfällt (und bitte: „Moskau sagen wir nicht!“, die drei Schwestern wollen im Zeitalter des Ukrainekriegs nicht nach Moskau, sondern „nach Hause“), die Tatsache, dass man den Werschinin aus Gründen der Diversität mit einem jungen Schwarzen besetzt (wo er doch ein ziemlich älterer Russe sein soll), und wenn man am Ende ein paar Minuten Einblick in die Aufführung gewinnt, weiß man, dass man sie eigentlich nicht sehen wollte. Aber Emi muss natürlich spielen, man muss ja Geld verdienen…
Für Doris Dörrie ist dieses Tschechow-Stück, von dem man annimmt, dass sie es sehr mag, ein Vorwand dafür, viel über das Leben zu philosophieren: Schön, dass man da nicht selbst große Worte machen muss, sondern einfach den Dichter sprechen lässt, gleichsam als Kommentar zu einer nicht einfachen Gegenwart.
Angela Winkler säuselt sich sanft und souverän durch ihre Rolle, Laura Tonke ist glaubhaft sympathisch als gestresste Tochter, und der Österreicher Josef Ellers zeigt den Roboter, den Frau Winkler Pawlowitsch nennt (nach Anton Pawlowitsch Tschechow natürlich), als großartigen Verschnitt von Mensch und Maschine. In Rückblicken darf er auch Bruno, der verstorbene Gatte von Frau Winkler sein, mit einem schön österreichisch-bayerischen Dialekt-Mix.
Bleibt die Theaterhandlung ziemlich satirisch, so läuft die Geschichte von Frau Winkler und ihrem Roboter nach und nach Gefahr, süßlich zu werden, und am Ende drückt der Film ganz schön auf die Tränendrüse.
Was das Ganze eigentlich wollte, wird nicht explizit klar: Uns auf eine Zukunft vorbereiten, wo der Mensch sich abschafft, wir aber bitte keine Angst vor den netten Maschinen haben sollen? Vielleicht geht es nur darum und um weiter nichts… außer Tschechow natürlich.
Renate Wagner

